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Sonnenstrahlen auf der Haut, das Rascheln der Blätter und besinnliche Momente: Die achtsame Wahrnehumg ist Bestandteil vieler Pilgertouren. Pilgern spricht Körper, Geist und Seele an. Diese ganzheitliche Glaubenspraxis, die alle Sinne umfasst, wird oft auch als "Beten mit den Füßen" bezeichnet. Wer pilgert, hält sich vorwiegend außerhalb der klassischen Orte des Glaubens auf, wie beispielsweise den Kirchen. Die Natur eröffnet die Chance, sich wieder mit seiner "Lebenskraft und allem Lebendigen zu verbinden", wie Pfarrerin Natalie Ende erfahren hat.
Die spirituelle Suche, die Glaubenserfahrung beim Unterwegssein, unterscheiden das Pilgern vom Wandern. Dabei reichen die Wurzeln des Pilgerns weit zurück.

Darum geht es

Das Pilgern wird im Christentum, aber auch in anderen Religionen wie dem Judentum, dem Islam, dem Hinduismus und Buddhismus praktiziert. Der Begriff „Pilger“ geht auf das lateinische Wort „peregrinus“ zurück, das eine Bezeichnung für „den Fremden“ ist. Wer pilgernd unterwegs ist, geht aus der vertrauten Umgebung heraus. Ziel ist, sich spirituellen Erfahrungen zu öffnen, auch besondere religiöse Orte können aufgesucht werden.

Unterwegssein in biblischen Zeiten

Bereits zu biblischen Zeiten waren Menschen unterwegs und haben dabei tiefe Glaubenserfahrungen gemacht, die sie von Generation zu Generation weitererzählt und schließlich aufgeschrieben haben. Ungefähr 2.000 bis 1.859 v. Chr. zogen Abraham und seine Familie als Nomaden umher und hatten sich auf den Weg in das Land gemacht, das ihnen Gott verheißen hatte. Unterwegs führt Abraham immer wieder Zwiegespräche mit Gott und errichtet in Kanaan einen Altar, um Gott zu ehren (1. Mose 12 ff).
Mehrere Generationen später sind die Isreaeliten wieder unterwegs, um aus der Knechtschaft in Ägypten ins verheißene Land zurückzukehen (1. Mose 13,17 ff). Sie überwinden Hindernisse, durchqueeren die Wüste, leiden unter Hunger und Durst und schließlich macht sich Unmut breit. Doch Gott lässt sein Volk nicht allein, die Israeliten werden mit Wachteln, Manna und Wasser versorgt.
Die Bibel erzählt auch von einem Mann namens Elkana, der aus seiner Stadt hinauf nach Silo ging, das ungefähr 30 km nördlich von Jerusalem liegt. Dort betete er zu Gott und opferte ihm (1. Samuel 3ff). Silo wird als zentrales Heiligtum beschrieben, in dem sich eine Zeit lang die Bundeslade der Israeliten befunden haben soll. Vor allem zu den drei großen Erntefesten waren die Menschen unterwegs. Schließlich wurde der Tempel in Jerusalem zum wichtigsten Ziel der jüdischen Pilgernden. Auch Jesus machte sich oft auf den Weg, um seinen Glauben zu bezeugen, davon erzählt auch die Bergpredigt (Matthäus 5 ff). Um das religiöse Fest Pessach zu feiern, hatte sich Jesus kurz vor seinem Tod mit seinen Jüngern auf den Weg nach Jerusalem gemacht (Mattäus 20,17 + 26,18).

Von der Pilgerpause zur Volksbewegung

Auch wenn Paulus in mehreren Missionsreisen unterwegs war, um Menschen vom christlichen Glauben zu überzeugen, war das Pilgern unter den frühen Christinnen und Christen nicht üblich. Damit wollten sie sich von anderen Glaubensrichtungen unterscheiden. Das änderte sich, nachdem das Christentum in der Mailänder Vereinbarung (313 n. Chr.) anerkannt wurde und die Verfolgungen aufhörten. Wallfahrten wurden zu einer Art Volksbewegung. Die frühen Christen zog es zu Wallfahrtszielen wie dem Grab Jesu im Heiligen Land, zu weiteren biblische Stätten sowie zu den Gräbern der Apostel und Märtyrer vor allem in Rom. Schließlich entwickelten sich Reliquien- und Marienwallfahrten zu verehrten Statuen oder Erscheinungsorten Marias.

Exkurs: Was unterscheidet Pilgern von Wallfahrten?

