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Diakonie-Kampagne „Unerhört!“

Haus Lilith in Frankfurt bietet wohnungslosen Frauen eine Bleibe

Diakonie HessenBewohnerin sitzt in ihrem Zimmer„Für mich war das Haus Lilith anfangs genau das Richtige. Ich wünschte mir nur, dass es nicht so schwer wäre, dort auch wieder rauszukommen.“ sagt eine Bewohnerin.

In den Großstadtmetropolen fehlen Wohnungen. Frauen mit Brüchen in ihrer Biografie sind nahezu chancenlos. Im Haus Lilith der Diakonie Frankfurt können sie für einige Zeit unterkommen und schöpfen wieder Hoffnung.

Diakonie HessenGesprächsrunde am TischUlrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, besuchte das Haus Lilith, ein Wohnhaus für Frauen in Not in Frankfurt. Mit Horst Rühl (Vorstandsvorsitzender Diakonie Hessen) und Dr. Michael Frase (Leiter Diakonisches Werk für Frankfurt am Main) spricht er mit Bewohnerinnen über ihre Situation.

Der große, dunkle Koffer steht noch hinter dem schmalen Bett, das mit einem sommerlichen Blumenbezug bezogen ist. Auf dem Nachtisch das Nötigste: Ein Glas Wasser und eine Packung Tabletten. So richtig angekommen ist Wanda Stefanowicz im Haus Lilith noch nicht. Erst vor drei Tagen kam die 55-Jährige hierher. Hinter der Witwe liegen schwere Wochen. „Ich hatte Pech“, sagt die zierliche Frau. Die gebürtige Polin pflegte einen alten Mann, später eine ältere Dame und wohnte für diese Zeit in deren Wohnung. Als dieSenioren starben, setzten die Angehörigen sie auf die Straße.

Viele Bewerberinnen

Andere der insgesamt 28 Frauen in dem Übergangswohnheim des Diakonischen Werks Frankfurt am Main leben schon deutlich länger hier mitten im Frankfurter Ostend. Die Plätze sind alle belegt, die Bewerberliste lang, wie Leiterin Mehri Farzan erzählt. Die Damen leben auf insgesamt vier Etagen, pro Stockwerk teilen sich sieben Frauen eine Küche und ein Bad mit Dusche und Toilette. Jedes der etwa 12 Quadratmeter großen, möbilierten Einzelzimmer verfügt über ein Waschbecken.

„Auch hier kann man es sich gemütlich machen“, sagt Binnur Sogukcesme und zeigt stolz auf die vielen Bilder und Postkarten über ihrem Schreibtisch. „Hinfallen, Krönchen richten, weitermachen!“ steht in rosa Schrift auf einer der Karten. Die 50-Jährige ist seit fast zwei Jahren im Haus Lilith. Heute hat sie ihren Laptop eingeschaltet und sucht im Internet nach Küchen. Denn seit Mitte Juli hat sie einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma, Ende August zieht sie in ihre eigenen vier Wände.

„Wer nicht mehr arbeitet, findet keine Wohnung“

Der Weg dorthin war steinig. Für einen Auslandsaufenthalt in der Türkei verließ die 1,60 große Frau die Stadt für zwei Jahre. Bei ihrer Rückkehr im November 2016 stand sie ohne Job und ohne Wohnung da. „Ein Teufelskreis“, wie sie im Nachhinein feststellen musste. „Wer nicht mehr arbeitet, findet keine Wohnung und ist nicht mehr gesellschaftsfähig“, sagt die gelernte Rechtsanwaltgehilfin. Mit der Familie hatte sie den Kontakt abgebrochen, erst heute - nach dem Tod ihrer Mutter - besucht sie ihren Vater wieder regelmäßig.

Bei vielen Frauen sei es Schicksal, dass sie kein Dach über dem Kopf haben, sagt die Leiterin Farzan. Viele der Bewohnerinnen hatten nie ein Familienleben. Einige haben Gewalt erlebt. Die meisten seien zudem verschuldet. „Bei Frauen ist Wohnungslosigkeit viel verdeckter als bei Männern“, erklärt Farzan. „Sie leben lieber unglücklich mit einem Partner zusammen als auf der Straße zu schlafen.“ Aus Scham würden sie oft niemanden erzählen, dass sie in einem Übergangswohnheim leben.

