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Empfehlungen für Betroffene von Long-Covid und Vorgesetzte

© gettyimages_peopleimagesLong Covid am Arbeitsplatz - ErschöpfungPost Covid: Nach einer Corona-Infektion können Betroffen auch nach über 12 Wochen unter Symptomen wie schneller Erschöpfung oder Konzentrationsproblemen leiden

Viele Menschen mit Long- oder Post-Covid leiden häufig unter Erschöpfung, Müdigkeit, Konzentrationsschwächen und anderen Symptomen. Dabei stehen die möglichen Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung im Kontrast zu den Leistungsansprüchen in Job und Gesellschaft. Das erzeugt Frust. Doch eine Klinikseelsorgerin und ein Chefarzt zeigen neue Wege auf.

„Bei Long- oder Post-Covid werden Alltäglichkeiten zur Zentnerbelastung. Für eine Patientin bedeutet es beispielsweise eine Riesenanstrengung, in den zweiten Stock zu laufen. Von einer anderen Betroffenen weiß ich, dass sie sich nach dem Kochen hinlegen muss, bevor sie sich zum Essen setzen kann“, berichtet Pfarrerin Jutta Reimers-Gruhn. Als Klinikseelsorgerin im Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main hat sie auch ein offenes Ohr für die Patient:innen, die von den Langzeitfolgen einer Covid-19-Infektion betroffen sind. Nach einer niederländischen Studie leidet jeder achte Corona-Infizierte nach Wochen oder Monaten an einem Symptom von Long-Covid.

Häufige Symptome

So beobachtet die Seelsorgerin zunehmend, dass im Krankenhaus bei Patient:innen neben der Haupterkrankung zusätzlich Long- oder Post-Covid diagnostiziert wird. Einige werden aber auch mit schweren Folgeerkrankungen wie Herzproblemen in das Krankenhaus eingeliefert, die erst nach einer Covid-Infektion aufgetaucht sind. Auch Dr. Martin Grabe, Chefarzt in der Klinik Hohemark, erlebt immer wieder, dass Patient:innen mit den Folgen einer Corona-Infektion kämpfen. Der Mediziner und Psychotherapeut kennt die möglichen Symptome von Long- oder Post-Covid-Erkrankten:

  • Erschöpfung,
  • Müdigkeit
  • neuro-kognitive Störungen wie Konzentrationsschwäche
  • Atembeschwerden
  • Brustschmerzen
  • Herzstolpern
  • Schmerzsyndrome wie Glieder- Muskel- oder Gelenkschmerzen
  • sensorischen Störungen wie Geruchs-, Geschmacks- oder Hörstörungen

Betroffene leiden dabei unter einer diffusen Symptomsammlung, bei manchen stehe die Atemnot im Vordergrund, andere klagen stärker über Konzentrationsschwäche. Zudem klärt Martin Grabe über die Begriffe auf: „Wenn die Beschwerden länger als vier Wochen dauern, spricht man von Long Covid; ist ein Patient mehr als zwölf Wochen betroffen, handelt es sich um Post-Covid.“

Wege aus dem Frust

„Viele der Betroffenen sind frustriert und ungeduldig mit sich, weil sie nicht so funktionieren, wie sie es sich selbst wünschen. Manche entwickeln eine depressive Verstimmung“, so die Erfahrung von Klinikseelsorgerin Reimers-Gruhn. Zusätzlich fühlten sich einige von der Gesellschaft unter Druck gesetzt. So habe ihr eine Betroffene berichtet, dass man sie aufgefordert habe: „Nimm Tabletten, damit du schnell wieder arbeiten kannst.“ Vor allem am Arbeitsplatz prallen die Leistungsansprüche mit den Einschränkungen durch Long-Covid aufeinander. Deshalb hebt Chefarzt Grabe hervor, wie wichtig es sei, hier lösungsorientiert mit der oder dem Vorgesetzten ins Gespräch zu kommen.
Pfarrerin Reimers-Gruhn hat aber auch erfreut erlebt, wie Menschen mit Long-Covid zunehmend aktiver wurden, die Symptome allmählich schwanden. Dabei habe geholfen, dass die Betroffenen die Einschränkungen durch Long Covid zunächst selbst akzeptiert sowie therapeutische Maßnahmen in Anspruch genommen haben – allerdings habe die Genesung „Zeit gebraucht.“

Hilfe bei Long- oder Post-Covid

Um Betroffene, Angehörige sowie Vorgesetzte und Kolleg:innen im Arbeitsumfeld zu unterstützen, haben Psychotherapeut Martin Grabe und die Klinikseelsorgerin einige Empfehlungen zusammen gestellt:

1. Auf eine Diagnose bestehen

Klinikseelsorgerin Reimers-Gruhn ermutigt: „Lassen Sie nicht locker, bis Sie eine eindeutige Diagnose haben. Denn eine Diagnose hilft den Betroffenen selbst, ihre Einschränkungen besser zu akzeptieren. Außerdem kann sie helfen, klarer mit der Familie oder Vorgesetzten die eigene Situation zu erklären.“ Grundsätzlich hat der Arbeitgeber allerdings kein Recht, Auskunft über die Diagnose zu erhalten.
Dr. Grabe empfiehlt zunächst immer den Gang zum Hausarzt, um die richtige symptomatische Behandlung und in einzelnen Fällen auch eine Reha einzuleiten.

