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Katharina Staritz

privat

In der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau wird 1950 deutschlandweit die erste Pfarrstelle für eine Theologin errichtet. Mit der Berufung von Katharina Staritz in dieses Amt erfährt die evangelische Frauenarbeit in Frankfurt einen großen Aufschwung.

Katharina Staritz, 1903 in Breslau geboren, studierte zunächst Deutsch, Geschichte und Theologie bevor sie sich zu einem Volltheologiestudium in Breslau und Marburg entschloss. 1928 legte sie ihre Erste Theologische Prüfung und Licentiatenprüfung ab. 1929 machte sie sich mit der praktischen Seite ihres Studiums vertraut. In vier Lehrvikariatsstellen in Schlesien sammelte sie in verschiedenen Gemeinden und kirchlichen Werken Erfahrungen.

Pfarrerinen passen nicht ins Frauenbild

Von den männlichen Kollegen wurde sie als Eindringling empfunden in einer Domäne, die ausschließlich männlich besetzt war. Nach Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 verengte sich das Frauenbild. Fürsorgerin, wie ihre Schwester Charlotte, war ein anerkannter Frauenberuf, Theologin nicht, Pfarrerin schon gar nicht. Das machen auch die Worte deutlich, die der Präsident des Konsortiums, Katharina Staritz nach bestandenem Examen mit auf den Weg gab:

„Ich beglückwünsche Sie zu einem außerordentlich guten Examen und dem vielen Wissen, was sie gezeigt haben. Es tut mir nur leid, dass Sie das alles gar nicht mehr verwenden können.“

In Breslau wurde Staritz in der Frauen- und Jugendarbeit eingesetzt. Außerdem betrieb sie Seelsorge an der Universitätsklinik und war für den Unterricht bei Kirchenübertritten unter anderem von Juden und ab 1933 auch bei Rücktritten in die Kirche zuständig.

Stadtvikarin ohne Aufstiegsmöglichkeiten

Archiv des Frauenforschungsprojekts zur Geschichte der Theologinnen, GöttingenKatharina Staritz war bei Kindern sehr beliebt.

Nach ihrem zweiten Examen 1938 wurde sie in Breslau ordiniert und zur Beamtin auf Lebenszeit ernannt. Sie erhielt jedoch trotz theologischer Vollausbildung nur den Titel „Stadtvikarin“. Der Titel „Stadtpfarrer“ war den Männern vorenthalten. Auch die damit verbundenen Aufstiegsmöglichkeiten blieben ihr als Frau verwehrt.

Katharina Staritz litt unter der Beschneidung ihres Amtes. Sie durfte nur die Tätigkeiten ausüben, die sie schon in der Lehrzeit praktiziert hatte: Frauenarbeit, Übertrittsunterricht, Taufunterricht bei Juden. Die Taufe vornehmen, durfte sie nicht. Doch die Arbeit von Staritz erhielt eine neue Ausrichtung, der Taufunterricht für Juden veränderte sich im Zuge des zunehmenden Antisemitismus hin zu einer aktiven Unterstützung diskriminierter und bedrohter Menschen.

Mitglied der Bekennenden Kirche

Katharina Staritz, die wie ihre Schwester der Bekennenden Kirche angehörte, wurde zur Leiterin der “Kirchlichen Hilfsstelle für Evangelische Nichtarier“. Bis zu ihrer Entlassung im Jahr 1941 verhalf sie rund 100 „nicht-arischen Christen“ zur Auswanderung. Den Deutschen Christen war Staritz ein Dorn im Auge. Als sie sich 1941 in einem Rundschreiben an die Breslauer Amtsbrüder für die getauften Juden einsetzte, lässt die Kirche sie im Stich. Das Konsistorium in Breslau beurlaubte sie, die Gestapo brachte sie ins KZ Ravensbrück. Das Eintreten für Juden war eine staatsfeindliche Handlung.

KZ Aufenthalt und Flucht nach Kurhessen

Ihrer Schwester Charlotte setzte sich unermüdlich für ihre Entlassung ein. 1943 wurde Katharina Staritz „probeweise“ aus dem KZ entlassen wird. Sie stand unter Gestapo-Aufsicht und durfte nur einen eigenschränkten kirchlichen Dienst versehen. Bedingt durch das nahende Kriegsende konnten Katharina und Charlotte Staritz mit ihrer Mutter flüchten. Ihr Ziel Kurhessen. Dort stellte sie sich der evangelischen Kirche als Kriegsvertreterin zur Verfügung und übernahm die Aufgaben der Männer.

Vorurteile und Widerstände

Nationaal Archief/J.D. Noske/Anefo/CC BY-SA 3.0 nlEs war Martin Niemöller, der sich, selbst ehemaliger KZ-Häftling, für Katharina Staritz einsetzte.

