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Als Paar die Corona-Krise überstehen

Quelle: gettyimages, miodragb ignajatovicStreitendes PaarDie Corona-Krise kann zum Belastungstest für Beziehungen werden - aber es gibt Möglichkeiten, das gegenseitige Verständnis auszubauen

Auch vor Corona sind die Wellen in Paar-Beziehungen schon mal hoch geschlagen. Durch gemeinsames Home-Office und weniger Zeit außerhalb der eigenen vier Wände, werden Beziehungen noch mehr auf die Probe gestellt. Paarberater haben in der Praxis erlebt, womit sich lautstarker Streit, verletzende Worte oder die Gefahr von Trennungen minimieren lassen.

So ziemlich jeder kennt die Situation: Die Spülmaschine ist schon wieder nicht eingeräumt, die Kleidungsstücke der Partnerin liegen über den Boden verteilt herum oder der Ehemann hat den Müll nicht herausgebracht.

Die Folge sind oft längere Diskussionen über Kleinigkeiten des Zusammenlebens. Am Ende kann es zu einem ausgewachsenen Streit kommen. Was viele nicht wissen: Oft stecken hinter den vermeintlichen Kleinigkeiten größere Probleme, die über diesen Weg an die Oberfläche treten. Das einzige was dann hilft, ist miteinander offen zu sprechen.

Gefangen in gegenseitigen Vorwürfen

Dr. Jörg Fertsch-Röver, Leiter der Paar- und Lebensberatung des evangelischen Regionalverbands Frankfurt-Offenbach, kennt dieses Verhaltensmuster nur zu gut. Klientinnen und Klienten kämen vor allem in seine Beratung, weil sie aus einem negativen Kommunikationsmuster in der Beziehung nicht mehr herauskämen. So entzündeten sich immer wieder Konflikte an sehr banalen Themen: „Also wo auch die Paare sich fragen: Warum streiten wir uns dauernd über solche Sachen wie: Wer räumt die Spülmaschine aus? Wer legt seine Sachen wo hin?“ Laut Paarberater Fertsch-Röver spürten die Klienten, dass da viel mehr dahinter stecke, was sie aber nicht ganz greifen könnten.

Versteckten Wünschen und Bedürfnissen auf die Spur kommen

Diese Situation kennt auch die Diplompsychologin Jutta Lutzi vom Zentrum Seelsorge und Beratung der EKHN. Auch sie berät Paare und hat erfahren: „Wenn einen jede Kleinigkeit aufregt, dann ist das in der Regel ein Hinweis darauf, dass etwas anderes nicht stimmt, es ein anderes Problem gibt.“ Was sehr häufig dahinterstecke, seien versteckte Wünsche nach mehr Nähe und Zuwendung. Oft stelle man auch die eigenen Bedürfnisse hinten an. Solche Dinge verdränge man dann, was sich letztlich oft in Ärger umwandele.

Ärger sei laut des Diplomsoziologen Fertsch-Röver eine sehr naheliegende Reaktion, um die eigene Bedürftigkeit nicht mehr zu spüren: „Dann ist man nach außen orientiert und muss sich mit sich selbst nicht so intensiv beschäftigen.“ In seiner Berufspraxis erlebt er häufig, dass die eigentlichen Bedürfnisse und Wünsche nicht mehr kommuniziert würden. Er erklärt: „Deswegen wiederholt sich das immer wieder.“

Eigene, innere Welt reflektieren und Bedürfnisse kommunizieren

Eine gesunde Paarbeziehung verlangt nach einer reflektiven Einstellung der eigenen, inneren Welt gegenüber – genauso wie das Vermögen, mit dem Partner oder der Partnerin über die gegenseitigen Bedürfnisse zu reden und so gemeinsame Probleme aus der Welt zu schaffen.

Corona als Brandbeschleuniger von Problemen

Vorallem während Corona werden Beziehungen auf die Probe gestellt. Viele Außenkontakte fallen weg. Enge Freunde und Familienmitglieder sind schwerer zu erreichen. Hinzu kommt, dass der vorherige Alltag durch Kurzarbeit, Kontaktverbote, Home-Office oder gar den Verlust des Jobs auf den Kopf gestellt wird: „Stress ist dadurch vorprogrammiert und mündet in kleine und große Streitigkeiten!“ – da sind sich die beiden Beratenden einig.

