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„Ohne Smartphone könnte ich nicht leben“

Von Jakob Dettmar

Linus* verbringt fast sein ganzes Leben am Smartphone - zwei Akkuladungen verbraucht er am Tag. Cecilia hat nur ein uraltes Handy - das bleibt auch mal acht Stunden unbenutzt in der Tasche. Jakob Dettmar hat mit den beiden über schnelle Kommunikation, das Internet und die Frage gesprochen: Ist das Stress oder Entspannung?

Eigentlich sind sich Linus Hartmann* und Cecilia Sebastian sehr ähnlich: Sie studieren beide Philosophie und Germanistik in Frankfurt und sind Anfang zwanzig. Aber Cecilia will weder daheim Internet haben, noch auf ihrem Handy. Dabei lebt ihre Familie weit weg in den USA. Linus dagegen ist eigentlich immer online und hat tausende Follower auf Twitter. Ein - ganz analoges - Gespräch über das digitalisierte Leben.

Wann habt ihr das letzte Mal euer Handy benutzt?

Linus: Ungefähr vor 20 Minuten. Ich habe es auf dem Weg hierher benutzt. Es ist nämlich zu einer Angewohnheit geworden, dass ich immer erst in die U-Bahn steige und dann nachschaue, wie ich jetzt genau fahre. Dann habe ich die Adresse eingegeben und mich hier her navigieren lassen.

Cecilia: Ich benutze das Handy immer als Wecker, aber sonst schaue ich nicht so oft drauf. Heute habe ich einen Anruf bekommen.

Könnt ihr noch ohne Handy leben?

Cecilia: Ohne Handy könnte ich auf jeden Fall leben, auch wenn das wegen der Erwartungen der anderen ein bisschen schwierig ist.

Linus: Ich habe noch nie ohne Handy gelebt. Ich gehöre ja zu der Generation, die direkt damit aufgewachsen ist. Die „Vor-Smartphone-Ära“ ist an mir vorbeigegangen. Ich weiß nicht, ob ich ohne leben könnte, im normalen Stadtalltag eher nicht.

Wenn ihr an die letzten beiden Wochen denkt: Was war eure längste Zeit ohne Handy?

Cecilia: Meistens habe ich es dabei, außer wenn ich joggen gehe. Meistens versuche ich mich daran zu erinnern, das Handy mitzunehmen, so dass ich in der Uni erreichbar bin. Aber es gibt schon mal acht Stunden am Tag, an denen ich einfach nicht darauf gucke.

Linus: Ich habe mein Smartphone immer dabei. Ich habe eine Applikation, die analysiert, wie mein Schlafverhalten ist, das heißt, es ist in der Nacht an. Ich höre mit dem Handy Musik beim Duschen, ich gucke die Tagesschau in 100 Sekunden beim Frühstücken, in der Bahn höre ich Musik. Die längste Zeit ohne Smartphone war, als der Akku mal zwei Stunden lang unterwegs leer war.

Warum hast du dich gegen ein Smartphone entschieden, Cecilia?

Cecilia: Ich bin mir nicht sicher, ob ich das als Protest sehe oder einfach besser damit klar komme. Wenn du ständig am Smartphone bist, liest du so viele Sachen, die du gar nicht sehen wolltest. Dann wirst du mit diesem Überfluss von Informationen bedrängt. Das finde ich wirklich schlimm, deswegen entscheide ich mich lieber für Bücher oder schaue ab und zu ins Internet. So kann ich entscheiden, woran ich denken will, und wann ich will. Ich werde nicht von irgendetwas anderem abgelenkt.

Linus, du hast gesagt, dein Handy sei sogar beim Schlafen an. Stresst dich dieser Überfluss gar nicht?