Ziel ist, wieder auf eigenen Beinen zu stehen

Auch bei der Wohnungssuche komme diese Information bei den Vermietern nicht gut an. Spätestens, wenn die Bescheinigung vom Vormieter vorgelegt werden soll, sehe es für die Frauen schlecht aus. Das Haus ist zwar keine Notunterkunft, ewig sollen die Bewohnerinnen hier aber auch nicht leben. „Wir wollen die Frauen wieder fit machen, auf eigenen Beinen zu stehen“, betont Farzan. Die Sozialarbeiterinnen vor Ort arbeiten dafür eng mit Jugend- und Sozialämtern sowie Jobcentern zusammen.

Verdrängungswettbewerb auf dem Wohnungsmarkt

„Verdrängungswettbewerb“ nennt Diakonie-Präsident Ulrich Lilie das Problem auf dem Wohnungsmarkt, das die Frauen hier zugenüge kennen. Die Diakonie biete zwar mit solchen Angeboten schon einige Möglichkeiten, könne aber nicht ohne die Hilfe der Politik gegen diese Entwicklung ankämpfen. Neben mehr Sozialwohnungen forderte Lilie den Bau von Quartieren, in denen unterschiedliche Menschen zusammenkommen. Abgesonderte Zentren boten „demokratiepolitischen Sprengstoff.“

Es fehlt an familiärem Halt

Die meisten Bewohnerinnen seien unter 30 Jahre alt, erklärt Farzan. Die Bewerberinnen würden immer jünger. „Meine Vermutung ist, dass es den familiären Halt nicht mehr so gibt“, sagt Farzan. Der Einzug in das Wohnheim ist prinzipiell für alle volljährigen Frauen möglich. Die Unterbringung erfolgt über das Sozialamt. Bemessen an dem Geld, das den Frauen durch Sozialhilfe oder einem Nebenjob monatlich zur Verfügung steht, zahlen sie einen Obulus. Zu bestimmten Zeiten ist auch Männerbesuch erlaubt.

Hintergrund

Diakonie-Kampagne „Unerhört!“

Mit der Diakonie-Kampagne „Unerhört!“ wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft. Viele Menschen haben das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich an den Rand gedrängt in einer immer unübersichtlicheren Welt. Da jede Lebensgeschichte ein Recht darauf hat, gehört zu werden sammelt die Diakonie Lebensgeschichten von „Unerhörten“, von wohnungslosen Menschen, Flüchtlingen, Armen, aber auch von Alltagshelden. Die Kampagne, die von 2018 bis 2020 laufen soll, will wachrütteln und zugleich aufzeigen, dass die Diakonie zuhört, Lösungen bereithält und eintritt für eine offene und vielfältige Gesellschaft. Die Diakonie will diese Diskussion anstoßen und führen, sie will zur Plattform für einen Diskurs rund um soziale Teilhabe werden. www.unerhört.de

Diakonie Hessen-Positionen: Unerhört. Sozial

Mit „Unerhört. Sozial.“ hat die Diakonie Hessen im Vorfeld der Landtagswahl 2018 ihre sozialpolitischen Positionen veröffentlicht. Der Landesverband gibt Denkanstöße und stellt Fragen zur Landtagswahl. Damit sollen diejenigen zu Wort kommen, die oft unerhört bleiben, und der politische Diskurs über Gerechtigkeit und Teilhabe soll weitergeführt werden. Die Ausführungen zu den Themen „Kinder, Jugend und Familie“, „Gesellschaftliches Miteinander“ sowie „Gesundheit und Pflege“ bieten neben den Positionen und konkreten Beispielen aus dem Leben auch Fragen an die Politiker*innen. Auch zum Thema „Bezahlbaren Wohnraum schaffen“ legt die Diakonie Hessen ganz konkrete Positionen und Forderungen dar. Die Broschüre „Unerhört. Sozial.“ steht unter diesem Link zum Download bereit.

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In der Konzentration auf das, was ist,
kann sich so etwas wie ein Raum öffnen,
ein Gewahrsam schärfen für die Gegenwart Gottes.

(Carsten Tag)

Carsten Tag

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages / rusm

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