Wallfahrten und Pilgern sind sich ähnlich – bei beiden geht es um eine religiös begründete Reise. Bei einer Wallfahrt steht das Ziel, der Besuch einer religiösen Stätte, etwas stärker im Mittelpunkt, während beim Pilgern die Betonung eher auf den Begegnungen und Glaubenserfahrungen beim Unterwegsseins liegt. Pilgern gehört heute zur Glaubenspraxis in der evangelischen und katholischen Kirche, wobei Wallfahrten im katholischen Bereich organisiert werden.

Jakobsweg: Santiago de Compostela seit dem 9. Jahrhundert ein Pilgerziel

Zu den großen Pilgerzielen wie Rom und Jerusalem gesellte sich im 9. Jahrhundert eine dritte Stadt hinzu: Santiago de Compostela. Hier soll sich das Grab des Apostels „Jakobus der Ältere“ befinden. Er hatte zu den Jüngern Jesu gehört und wurde 44 n. Chr. unter Herodes Agrippa I hingerichtet. Damit gilt Jakobus als erster Märtyrer der Apostel. Bis heute pilgern teilweise mehrere hundertausend Gläubige pro Jahr auf den Jakobswegen.

Reformatoren lehnten Missstände rund um das Pilgern ab

Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurde ein regelrechter Pilgerboom ausgelöst, als schließlich alle 25 Jahre in Rom so genannte „Gnadenjahre“ gefeiert wurden. Es wurde in Aussicht gestellt, dass Sünder für ihre Verfehlungen vollkommenen Ablass erfahren sollen. Falsche Frömmigkeit, Ablässe und der Handel mit Reliquien (irdische Überreste verehrter Personen von religiöser Bedeutung) uferten aus.
Reformatoren wie Martin Luther kritisierten, dass sich manche Gläubige mit Pilgergängen oder Ablasszahlungen die Gnade Gottes erkaufen wollten. Sie lehnten Wallfahrten ab, weil der Mensch sich Gott damit gefügig machen wolle. Damit endeten zunächst Wallfahrten und das Pilgern in protestantisch geprägten Regionen. In der evangelischen Frömmigkeit trat an diese Stelle ein Pilgertum im Geiste.

In der katholischen Kirche gehörte das Pilgern weiterhin zur Glaubenspraxis. Missstände wurden weitgehend beseitigt und die geistlichen Grundlagen wurden stärker betont. Während des Nationalsozialismus wurden Wallfahrten erschwert, waren aber auch Zeichen des Protests. Der „Pilgerpapst“ Johannes Paul II brachte neuen Aufschwung durch seine weltweiten Reisen im Dienst der Kirche.

Zunehmende Begeisterung auch unter evangelischen Gläubigen fürs Pilgern

Zunehmend begeisterten sich auch evangelische Christinnen und Christen für das „Beten mit den Füßen“. Viele erleben die Verbindung von körperlicher Bewegung und Glauben als anregend und stärkend. Zudem lässt sich das Pilgern gut mit dem protestantischen Verständnis verknüpfen, bei dem die Worte der Bibel die entscheidende Richtschnur der Glaubenspraxis bilden: Den vielen Weggeschichten der Bibel wie der Exodusgeschichte, aber auch dem Nachfolgegedanken, können sich Pilgernde beim Gehen mit allen Sinnen annähern. Zudem sind aus guten, ökumenischen Kontakten gemeinsame Pilgerwege erwachsen. 2009 hat Hape Kerkeling durch das Buch „Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg“ einen regelrechten Pilgerboom ausgelöst, den bisher nur die Pandemie etwas bremsen konnte. Ein Teil des Jakobsweges führt auch durch Hesse-Nassau, aber auch viele weitere kreuzen das Kirchengebiet, wie der Lutherweg, die Bonifatiusroute oder der Elisabethpfad. Es lässt sich fast vor der eigenen Haustür einsteigen.

zu den Pilgerwegen in Hessen-Nassau

[RH]

Quellen:
Brockhaus-Personenlexikon: Wer ist wer in der Bibel? (Witten, 2013)
Hrsg.: Hans Dieter Betz u.a.: Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft: Religion in Geschichte und Gegenwart (Tübingen, 2005)
Hrsg.: Natalie Ende: Im Grünen (Frankfurt am Main, 2017)

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Beten mit Worten der Bibel:

Gott,
wir erfassen kaum, was auf Erden ist,
und begreifen nur schwer,
was wir in Händen haben.
Was aber im Himmel ist, wer hat es erforscht?
Und wer hat deinen Ratschluss erkannt?
Es sei denn, du hast Weisheit gegeben und
deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt.
Amen

(Weisheit 9,16 ff)

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