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Stille Zeit? Von wegen!

Von Peter Heintel

Entschleunigung im Advent? Das klingt nach Quadratur des Kreises. Peter Heintel, Professor für Philosophie und Gruppendynamik in Graz, ist Gründer des „Vereins zur Verzögerung der Zeit“. Er beschreibt, woher die Hektik am Jahresende kommt und warum das Lassen-Können zur  Freiheit führt.

Die sogenannte stille Zeit erleben wir als ihr Gegenteil: Zeitverdichtung, Stress, Hektik, musikalisch untermauerte Werbung fürs Weihnachtsgeschäft, Glöckchen schwingende Nikoläuse, nervös Herumeilende auf der Suche nach Geschenken. Vieles will noch vor den Feiertagen erledigt sein. Das alte Jahr soll sauber abgeschlossen werden. Besinnung? Vielleicht wäre es besser, wenn wir den Advent in den Sommer verschieben.

Früher wurde der Winter im Kalender nicht mitgezählt

Beim Zeit-Verschieben war die Menschheit noch nie zimperlich. Der römische, vorjulianische Kalender schloss das Jahr mit November. Dann war die Zeitrechnung für drei Monate ausgesetzt. Im März wurde das neue Jahr ausgerufen und das Fest des Gottes „Terminus“, der Gott der Grenze, gefeiert. Eine agrarisch dominierte Gesellschaft konnte wohl mit dieser lückenhaften Zeitrechnung auskommen. Im Winter ruhte die Natur. Ihre Forderung an die Menschen hielt sich in Grenzen.

Zuerst kamen der Juli und der August dazu

Die Ansprüche des größer werdenden römischen Reiches forderten allerdings genauere Zeitrechnungen. Also wurden zwei Monate eingeschoben: der Juli, benannt nach Julius Caesar, und der August, nach Kaiser Augustus. Der September, wörtlich übersetzt der siebte, wurde dadurch zum neunten Monat. Zeitordnungen sind durch die Absicht der Menschen bestimmt, sich vom Rhythmus der Natur zu lösen.

Man war der Natur ausgeliefert – oder fühlte sich so

Das Kirchenjahr mit seinen Festen hat viel „Heidnisches“ übernommen und mit der christlichen Botschaft verflochten. Die Erwartung, dass die Tage wieder länger werden, ist vereint mit der Ankunft des Sohnes Gottes, mit seiner Geburt. Ein Ereignis, das gleichsam so bedeutend ist wie die neu aufgehende Sonne, wie die Verlässlichkeit der Natur. Wenn die Natur schläft und die Nächte immer länger werden, steigt die Sehnsucht nach Neubeginn. Ob die Sonne tatsächlich wiederkommt und nicht die Menschen den Dämonen der Nacht überlässt, war lange zweifelhaft. Die Abhängigkeit von der Natur ließ sich nicht aufheben. Die Natur war das göttliche Subjekt, dem man ausgeliefert war.

Das pure Warten ist zu gefährlich

Winterzeit war von der Natur auferlegte Wartezeit. Im Nichts der Stille sind die Menschen auf sich selbst geworfen. Sie merken, wie ausgeliefert sie sind. Die Angst davor muss abgewehrt, die Stille durchbrochen werden durch Brauchtum, Dämonenvertreibung, durch Feste „portionierter“ Erwartung. Hoffnung in Portionen so wie beim Adventskalender, bei dem sich täglich ein Türchen öffnet.  Zu gefährlich ist das pure Warten und zudem ungewohnt.

Weihnachten: Befreit in den Neuanfang

Das Kirchenjahr endet mit Totengedenken. Im Advent erwarten wir die Ankunft eines neuen Lebens. Eines, das den Tod überwunden hat, wie es heißt. Es ist nicht mehr die Natur, die wiedergeboren wird. Es ist ein Mensch, an dessen Geburt jedes Jahr erinnert wird. Die jährliche wiederkehrende Erzählung über seine Ankunft soll erinnert daran: Die Menschwerdung ist vollbracht. Ist sie bei den Menschen angekommen?

Zuviel Freiheit führt zu Stress

Der Mensch ist in einigen Bereichen aus dem Bann der Natur befreit. Das fordert ihn zu neuer Selbstbestimmung heraus. Ein Universum von Möglichkeiten liegt vor ihm. Aber das entzieht dem Leben seinen festen Grund. Freiheit ist unbestimmbar. Sonst wäre sie nicht frei. Freiheit ist ein Prozess, der sich mit drei Bewegungen beschreiben lässt. Das erste Moment von Freiheit: Ich habe Möglichkeiten, Optionen, die mehr oder weniger sein können. In unserer Gegenwart explodiert die Zahl der Optionen. Man kommt kaum hinterher. Das macht Stress.

