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Erschöpfung

Home-Office statt Mutter-Kind-Kur: Wie geht es belasteten Eltern?

Charlotte MattesDie vierfache Mutter Susanne Jörg, musste ihre Mutter-Kind-Kur nach zwei Wochen abrupt abbrechen. Die Erholung war dahin.Die vierfache Mutter Susanne Jörg, musste ihre Mutter-Kind-Kur nach zwei Wochen abrupt abbrechen. Die Erholung war dahin.

Wenn sich Mütter oder Väter für eine Kur entscheiden, sind sie meist schon seit längerer Zeit sehr erschöpft. Das ist die Erfahrung der Expertinnen von der Diakonie, die sich um Kuren kümmern. Durch die Corona-Maßnahmen fielen diese spontan aus oder mussten abrupt abgebrochen werden. Zwei Mütter erzählen, wie belastend diese Situation für sie war: Anstelle einer Kur mussten sie ins Home-Office und ihre Kinder zu Hause betreuen.

Charlotte MattesKatrin Bange und Nicola Wendlandt beraten in Frankfurt erschöpfte Mütter und Väter, die eine Kur beantragen möchten.Katrin Bange und Nicola Wendlandt beraten in Frankfurt erschöpfte Mütter und Väter, die eine Kur beantragen möchten.

Mütter und Väter, die durch die Kindererziehung und häufig noch durch andere Faktoren belastet sind, können in Deutschland eine Kur beantragen. Diese ist eine Leistung der Krankenkasse und wird in der Regel bewilligt, wenn ein Attest vom Arzt vorliegt. Kuren dauern drei Wochen lang, zum Beispiel in einer der 73 Kur-Kliniken des Müttergenesungswerkes in Deutschland. Sie können mit oder ohne Kinder angetreten werden. Während einer Kur lernen erschöpfte Mütter und Väter insbesondere „den Spot auf sich zu richten“, schildert Nicola Wendlandt vom Diakonischen Werk für Frankfurt und Offenbach. Die Diplom-Sozialpädagogin hilft seit über sieben Jahren gemeinsam mit ihrer Kollegin Katrin Bange Müttern und Vätern dabei, eine Kur zu beantragen und eine passende Kur-Klinik zu finden. Pro Jahr fahren rund 240 ihrer Klientinnen und Klienten auf Kur.

Viele unterschiedliche Belastungen im Alltag führen zu enormer Erschöpfung

Die vierfache Mutter Susanne Jörg habe bei Nicola Wendlandt angerufen, weil sie schon seit vielen Jahren überlastet sei. „Ich habe vier Töchter, bin mit einer 80-Prozentstelle berufstätig, mein Mann hatte vergangenes Jahr ein Burn-Out und meine weit über 90-jahre alten Schwiegereltern wohnen mit uns im Haus, da sind wir natürlich die Ansprechpartner Nummer eins“, erklärt die 55-Jährige. Durch die vielen unterschiedlichen Aufgaben habe sie mit der Zeit immer stärkere körperliche Symptome entwickelt, wie Herzrasen und Panikattacken. Zudem war sie häufig gesundheitlich angeschlagen. „Dann habe ich die Notbremse gezogen und mir gesagt: ‚Ich brauche jetzt drei Wochen für mich und meine Kleine, um gesund zu bleiben‘, erklärt die Frankfurterin.

Symptome von Erschöpfung: Herzrasen, Schlaflosigkeit, Verspannung

Weitere klassische Symptome ihrer Klientinnen und Klienten seien „dauerhafte Anspannung, sich ständig überlastet zu fühlen, durch Schlaf keine Erholung zu haben, Verspannungen, Haut- oder Magenprobleme, Angstzustände, bis hin zu depressiven Episoden“, ergänzt Nicola Wendlandt. Gründe eine Kur antreten zu wollen, seien aber auch Konflikte in der Partnerschaft oder finanzielle Probleme. Die meisten überlasteten Väter und Mütter würden sich meistens erst melden, „wenn gar nichts mehr ginge und dann müssen sie mindestens ein halbes Jahr warten, bis sie eine Kur beginnen können.“ Diese Wartezeit sei normal. Durch geschlossene Kur-Kliniken in der Corona-Zeit könne sich diese Wartezeit bei Neuanfragen allerdings zusätzlich verlängern. Ihre Kollegin Katrin Bange ergänzt: „Wir rechnen mit mehr Kuranfragen in Zukunft, vor allem Mütter kriechen auf dem Zahnfleisch, sie müssen mehr Aufgaben übernehmen, das verstärkt die Erschöpfung.“

