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Ursachen bei Rechtspopulismus

Kein Mensch wird als Rechtspopulist geboren

Imgorthand/istockphoto.comKleiner depressiver Junge sitzt allein auf dem BodenKleiner depressiver Junge sitzt allein auf dem Boden

Die letzten Wahlergebnisse, aber auch Studien zeigen, dass rechtspopulistische Einstellungen auf dem Weg sind, sich zu etablieren. Was sind die Gründe der rechtsautoritäteren Welle? Gefühle von wirtschaftlicher Unsicherheit und Ungleichheit, der Druck der Globalisierung und die Kritik an einem links ausgerichteten Wertewandel sind beachtenswerte Ansätze. Für den Kinderarzt und Pädagogen Herbert Renz-Polster liegen die tieferen Ursachen in Erlebnissen der Kindheit.

Von Nils Sandrisser (Evangelische Sonntags-Zeitung)

Warum haben rechtspopulistische Einstellungen in Deutschland ein so hohes Maß an Zustimmung erhalten? Der Kinderarzt und Pädagogen Herbert Renz-Polster ist nicht der erste, der versucht, diese Frage zu beantworten. Im Gegenteil, Erklärungen für den Erfolg der Autoritären in Russland, den USA oder auch hier in Deutschland gibt es genug. Der Verlust sozialer Sicherheit, die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich, verstärkte Zuwanderung oder die Veränderung der Gesellschaft durch Frauen, Homo- oder Transsexuelle, die mehr Gleichberechtigung fordern, sind häufig gehörte Gründe. Aber für Renz-Polster gehen all diese Gründe nicht tief genug. Für ihn erklären sich Verhalten und Erfolg der Autoritären – der rechten wie der linken oder der dschihadistischen – aus deren Erlebnissen in der Kindheit.

Inneres Gefühl des Ausgeliefertseins

Hinweise darauf, dass die tiefere Ursache auf psychologischer Ebene liegen könnte, findet Renz-Polster zuhauf. Da wäre zum Beispiel die Tatsache, dass die Wählerschaft der Radikalen eben nicht nur aus Abgehängten und Armen besteht, sondern sich zu einem Gutteil aus Gutsituierten rekrutiert. Populisten propagieren gerne den schlanken Staat, aber wenn es um Militär, Polizei und Justiz geht – also um die Projektion von Macht und Härte –, kann er gar nicht stark genug sein. »Man trägt ein Bild der Stärke vor sich her, trägt aber in sich ein Gefühl des Ausgeliefertseins an fremde Mächte«, schreibt er.

Focus auf Strenge und Strafe

Erhellend ist für Renz-Polster auch der Blick auf die Themen der Autoritären. Die menschengemachte Erderwärmung leugnen sie gerne mal rundweg, über soziale Ungleichheit, Fachkräftemangel in der Pflege oder die Risiken des Finanzkapitalismus reden sie kaum, aber sie betonen Themen wie Kriminalität oder die Beschränkung von Migration – also Themen, die sich mit Strenge und Strafe bearbeiten lassen. Themen hingegen, an die man mit Kooperation oder Beziehungsgeflechten herangehen muss, bleiben ausgeblendet.

Drang nach Überlegenheit soll geringes Selbstwertgefühl ausgleichen

Hier werden für Renz-Polster die Kinder sichtbar, die in autoritären Familien aufgewachsen sind. Sie bilden als Erwachsene einen Drang nach Überlegenheit, Macht und Abwertung anderer, einen Zug nach Kontrolle und Ordnung aus, um ihr geringes Selbstwertgefühl auszugleichen. »Den Kindern fehlen die Ressourcen, anders zu handeln«, sagt der Autor. »Und so fallen sie immer wieder in autoritäre Muster zurück.«  Anerkennung, Sicherheit, Zugehörigkeit – das sei das immer gleiche »Kleeblatt«, wie er es nennt: »Und das sind ja auch die grundlegenden Entwicklungsthemen der Kindheit: Wer bin ich, passen die Großen auf mich auf, und wo gehöre ich hin?« In den Forderungen der Populisten äußerten sich also letztlich »Kinder, die in ihren Entwicklungsansprüchen zu kurz gekommen sind«.

Zusammenhang zwischen den Entwicklungen in der Familie und der Gesellschaft

Natürlich kennt Renz-Polster das Argument der Sozialwissenschaftler, dass man die psychologische Mikroebene nicht einfach auf die soziologische Makroebene übertragen könne. Einen Zusammenhang sieht er dennoch: »Die Makroebene besteht ja aus der Ansammlung der Mikroebenen.« Und er argumentiert auch nicht monokausal. Erstens, sagt er, legten Kindheitserfahrungen ja nicht den weiteren Weg eines Menschen unwiderruflich fest. Es gebe bei manchen Menschen eine natürliche Resilienz, außerdem könnten Beziehungen zu anderen Verwandten oder Freunden den Einfluss der Eltern ausgleichen. Studien zeigten, dass nur etwa 80 Prozent der Kinder aus autoritären Elternhäusern selbst autoritär würden. Zweitens »widerspreche ich nicht den sozialen und politischen Erklärungen für den aktuellen Rechtsruck«, sagt Renz-Polster. »Für sich allein sind sie nur nicht ausreichend.«

Bedrohungsgefühl hat den „autoritären Kettenhund“ geweckt

Natürlich, erklärt er, seien die Leute nicht plötzlich massenhaft autoritär geworden: »Das war schon immer da.« Das Bedrohungsgefühl sei der entscheidende Faktor, der den »autoritären Kettenhund« geweckt habe. Ein Bedrohungsgefühl, das sich unter anderem aus der Angst speise, dass der eigene Arbeitsplatz bedroht ist, dass man die Miete nicht mehr bezahlen kann oder dass der Staat die Auswüchse des Finanzkapitalismus nicht bändigen könne. Hier habe die Politik viele Einflussmöglichkeiten.

Wissen über Psychologie beachten

Renz-Polsters Thesen sind nicht revolutionär neu. Sie sind nur das konsequent angewandte Wissen, das die Entwicklungspsychologie schon seit langem hat: dass nämlich das Verhalten erwachsener Menschen in vielen Fällen stark davon geprägt ist, wie sie aufgewachsen sind. Die Frage ist, warum  dieses Wissen in der politischen Debatte um den Umgang mit Radikalen bislang so wenig Beachtung gefunden hat.

Herbert Renz-Polster: »Erziehung prägt Gesinnung. Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können«; Kösel Verlag 2019; 320 Seiten; 20 Euro.

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Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.

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