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Seelische Gesundheit während der Corona-Pandemie stärken

Bildquelle: gettyimages, Parten KukhilavaTelefonierenWer weiterhin wertschätzende, sozialen Kontakte pflegt, stärkt auch seine seelische Gesundheit

Durch die zweite Corona-Welle sind die Bürgerinnen und Bürger wieder mit stärkeren Beschränkungen sowie möglichen Ansteckungsrisiken konfrontiert. Manche Menschen leiden zunehmend unter Ängsten, fühlen sich unruhig, erschöpft oder bemerken vermehrt körperliche Symptome. Doch es gibt Möglichkeiten, die Auswirkungen der Pandemie auf unsere Seele zu mildern. Im Interview gibt Diplom-Psychologin Jutta Lutzi dazu Empfehlungen, klärt aber auch über Ursachen und Zusammenhänge auf. Sie ist die Beauftragte für psychologische Beratungsarbeit in der EKHN:

Wie hat sich die Corona-Pandemie zunächst auf die Menschen ausgewirkt?

Jutta Lutzi: In der ersten Zeit der Pandemie konnten viele Menschen offensichtlich relativ gut mit der Situation umgehen und nicht selten wurde auch von einer Entspannung der familiären Situation berichtet. Es kam in den psychologischen Beratungsstellen nicht zu einer erhöhten Anmeldezahl von Menschen in Krisensituationen. Menschen berichteten zum Teil, dass es trotz der Anforderungen von Home-Office und Home-Schooling auch mehr positiv erlebte gemeinsame Familienzeit gegeben habe.

Was hat sich bei den Menschen mit zunehmenden Dauer der Pandemie verändert?

Jutta Lutzi: Mit der zunehmenden Dauer der Pandemie sind jedoch inzwischen vermehrt krisenhafte Zuspitzungen zu beobachten. Es kommt verstärkt zu existenziellen Ängsten, die nicht nur mit einer konkreten existenziellen Notlage zu tun haben. Auch Menschen in einer gesicherten beruflichen Position sowie einem guten sozialen Umfeld fühlen sich existenziell bedroht. Die Pandemie bringt die Erfahrung mit sich, dass es eine gesundheitliche Bedrohung gibt, die zunächst nicht zu kontrollieren ist und vor der man sich nur begrenzt schützen kann. Dies können Menschen als Erschütterung ihres Grundvertrauens in die Welt erleben, in der es doch in der Regel Lösungen für fast alle Probleme zu geben schien. Diesen Ängsten begegnen Menschen zum Teil mit verstärkten Kontrollversuchen in ihrem Umfeld, was bisweilen zwanghafte Züge annehmen kann.

Warum unterscheiden sich die Auswirkungen dieser Krise im Vergleich zu anderen, persönlichen Krisen?

Jutta Lutzi: Menschen verfügen grundsätzlich über ein erhebliches Potenzial, psychische Gefährdungen und Krisen zu durchstehen und sich auch allein wieder davon zu erholen. Je länger jedoch eine Krise dauert, desto mehr können Zweifel auftauchen, ob die Situation wirklich bewältigt werden kann, und es kann die psychische Widerstandskraft sinken.

Welche Tipps haben Sie – wie kommen wir psychisch möglichst gut durch die zweite Welle der Krise?

Jutta Lutzi: Ja, es gibt tatsächlich einige Empfehlungen. Mit meinen Kollegen Dr. Raimar Kremer haben wir einige zusammengestellt:

  1. Bewusst machen, welche soziale Kontakte bestehen:
    Wichtig ist es, darauf zu schauen, wen und was man hat. Fragen Sie sich: Welche Beziehungen sind für mich wichtig? Welche Unterstützung gibt es für verschiedene Fragestellungen? Was verleiht Sicherheit?

  2. Soziale Kontakte pflegen:
    Da alle Menschen von der Pandemie betroffen sind, gibt es viele Möglichkeiten des Austausches – wie gehen andere mit den Einschränkungen um? Wie erleben diese die Situation?

  3. Das Positive ins Bewusstsein rufen:
    Es gilt vor allem, nicht nur das im Blick zu haben, was gerade nicht geht. Ich ermutige darauf zu schauen, woran wir Freude haben, was möglich ist.

  4. Bewegung:
    Da Körper und Seele zusammenhängen, ist Bewegung empfehlenswert: Homeworkout, Joggen, Spazierengehen und regelmäßig Zeit draußen verbringen. Verlassen Sie die Wohnung bewusst für Spaziergänge – Shopping wäre weniger ratsam.

  5. Meditation, Gebet und Achtsamkeitsübungen:
    Zu mehr Gelassenheit können meditative Musik beitragen, aber auch Atemübungen, das Abklopfen des Körpers, das Sprechen eines Gebetes und Singen. Außerdem kann eine Reise durch den Körper entspannen, bei der jedes Körperteil bewusst mit geschlossenen Augen wahrgenommen wird.

  6. Alltag strukturieren (gerade im Homeoffice):
    Regelmäßige Rituale können das Sicherheitsgefühl stärken: also aufstehen, anziehen (keine Joggingsachen), frühstücken, mit der Arbeit am PC beginnen, eine Mittagspause machen … Achten Sie darauf, nichts schleifen zu lassen: Schalten Sie z.B.: nach dem Ende des Arbeitstages bewusst den PC ab. 