Nach Einsätzen in Thüringen und in Kassel setzte man sie in Albertshausen bei Bad Wildungen unter anderem als Seelsorgerin in einer Frauenhaftanstalt ein. In allen Gemeinden, versah sie in Vertretung der Pfarrer alle Amtshandlungen und kämpfte mit Widerständen von Kollegen und Vorurteilen in den Gemeinden, die sie jedoch durch ihr professionelles Tun schnell ausräumen konnte. Dass sie bereits vor Jahren in Breslau Beamtin auf Lebenszeit geworden war, spielte keine Rolle, sie blieb eine Aushilfskraft.

Schließlich setzte sich Martin Niemöller dafür ein, dass Katharina Staritz in der hessen-nassauischen Kirche auf Probe eingestellt wurde. Bereits 1947 hatte die Frankfurter Frauenhilfe Kontakt zu Katharina Staritz aufgenommen. Aber es war ein mühsamer Prozess bis schließlich die leitenden Amtsbrüder die erste Planstelle für eine Theologin in der EKHN  einrichteten.

Erste Pfarrstelle für eine Theologin in der EKHN

1950 war es soweit. In der EKHN wurde die erste Pfarrstelle für eine Theologin errichtet und mit Katharina Staritz besetzt. Sie erhielt die Vikarinnenstelle für Frauenarbeit im Gesamtverband Frankfurt am Main und einen Predigt- und Seelsorgeauftrag an der St.Katharinen-Gemeinde. Sie war damit zwar die erste Frau in Hessen, die eine Pfarrstelle erhielt, dennoch musste sie immer noch den Titel Vikarin tragen.

Klares theologisches und politisches Profil

Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Doch mit Katharina Staritz kam eine Frau in die Frauenarbeit, die ein klares theologisches und politisches Profil besaß. In ihren ersten Kontakten mit den Frankfurter Frauen legte Staritz Wert darauf, dass sie nicht nur für die Frauenverbandsarbeit zuständig sein wollte, sondern auch weiterhin in einer Gemeinde pfarramtliche Tätigkeiten übernehmen wollte mit der Möglichkeit, zu taufen, zu predigen und das Abendmahl zu halten.

Pfarrerschaft lehnt Amtshandlungen ab

Die Frankfurter Pfarrerschaft, die schon gegen die Einrichtung einer Vikarinnenstelle Vorbehalte hatte, stand diesem Wunsch ablehnend gegenüber. Schließlich wurde Staritz in einer vorläufigen Dienstordnung vom 21. Januar 1950 „für den Dienst an Frauen in Frankfurt am Main, der über den Rahmen der Einzelgemeinde hinausgeht“, berufen. In der Dienstordnung hieß es weiter: „Die Vikarin ist in der Ausübung ihrer Tätigkeit selbständig. Sie ist verpflichtet sich hierbei in ständigem Einvernehmen mit den zuständigen Pfarrerin zu halten, deren Zuständigkeiten grundsätzlich unberührt bleiben.“

20 Prozent weniger Gehalt als die männlichen Kollegen

Zudem bekam sie nur 80 Prozent des Gehalts der Männer. Im November 1949 begann Staritz probehalber ihrer Arbeit, im April 1950 wurde sie als Beamtin auf der neu errichteten Stelle übernommen. Am 10. November erfolgte die Einführung in der Alten Nikolaikirche in Frankfurt.

Das Herzstück ihrer Arbeit bildete die monatlich stattfindenden Bibelarbeiten für die ehrenamtlichen Leiterinnen der Frauenhilfen in den Gemeinden. Dort entfaltete sie anhand von Bibeltexten vielfältige Themen, die Frauen ansprachen.

Wikimedia/MyliusAm 10. September 1950 wurde Katharina Staritz in der Alten Nikolaikirche in Frankfurt am Main als Vikarin für die Frauenarbeit eingeführt.

Bibelarbeit bleibt Kernstück der Frauenarbeit

Neben den Frauenhilfskreisen war Staritz zuständig für Mütterkreise in verschiedenen Gemeinden, wo Erziehungsfragen besprochen oder auch biblische Themen erörtert wurden. Die Bibelarbeit blieb Kernstück der Frauenarbeit, auf Stadtebene und in den Gemeindefrauenkreisen und auf Freizeiten.

Die Errichtung der Vikarinnenstelle und die Berufung von Katharina Staritz in dieses Amt verhalf der evangelischen Frauenarbeit in Frankfurt zu einem großen Aufschwung. In keiner anderen Stadt der EKHN und auch deutschlandweit gab es zu dieser Zeit eine eigens für die Frauenarbeit eingerichtete Theologinnenstelle.

Von der Vikarinnenstelle zum Frauenpfarramt

1959 wurde aus der Vikarinnenstelle das Pfarramt für Frauenarbeit, das bis heute existiert und im Evangelischen Frauenbegegnungszentrum in Frankfurt verortet ist.

Katharina Staritz starb am 3. April 1953.

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Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Lukas 21, 28

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von david-hertle / unsplash

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