2. Einschränkungen akzeptieren

Laut Chefarzt Grabe ist es anfangs wichtig, sich zuzugestehen, dass man eine Long-Covid-Erkrankung habe. Er ermutigt Betroffene, zu den eigenen Belastungsgrenzen zu stehen und sie angemessen zu vertreten. Martin Grabe ermutigt: „Wir sollen aufhören zu denken: Als krankgeschriebener Patient leiste ich 0 Prozent, als Gesunder bin ich zu 100 Prozent voll belastbar. Als Long-Covid-Patient bin ich vielleicht zu 60 Prozent leistungsfähig, auch damit leiste ich einen sinnvollen Beitrag für persönliche Beziehungen und die Gesellschaft.“ Pfarrerin Reimers-Gruhn stimmt zu und rät „gnädig mit sich zu sein.“ Zudem empfiehlt sie zu akzeptieren, dass Post-Covid sich über einen längeren Zeitraum im Leben auswirkt. Das brauche viel Geduld im Umgang miteinander.

3.  Unangenehme Gefühle wahrnehmen und darüber sprechen

„Wenn jemand nach dem Wäscheaufhängen traurig darüber ist, dass er fix und fertig ist, ist das ein ganz natürliches Gefühl“, berichtet die Seelsorgerin. Unangenehme Gefühle sollten nicht weggedrückt werden. Die Traurigkeit über die geringe Kraft sollte wahrgenommen werden. In der Klinik erlebt sie, wie entlastend es für die Betroffenen ist, wenn sie mit ihr auch über schwierige Empfindungen sprechen können. Die Seelsorgerin ermutigt: „Auch vor Ort in vielen evangelischen Kirchengemeinden kenne ich Pfarrer:innen, die sehr offen für ein seelsorgerliches Gespräch sind.“ Zudem finden Betroffene Ansprechpartner:innen in den psychologischen Beratungsstellen der EKHN.
Kontakt zur Kirchengemeinde
Kontakt zu den psychologischen Beratungsstellen in der EKHN
weitere Ansprechpartner:innen

4. Kraft aus Glaubenserfahrungen

Klinikseelsorgerin Reimers-Gruhn erfährt immer wieder, dass auch der christliche Glaube in schwierigen Momenten neue Zuversicht gibt. So vermittelt sie einem Erkrankten, dass auch er ein „von Gott angenommenes und geliebtes Kind ist.“ Sie hat auch erlebt, wie die Worte aus dem Glaubensbekenntnis des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer stärken können. Sie lauten: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“ Vor allem hilft die Pfarrerin den Menschen dabei, dass sie selbst Stärkendes entdecken und auf ihre eigene Art mit einer Krise umgehen.

5.  Aufmerksamkeit auf Positives lenken, aktiv werden

„Selbst wenn man schnell erschöpft ist, kann man noch vieles machen, das einem gut tut: Lesen, Musik hören, kleine Spaziergänge, zwei leichte Gymnastikübungen oder die Schönheit einer Blume bewundern“, rät Klinikseelsorgerin Jutta Reimers-Gruhn. Und wenn jemand sich nach einer Anstrengung ausruhe, habe das nichts mit Faulheit zu tun – hier sei der Begriff aus der Jugendsprache angemessen, schmunzelt sie: „Genießen Sie das Chillen!“ Sie empfiehlt, das Beste aus der Situation zu machen.

6. Eigene Selbstansprüche reflektieren

Einigen Betroffenen fällt es sehr schwer, die Einschränkungen durch die Erkrankung zu akzeptieren. Psychotherapeut Grabe erklärt: „Hinter hohen Selbstansprüchen stecken meist frühkindlichen Ursachen. Musste jemand früh Verantwortung für Geschwister übernehmen? Oder hat er Freundlichkeit und Aufmerksamkeit der Eltern nur über Leistung erreicht? Was sind die eigenen, inneren Antreiber?“ Dr. Grabe ermutigt Betroffene, sich dagegen zur Wehr zur setzen. Er weiß aber auch: „Wenn jemand bewusst eine Aufgabe ablehnt, empfindet er es zunächst als unangenehm. Auch Schuldgefühle können auftauchen, mit denen man sich auseinandersetzen muss.“ Diese Hürden gelte es zu überwinden und zu lernen, seine Interessen angemessen zu vertreten.