Nach zwei Wochen muss Susanne ihre Kur abbrechen

Susanne Jörg war zwei Wochen auf Kur, dann musste sie innerhalb weniger Stunden abreisen, weil die Corona-Bestimmungen den Kuraufenthalt nicht mehr zuließen. Anstelle der Kur, war sie zu Hause, im Home-Office, ohne Kinderbetreuung. Das sei eine Katastrophe für sie gewesen. „Alles was ich mir vorgenommen hatte, war mit einem Puff weg – leider“, berichtet Susanne Jörg und seufzt. Neben ihrer sechsjährigen Tochter hat sie noch eine 13-,17- und 18-jährige. „Nichts war mehr, wie es vorher war. Die Großen konnten relativ selbstständig Home-Schooling machen, aber die Katastrophe war, dass die Sechsjährige keine Kita mehr hatte“, erinnert sich die Vertrieblerin eines Automobilzulieferers. Die Töchter hätten viele Enttäuschungen erleben müssen: Von der ausgefallenen Abschlussfahrt nach Mailand, über den Konfirmandenunterricht, der nicht mehr stattfinden konnte, bis hin zur Tatsache, ohne Freundinnen und Freunde nur zu Hause sein zu müssen. „Manchmal sind bei uns auch die Fetzen geflogen“, ergänzt Susanne Jörg. Doch einen Hoffnungsschimmer gibt es: Sie wird höchstwahrscheinlich im Frühjahr ihre Kur wiederholen können. 

Sohn hat Sachen kaputt gemacht, damit Mutter Zeit für ihn hat

Auch Tatjana Kunz* hätte dringend eine Kur benötigt. Doch fünf Tage bevor die Kur losgehen sollte, wurde sie im Mai abgesagt. Die 43-Jährige lebt mit ihrer Partnerin und zwei Kita-Kindern in einer großzügigen, aber hellhörigen Wohnung. Beide Kinder schliefen sehr schlecht, insbesondere der Dreijährige würde nachts häufig wach. „Ich habe einen dauerhaften Schlafmangel, Atemwegsinfekte und einen chronischen Husten“, schildert Tatjana Kunz* die Symptome ihrer Überlastung. Die Auszeit wollte sie sich nehmen, um zu schauen, was sich hätte verändern müssen. Doch auch sie fuhr nicht auf Kur, sondern war mit ihren beiden Kindern zu Hause und hauptsächlich für die Kinderbetreuung zuständig. „Die Schlafstörungen wurden schlimmer, weil ich in dieser Zeit noch viel mehr im Kopf hatte und der Husten ist auch noch da.“ Die Mütter hätten oft parallel arbeiten müssen und so die Kinder nicht richtig betreuen können. „Auch für die Kinder war das super schwer und anstrengend. Der Kleine hat absichtlich Sachen zerstört, damit man hingeht und schimpft und so überhaupt etwas Zeit für ihn hat“, erzählt die zweifache Mutter. Durch einen Platz in der Notbetreuung und den geplanten Regelbetrieb von Kitas, Anfang Juli, habe sich die Situation etwas entspannt. Aber Tatjana Kunz* sei immer noch reif für eine Kur. Wann sie diese in Anspruch nehmen wird, ist noch unklar. Aber, dass sie wieder fahren kann, wurde schon von ihrer Krankenkasse bestätigt.   

Im Alltag an sich denken, hilft dabei runter zu kommen 

Ein wichtiges Ziel von Kuren sei es, laut Nicola Wendlandt, Müttern und Vätern dabei zu helfen, etwas für sich zu tun, Stichwort Selbstfürsorge. Der Tipp der Expertin für den Alltag: „Versuchen Sie sich einmal am Tag eine Viertelstunde für sich zu nehmen, einen Tee zu trinken, nichts zu machen, die Gedanken kommen zu lassen.“ Eine kurze Auszeit sei wichtig, um sich selbst zu spüren und in Erfahrung bringen zu können, was einem gut tun würde, „zum Beispiel Sport oder ein Buch lesen“. Für Nicola Wendlandt ist es beruhigend, dass Betreiber von Kurkliniken sich jetzt Gedanken machten, wie sie schnell öffnen können, um belasteten Müttern und Vätern eine Perspektive zu bieten.

*Name ist der Redaktion bekannt, wurde aber auf Wunsch geändert. 

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Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum
und ich glaube, er tut das auch durch die,
die mit uns leben.

(Melanie Beiner zu Psalm 31,9)

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