Linus: Wenn man durch seine Facebook-Timeline scrollt, dann kriegt man die ganze Zeit Informationen, die man eigentlich nicht möchte. Aber man lässt sich berieseln. Es geht nicht darum, aktiv Informationen aufzunehmen, es geht darum, zu entspannen, irgendetwas zu kommentieren, oder zu liken, um zu zeigen, dass man am Leben der anderen teilnimmt. Und um auch selbst wieder diese Information zurückzubekommen. Auf der anderen Seite kann ich mir nicht vorstellen, irgendeinen wissenschaftlichen Text ohne mein Smartphone zu lesen, weil ich fast jeden zweiten Begriff googlen muss. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste in eine Bibliothek gehen, die ganze Zeit mit einem Lexikon da sitzen und das raussuchen: Das stelle ich mir unglaublich stressig vor. Es gibt viele Informationen, die auf dich einrieseln, aber es gibt auch viele Informationen, die du ganz gezielt und spezifisch suchen kannst.

Cecilia, beschweren sich deine Freunde, dass du kein WhatsApp und Facebook hast?

Cecilia: Inzwischen mussten meine Freunde einfach damit klar kommen, ich werde mich wahrscheinlich nicht ändern. Ich glaube, ich bekomme die meiste Kritik von meiner Mutter in den Staaten, weil sie mich nicht per Skype erreichen kann und das billiger wäre als zu telefonieren. Vielleicht habe ich einige Freunde daran verloren, aber das ich glaube nicht.

Stört es deine Freunde, dass du manchmal einfach nicht erreichbar bist?

Cecilia: Wenn jemand mir eine E-Mail schickt, versuche ich immer innerhalb von 24 Stunden zu antworten. Ich denke, die meisten Leute finden das richtig cool, weil es früher immer so war, dass ich jederzeit Internetzugang hatte und deswegen die E-Mails gelesen und gedacht habe, dass ich morgen darauf reagiere. Das habe ich dann vergessen und eine Woche später dachte ich mir: Ich darf gar nicht mehr darauf antworten, das ist mir zu peinlich. Dadurch, dass ich inzwischen nur diese begrenzte Zeit im Internet bin, versuche ich wirklich, damit sehr praktisch umzugehen und sofort auf E-Mails zu antworten. Damit kommen meine Freunde klar.

Linus, du hast innerhalb von fünf Minuten auf meine Interviewanfrage auf Twitter geantwortet.

Linus: Das war eine Seltenheit. Aber ich habe bestimmt schon Freundschaften im zweistelligen Bereich versiegen lassen, weil ich einfach nicht geantwortet habe. Das ist genau der Effekt. Man denkt, man hat jetzt einen Tag lang nicht geantwortet, jetzt kann ich nicht mehr antworten. Ich bin halt der Mensch, der auch mal drei Tage lang nicht antwortet, obwohl er jede Minute an seinem Smartphone hängt. Deswegen kriege ich sehr, sehr viel Ärger. Da sind schon Beziehungen, Freundschaften und das Verhältnis zu meinen Eltern draufgegangen.

Sollte man lieber ohne Messenger-Dienste leben?

Linus: Nein, das würde ich auf keinen Fall tun. In meinem Alter gibt es keine Möglichkeit ohne Smartphone mit ungefähr einem Drittel meiner Freunde Kontakt zu halten. Anrufen ist eine Seltenheit geworden. Es ist etwas absolut Intimes, wenn man die Stimme von jemandem am Telefon hört. Ich würde die Messenger-Dienste auf gar keinen Fall abschalten. Ich sehe die lästigen Nebeneffekte, aber trotzdem überwiegt der Fortschritt.

Cecilia: Du hast ein Facebook-Profil, du hast WhatsApp, du hast E-Mail, du hast eine Handynummer, du hast Twitter und Instagram. Brauchst du das alles?

Linus: Ich würde behaupten, dass ich das alles brauche. Bei Facebook habe ich Menschen, die ich kennengelernt habe und mit denen ich Kontakt halten möchte. Und dann habe ich meinen Twitteraccount, der teilweise anonym ist. Ich kenne einige Leute über Twitter, und die wissen auch, wer ich bin. Aber im Großen und Ganzen kennt mich die Mehrzahl meiner Follower überhaupt nicht, und das ist sehr gut so. Dann habe ich noch einen Haufen Blogs, die ich aber komplett anonym schreibe. Das hat alles seine Berechtigung, das hat alles seine Nische, das sind alles unterschiedliche Arten von Verbindungen zu diesen Menschen.

Hast du da keine Lust drauf, Cecilia?