Freiheit zum zweiten kann nicht im Raum der Möglichkeiten schweben. Sie muss sich für etwas entscheiden und damit anderes ausschließen. Sie legt sich fest und ist dadurch nicht mehr frei. Das erleben wir tagtäglich. Wir haben Maschinen, Computer, Smartphones, um das Leben zu erleichtern und mehr Freiheit zu gewinnen. Am Ende bedienen wir die Maschinen. Das Verb verrät: Wir dienen.

Die Lösung: Freiheit unterbrechen

Daher hat Freiheit ein drittes Moment: Sie muss die Freiheit zu neuen Möglichkeiten wiedergewinnen. Das bedeutet: den täglichen Ablauf der Zeit und das gewohnte Getriebe unterbrechen. Unterbrechen ist ein Zauberwort der Freiheit.

Zu viele Optionen sorgen für Stress

Unsere Technik und Ökonomie machen uns unendlich viele Angebote, die früher nur im Traum wahr wurden. Die Verführung, sich dabei zu zerstreuen, ist groß. Wir alle unterliegen ihr und das in immer höherer Geschwindigkeit. Wir sollen uns immer schneller immer mehr selbst verwirklichen. In Arbeit und Leistung. In Besitz und Eigentum. Aber wir gewinnen bei diesem ständigen Fortschritt nicht die erhoffte Sicherheit und Erfüllung. Im Gegenteil. Je mehr gleichzeitig möglich ist, desto schneller kommt man an seine Grenzen, wird konfrontiert mit der eigenen Endlichkeit. Die Möglichkeiten sind unendlich, aber die Zeit ist befristet. Das macht hektisch: Nütze die Zeit, packe möglichst viel in sie hinein, versuche dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Jedoch: Ein vollgefülltes Leben ist nicht gleich ein erfülltes Leben.

Wie werde ich gelassen?

Freiheit ist Selbstverwirklichung. Sie hat aber noch eine andere Seite: das Lassen-Können. Gelassenheit hat Konjunktur. Aber wie wird man gelassen, erst recht im Advent? Lassen-Können heißt: die Dinge langsamer angehen, Pausen machen, auf seine Lebensrhythmen Rücksicht nehmen. Widerstand leisten, wo unnötiger Zeitdruck verbreitet wird. Der bringt meist ohnehin nichts außer schlampigen Entscheidungen. Er verhindert oft die gründliche Analyse von Problemen. Zeitdruck erzeugt Krankheiten, die dann wieder ökonomisch von Nachteil sind.

Abschied nehmen im Advent und neu anfangen

Advent ist eine Zeit zwischen Todesgedanken und Neugeborenem. Advent unterbricht den sonstigen Ablauf des Jahres und kann eine Zeit für Rückblick und Vorausschau sein. Das alte Jahr ist getätigt, zu Ende gebracht. Man kann betrachten, was gut und was verfehlt war. So radikal es klingt: Man kann das Gute wie das Verfehlte in Frieden sterben lassen. Denn Advent verheißt: Nach dem Tod kommt die Geburt. Der Kreis des Lebens beginnt von neuem.

Advent. Zeit des Schenkens. Es gibt viele Dinge, mit denen man anderen eine Freude bereiten kann. Aus gutem Grund sind sie, mal mehr, mal weniger aufwendig in Geschenkpapier gehüllt. Einpacken und Auspacken sind ein begleitendes Ritual. Das Geschenkpapier umhüllt das Greifbare mit etwas Unbegreiflichem: mit der Zeit, die sich Schenkender und Beschenkter gegenseitig widmen. Unter allen Dingen, die wir zu geben haben, ist das ein besonderes Geschenk: Zeit.    

Zeit finden  

1. Zeit-Notruf    
Aktion des „Vereins zur Verzögerung der Zeit“: Ein kleiner Glaskasten, ähnlich einem Feuermelder, hängt in der Fußgängerzone. Er hat einen roten Knopf. Darunter steht: „Bei Zeitnot bitte Knopf drücken und warten, bis Zeit kommt.“

2. Kreditkarte für Zeit  
Der „Verein zur Verzögerung der Zeit“ hat eine Bankomat-Karte entwickelt. Sie sieht wie eine echte aus und hat die Aufschrift „Zeit ist Geld“. Der Versuch, damit Zeit abzuheben, führt zu lebhaften Gesprächen.  

3. Zeit-Tagebuch    
Tipp zur Entschleunigung der Zeit: eine Woche ein Zeittagebuch führen. Am Wochenende kann man es sich genauer ansehen. Im Allgemeinen entdeckt man dabei, wofür man unnötig Zeit verwendet hat, die auch bei anderen zu Zeitdruck geführt hat.

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Christus spricht:
Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.

Lukas 10, 16

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages / issalina

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