7. Entlastung und Hilfe organisieren

Bis zur Covid-Erkrankung war es für manche selbstverständlich, die alten Eltern zu pflegen oder die Kinder nachmittags in Sport- und Musikstunden zu bringen. Durch Long Covid kann die bisherige Aufteilung der Aufgaben an Grenzen geraten. Deshalb empfiehlt Martin Grabe: „Am besten, Sie organisieren mit der Familie gemeinsam möglichst frühzeitig Zwischenlösungen. Ab jetzt sollten die Punkte auf der ToDo-Liste für Erkrankte deutlich gestrichen werden. Es geht darum, in der Familie, eine neue Balance zu finden.“ Allerdings müssten sich auch hier Betroffene darauf einstellen, sich mit ihren Selbstansprüchen und möglichen Schuldgefühlen auseinander zu setzen.

8. Im Job: Kommunikationsstrategie mit der oder dem Vorgesetzten

Bislang sind Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeberinnen davon ausgegangen: Entweder ist jemand krankgeschrieben oder gesund im Job und damit voll belastbar. Bei Long- oder Post-Covid seien Mittelwege gefragt. Martin Grabe ermutigt, sich nicht über die Maßen krankschreiben zu lassen. Unglücklich zu Hause zu verweilen, sei auch kein Königsweg. Stattdessen empfiehlt er: „Gehen Sie mit erhobenen Haupt zur Arbeit, auch wenn Sie nicht voll belastbar sind. Stehen Sie zu Ihren Grenzen.“ Doch Martin Grabe hat immer wieder erlebt, dass Mitarbeitende das Gefühl haben, sie dürften ihren Vorgesetzten nicht sagen, dass sie belastungsmäßig „am Anschlag“ seien. Sie fürchten, dass das als Schwäche gedeutet werden könnte. Deshalb warnt er: „Falls absehbar ist, dass eine Aufgabe nicht erledigt werden kann, wäre es falsch, nichts zu sagen und den Chef in Gewissheit zu wiegen, nächste Woche werde alles fertig. Das kann letztlich zu größeren Konflikten führen.“ Deshalb sei es umso wichtiger, der oder dem Vorgesetzten frühzeitig mitzuteilen, was selbst geleistet werden kann und wo neue Grenzen durch Long Covid entstanden sind. Dabei rät er zu Diplomatie und zu dieser Kommunikationsstrategie:

  • die oder den Chef:in sachlich über die persönliche Situation mit Long Covid informieren,
  • die zu erledigenden Aufgaben benennen,
  • die dafür benötigte Zeit aufzeigen,
  • evtl. Alternativen aufzeigen; beispielsweise: Wenn dieses Projekt vorgezogen werden muss, muss etwas anderes weggelassen werden. 

Empfehlung für Vorgesetzte

Vorgesetzte sollten sich aufgrund der hohen Zahl an Long- oder Post-Covid-Erkrankten darauf einstellen, dass auch eigene Mitarbeitende davon betroffen sein können. „Wenn jemand schnell ermüdet, weil er von Post-Covid betroffen ist, ist das keine Arbeitsverweigerung“, verdeutlicht Martin Grabe. Mitarbeitende sollten nicht gezwungen werden, nach außen „den Taffen abzugeben“ und Einschränkungen zu kaschieren. Deshalb sei es wichtig, sich über die Symptome zu informieren den betroffenen Mitarbeitenden ein Gespräch anzubieten. Dabei sei die Herausforderung nachzuvollziehen, dass ein Mitarbeiter nicht nur nach 4 Wochen, sondern auch nach über zwölf Wochen und länger schnell ermüden könne. Grabe ermutigt zu einem „ehrlichem und lebendigen Gespräch auf Vertrauensebene.“

Schließlich weist Martin Grabe darauf hin, dass zahlreiche seriöse Internetseiten umfassend über Long- und Post-Covid informieren:

BZgA: Long Covid 

Themen-Special zu Corona

Hinweise des Krisenstabes zu Corona

[Rita Haering/JRG/MG]

 

 

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Ich merke, der weite Raum
entsteht nicht in mir und durch mich.
Er entsteht, weil andere da sind,
die mir Räume eröffnen,
gnädig umgehen mit meinen Schwächen,
sich einsetzen für einen menschenwürdigen Umgang
mit allen Menschen.

(Melanie Beiner zu Psalm 31,9)

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