Menschen, die sich vorher stark auf ihren Beruf fokussiert haben, sind nun zum Home-Office oder zur Untätigkeit gezwungen. Viele fühlen sich so in ihrem Alltag nicht mehr wohl und müssen die Grenzen und Räume zwischen sich und dem Partner oder der Partnerin neu ausloten. Laut den beiden Beratenden wirke Corona hier als Beschleuniger für schon vorhandene Probleme. Das habe damit zu tun, „dass man jetzt mehr aufeinander sitzt und Probleme sich im Alltag nicht mehr so einfach unter den Teppich kehren lassen.“

Neue Aufgaben – Struktur statt ungefragte Einmischung

Menschen, die vorher berufstätig waren und die meiste Zeit am Tag außer Haus verbracht haben, müssten sich dann auf die jeweilige Alltagsorganisation des anderen Partners einstellen und umgekehrt. Ein typischer Satz, der hier oft zu hören sei, ist: „Ich habe das vorher auch immer allein hinbekommen, warum pfuschst Du mir jetzt dazwischen?“

Solche Reaktionen drücken aus, dass es nun viel mehr darauf ankommt, den gemeinsamen und den eigenen Alltag neu zu gestalten und Aufgaben und Abläufe klar zu strukturieren.

Mit Humor und Gelassenheit statt kritischer Bewertung

In Beratungsgesprächen empfehlen die Beziehungs-Expertin und der -Experte deshalb, sich erstmal bewusst zu machen, „dass das eine neue Situation ist und sich jeder neu auf den anderen einstellen muss.“

Mit viel Gelassenheit und einer Prise humoristischen Verstands für die eigenen Verhaltensweisen solle man der Partnerin oder dem Partner am besten viel Vorschuss an Tolerenz und Geduld geben „und nicht immer alles wie durch einer kritischen Lupe betrachten.“

Eigene Freiräume schaffen

Auch die Erwartungshaltung, nun viel Zeit miteinander verbringen zu müssen, solle man schnellstmöglich ablegen. Denn nur weil Zeit vorhanden ist, die man vorher nicht miteinander verbringen konnte, bedeute das nicht, dass man die eigene Zeit mit sich selbst vernachlässigen dürfe.

Beide Partner müssten sich hier klar machen, dass sie das Recht haben, für sich selbst Zeit zu haben und das auch für sich organisieren müssen: „Wir erleben das häufig, dass die Partner sich gar nicht mehr erlauben, sich eigene Zeit und Freiräume zu nehmen. Sie denken jetzt: Ich kann die Arbeit jetzt nicht mehr vorschieben und muss die ganze Zeit präsent sein“, erklärt Fertsch-Röver. Das führe dann zu Unzufriedenheit mit der eigenen Situation und zu völlig falschen und überhöhten Erwartungen.

Vielmehr solle man sich freie Zeiten in den Tag einbauen, wo jeder etwas für sich machen kann – neben der gemeinsamen Aktivität.

Besondere Herausforderung für junge Beziehungen

Ähnliches gelte auch für frische Beziehungen, denn durch das Kontakt-Verbot und Home-Office sind beide Partner plötzlich mit sehr intensiver räumlicher Nähe konfrontiert, was sie noch wenig gewohnt sind. Hier sei es wichtig, sich ebenso Freiräume zu schaffen. Der Alltag könne so strukturiert werden, dass man seine eigenen Abläufe berücksichtigt. Liebgewonnene Aktivitäten, die man schon vor der Beziehung ausgeübt hat, sollte man weiterhin ausüben, soweit das möglich ist.

Wenn es doch mal nicht klappt

Das Achten auf die eigenen Bedürfnisse, die Kommunikation darüber und das Schaffen eigener Freiräume führen häufig schon zur Lösung der Probleme. Dabei hilft es, dem anderen gut zuzuhören und den Willen zu haben, aufeinander und die jeweils verschiedenen Bedürfnisse des anderen einzugehen.

Ob in, vor oder nach Corona-Zeiten: Letztlich hängt es auch am Timing der Kommunikation: Wünsche und Dinge, die einen stören, sollten immer frühzeitig mitgeteilt werden, damit es erst gar nicht der innere Druck so steigt, dass man seinem Ärger lautstark Ausdruck verleiht.

Sollte es doch mal nicht funktionieren und die Fronten sich verhärtet haben, raten Jutta Lutzi und Dr. Jörg Fertsch-Röver dazu, sich Hilfe in Form von Beratung zu suchen – vorallem dann, wenn es schon öfter zur Eskalation gekommen ist.

Wenn Sie sich in einer solchen Situation befinden, dann können Sie sich an die Beratungsstellen der evangelischen Kirche und der Diakonie wenden.

Kontakt zu Beratung und Seelsorge:

Psychologische Beratungsstellen in Hessen-Nassau

Haus am Weißen Stein

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[Christian Schmidt]

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Alles, was dir vor die Hände kommt,
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(Prediger 9,10)

Prediger 9,10

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages/tolga tezcan

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