Cecilia: Nein. Ich schätze die Freundschaften, die ich habe, viel mehr, weil ich mir wirklich Mühe gebe, meine Freunde zu sehen und zu treffen. Wenn sie woanders leben, dann schreibe ich E-Mails, wirklich lange E-Mails, fast wie Briefe. Und dann bekomme ich auch etwas zurück. Für mich hat das einen Wert, von dem ich glaube, dass ich ihn bei Facebook nicht hatte und nicht haben würde.

Kommunikation ist das eine, Alltagsleben das andere Thema. Linus, du hast gesagt, du schaust erst in der U-Bahn nach dem Weg - per Smartphone. Ist das für dich entspannter so?

Linus: Ja, auf jeden Fall. Es ist die absolute Freiheit, zu wissen, dass man sich keine Gedanken über spezielle Dinge machen muss. Also kann ich mich auf den Weg zum Einkaufen begeben und erst währenddessen gucken, welche Zutaten ich für ein gewisses Gericht brauche. Ich kann mich in die Bahn setzen und erst dann präzisieren, wohin ich fahren möchte. Ich kann mir im Internet irgendetwas bestellen und es sofort wieder zurückschicken. Ich habe so eine Freiheit, ich muss mich auf nichts wirklich festlegen, ich kann alles halb anfangen und dann im Internet schauen, wie ich es zu Ende bringe. Das heißt, ich brauche nur noch ein Teilwissen, kein absolutes Wissen: Ich muss nur noch wissen, wo ich die Informationen finde.

Cecilia: Das wäre für mich total stressig. Du musst Dir dabei so viele Gedanken machen, was du jetzt googeln willst, wo du hin willst. Ich würde Angst haben, wenn ich nicht genau wüsste, wo ich hin will. Ich kann immer eine Karte anschauen, aber wenn dein Akku leer ist, dann stehst du da.

Planst du das vorher, Cecilia?

Cecilia: Ja, ich plane lieber vorher. Ich kann auch sehr gut eine S-Bahn-Karte lesen. Und Janis, nimmst du die Wirklichkeit noch wahr? Wenn Du zum Supermarkt läufst und die ganze Zeit auf dein Handy guckst, anstatt um dich herum.

Linus: Ich nehme meine Umwelt anders wahr, es ist verzahnt. Wenn ich etwas Emotionales erlebe, dann schreibe ich das bei Twitter. Die Leute kennen mich nicht, deshalb kann ich auch schreiben, wenn ich geweint habe. Oder ich sehe eine Blume mitten auf einer Baustelle, die ich fotografiere und auf Instagram einstelle. Dann habe ich das Gefühl, meine Umwelt gerade intensiver wahrgenommen zu haben. Und ich ermögliche auch noch anderen, dass sie das so intensiv wahrnehmen.

Cecilia: Das klingt super stressig für mich. Ich würde lieber diese Kette von Anfang an irgendwie abschneiden, das will ich nicht.

Wenn ihr Bilanz ziehen müsstet: Das Leben mit dem Internet, eher Stress oder Entspannung?

Cecilia: E-Mail ist gar kein Problem, aber SMS finde ich richtig anstrengend, die zu tippen habe ich überhaupt keine Lust. Dann lieber anrufen, ich freue mich auf jeden Anruf. Ob ich das Handy ausmachen kann? Auf jeden Fall. Normalerweise ist es so, dass das Handy einfach ausgeht.

Linus: Für mich ist das Internet Entspannung. Es macht zum einen das Leben einfacher, ich muss zu niemanden hinfahren, ich kann zuhause im warmen Bett liegen bleiben und trotzdem mit jemandem schreiben.

Würdet ihr tauschen?

Beide: Nein.

Linus: Wir würden ja auch keinen Zustand tauschen, denn sonst würden wir auch die ganze Entwicklung dahin tauschen. Ich habe jetzt über das Internet coole Leute kennen gelernt, ich habe aber auch blöde Leute kennen gelernt. Es hat mich auch zu dem gemacht, was ich bin.

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* Der Name ist der Redaktion bekannt

In der Konzentration auf das, was ist,
kann sich so etwas wie ein Raum öffnen,
ein Gewahrsam schärfen für die Gegenwart Gottes.

(Carsten Tag)

Carsten Tag

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages / rusm

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