  7. Gemeinsam kochen:
    Aktionen mit der ganzen Familie fördern den Zusammenhalt. Das gilt für das gemeinsame Kochen und Essen, aber auch für Spaziergänge und vieles mehr.

  8. Mit Kreativität und Selbsterfahrung den Herausforderungen begegnen:
    Die Erfahrung, an Grenzen zu stoßen und einen Mangel zu empfinden, muss nicht nur einschränken. Herausforderungen bringen oft erst kreative Prozesse in Gang. Es tauchen möglicherweise neue Interessen auf und man kann neue Erfahrungen mit sich selbst machen.

  9. Nachrichtenflut und Medienkonsum begrenzen:
    Es reicht zweimal am Tag, mit (schlechten) Nachrichten konfrontiert zu werden. Man sollte nicht ewig nach der ultimativen Wahrheit im Internet suchen, die es ohnehin nicht gibt. Smartphone, Fernsehen und PC sollten insgesamt nach Möglichkeit reduziert eingeschaltet werden.

  10. Hilfe in Anspruch nehmen:
    Sollte die psychische Belastung zu groß werden, kann man die Hilfe einer psychologischen Beratungsstelle in Anspruch nehmen.
    zu Hilfe, Beratung und Seelsorge

Wie wirkt sich die Corona-Zeit auf Paarbeziehungen aus?

Jutta Lutzi: Bei Paaren können mit zunehmender Dauer der Pandemie Konflikte entstehen bzw. bestehende Konflikte sich krisenhaft zuspitzen, bis hin zur Frage einer möglichen Trennung. Die psychologischen Beratungsstellen verzeichneten nach den Sommerferien eine Zunahme von Anmeldungen für Paar- und Trennungsberatungen. Home-Office und eingeschränkte Möglichkeiten im Freizeitbereich bedeuten, dass Paare viel Zeit Zuhause und miteinander verbringen (müssen). Dies kann für die einen eine positive Entwicklung der Paarbeziehung mit sich bringen, da mehr Raum und Zeit für gemeinsame Gespräche und Aktivitäten zur Verfügung steht. Bei Paaren, bei denen die Partner viel Freiraum für sich bzw. eigene Beschäftigungen brauchen, kann die (erzwungene) gemeinsame Anwesenheit Zuhause als zu eng und zu dicht erlebt werden. Es fehlen dann Aktivitäten im Sinne von Hobbies, Ehrenamt etc., die für die Einzelnen zur Selbstbestätigung beitragen. Zusätzlich stellt  sich auch die Frage, wie viel bzw. wenig die Partner miteinander anfangen können. Manche fühlen sich dann in der Paarbeziehung regelrecht eingesperrt.
zu den Empfehlungen für Paare

Worunter leiden die Kinder und Jugendlichen?

Jutta Lutzi: Für alle Kinder und Jugendlichen sind neben der Schule die Kontakte zu Freundinnen und Freunden ein wichtiger Bereich des Lebens. Sie brauchen von daher nicht nur gute Lernbedingungen in der Schule, sondern auch die Möglichkeit, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen. Home-Schooling und digitale Formate werden z.T. als belastend und ermüdend erlebt, zumal die persönliche Begegnung mit Lehrkräften und Mitschülerinnen und Mitschülern fehlt, die man um Rat fragen könnte.
Vor allem in Familien, die sich schwer tun mit Struktur und Unterstützung der Kinder, fehlt es den Kindern an einem geregelten Alltag und einem guten Lernumfeld. Von daher ist gerade für solche Kinder der Zugang zu Kita und Schule besonders wichtig.
Kinder und Jugendliche spüren natürlich ebenfalls mit zunehmender Dauer der Pandemie die allgemeine Besorgnis und Verunsicherung. Kinder und Jugendliche brauchen für ihre Entwicklung einen positiv gestimmten Zugang zur Welt, in der sie aktiv sein und sich ausprobieren können. Durch die Pandemie ist die Welt zu einem Ort allgegenwärtiger Bedrohung geworden, an dem vieles gar nicht oder nur mit besonderen Vorsichtsmaßnahmen möglich ist. Dies kann natürlich zu Ängsten führen und das Lebensgefühl beeinträchtigen.

Wie können die Eltern und das Umfeld den jungen Menschen in ihrer prägenden Lebensphase hier helfen?

Jutta Lutzi: Wichtig für die jungen Menschen ist natürlich die Unterstützung durch die Eltern. Es gilt, die Bedürfnisse der Kinder nach Struktur und Orientierung im Blick zu haben und für einen geregelten Alltag zu sorgen. Kinder brauchen Gespräche über ihre Sorgen und Anleitung bei der Bewältigung des Alltags. Eltern können jeweils gemeinsam mit den Kindern schauen, welche Aktivitäten und Kontakte in der jeweiligen Situation möglich sind, um trotz der Einschränkungen Entwicklungsräume zu ermöglichen.

Empfehlungen für Familien in der Corona-Krise

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Glück ist Verbundenheit,
also eben nicht die unverbundene Selbststeigerung,
die alles andere benutzt zur eigenen Optimierung.

(Fulbert Steffensky)

Johannes 1,16

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von Quelle: gettyimages, rusm

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