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Im Bericht zur Lage von Kirche und Gesellschaft spricht Kirchenpräsident Steinacker vor der Synode darüber, warum viele so Politik verdrossen sind und warum die EKHN den Haushaltsüberschuss in die Zukunft investiert

Zwischen Freiheit und Schicksal

Frankfurt, 24. April 2008. Der Gesellschaft droht die Balance zwischen der Freiheit zur Lebensgestaltung und der schicksalhaften Unverfügbarkeit des Lebens abhanden zu kommen.

Darauf hat Kirchenpräsident Dr. Peter Steinacker in seinem Bericht zur Lage von Kirche und Gesellschaft vor der gegenwärtig in Frankfurt tagenden Kirchensynode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hingewiesen. Steinacker warnte vor fatalen Folgen für das individuelle und gesellschaftliche Leben, wenn die Spannung zwischen Freiheit und Schicksal verloren ginge. Dann pendele die Gesellschaft gegenüber dem Staat, der Kirche und sich selbst zwischen Überschätzung und Enttäuschung. Wörtlich sagte Steinacker: „Erst erwarten viele zu viel von Demokratie, sozialer Marktwirtschaft, Parteien und Kirche. Und weil diese Erwartung dann enttäuscht wird, erwarten viele gar nichts mehr.“ Darin habe auch die vielfach beklagte Politikverdrossenheit eine Ursache.

Wer sein Leben nicht mehr in der Spannung zwischen Freiheit und Schicksal wahrnehme und sie in eine Richtung auflöse, gerate entweder in einen Machbarkeitswahn, weil das Leben nur noch als Gestaltungsmasse eigener Freiheit betrachtet werde. Oder man meine, angesichts der immer komplizierter und undurchschaubarer werdenden Welt könne man sowieso nichts mehr ändern, und interessiere sich nur noch für das eigene kleine individuelle Leben.

Lebensgefühl Lähmende Unbestimmtheit

Für diese Tendenzen gebe es in Deutschland gegenwärtig in Kirche und Gesellschaft klare Anzeichen. Sie hätten ein „auffallendes Lebensgefühl der seltsam lähmenden Unbestimmtheit“ zur Folge. Aus der Einstellung, alles selber machen zu können, entstünden „schreckliche Enttäuschungserfahrungen“, weil niemand alles gut machen könne und die Folgen des Tuns unverfügbar blieben. Wer seine Stabilität allein an die Fähigkeit zum Machen hänge, zerbreche, wenn etwas misslinge oder man sich in Schuld verstricke.

Ähnlich „zerstörerische Wirkungen“ könne der andere Pol, das unverfügbar Schicksalhafte auslösen, wenn es über allem als das „stahlharte Gehäuse der unentrinnbaren totalen Festlegung“ konstruiert werde. Damit verlöre man den Zugang zum Sinn des Lebens.

Steinacker forderte deshalb dazu auf, „die Spannung zwischen Freiheit und Schicksal als wesentliches Kennzeichen unseres Glaubens“ nicht aufzugeben. Mit dieser Erkenntnis könne die Kirche der Gesellschaft einen großen Dienst erweisen. Diese leide an ihrer Unbestimmtheit. Sie drücke sich unter anderem auch in der sinkenden und begründeten Bereitschaft aus, den Institutionen der Gesellschaft kritisch zu vertrauen.

Auch die Kirche müsse in ihrem eigenen Handeln darauf achten. Werde dort die Spannung zwischen „Freiheit zum Handeln und der unverfügbaren Voraussetzung von Gottes Handeln“ aufgelöst, verkomme kirchliches Handeln entweder in reine „Organisationsmeierei oder in fromme Scheinheiligkeit, die das eigene Handeln mit den Handeln Gottes verwechselt“. Die geistliche Leitung der Kirche komme deshalb ihren Auftrag dann nach, wenn sie die Spannung zwischen Freiheit und Schicksal durchhalte.

Zeit bringt Freiheit, Zeit ist unaufhaltsam

Aus christlicher Sicht sei die Spannung zwischen der Freiheit zur Gestaltung und dem unverfügbarem Schicksal ein elementarer Bestandteil des menschlichen Lebens. Steinacker verdeutlichte dies am Beispiel der Zeit. Sie gebe dem Menschen Gestaltungsspielraum und böte damit „ganz elementar die Erfahrung von Freiheit“. Zugleich lasse die Zeit die „unaufhaltsame Vergänglichkeit“ erfahren. Niemand könne sich die Zeit aussuchen, in die er geboren werde. Niemand habe sein Leben ganz in der Hand und wisse, ob alle seine Lebenspläne Wirklichkeit werden.

Glaube zwischen Geschmacksfrage und Wahrheitsanspruch

Nach Auffassung Steinackers verändere die verlorene Spannung zwischen Freiheit und Schicksal auch die religiösen Überzeugungen in Deutschland erheblich. Während früher der Glaube durch „Schrift und Bekenntnis mithilfe der Kirche bestimmt“ wurde, leiteten heute viele Menschen ihre persönliche Glaubensüberzeugung nur noch aus dem „individuellen religiösen Erleben“ ab. Entscheidend sei dafür nicht, ob diese Lehre wahr sei und keine inneren Widersprüche aufweise, sondern ob sie in die persönliche Biographie passe und die eigene Persönlichkeit abbilde. Viele moderne Menschen hätten sich offenbar so sehr an eine Welt voller Widersprüche gewöhnt, dass sie auch die religiösen Unterschiede einfach nebeneinander stellen könnten. Damit könne man „ohne Probleme als Christ oder als Christin zugleich hingerissen den Worten des Dalai Lama Glauben schenken oder sich dem Wohlfühlschmus des kommerziellen Ayurveda anvertrauen“. Man könne den Glauben an die Auferstehung der Toten durch ein Versinken ins Nirwana oder die Lehre von der Wiedergeburt auf einer höheren Seinsstufe ersetzen und trotzdem Christ bleiben wollen. „Alles wird mit allem vergleichbar, wenn es nur persönlich und authentisch ist.“

Damit werde aber die „lebensnotwendige Spannung zwischen Freiheit und Schicksal auf den Pol individueller Freiheit hin aufgelöst.", sagte Steinacker Die eigene Religion entstehe nicht mehr im „Ringen um einen persönlichen Glauben, der als Deutung des eigenen Lebens auch mit der Wahrheit des unverfügbaren Gotteswillens rechnet, sondern was ich selber spannungslos zu meiner Religion erklärt habe“. Was geschehe aber, so fragte Steinacker, wenn die eigene religiöse Präsentation nicht gelinge? „Gibt es einen Halt, der unabhängig von allen Meinungen und Bewertungen ist, wie es zum Beispiel der Glaube an die unverfügbare aber gegebene Zusage der Treue Gottes ist?“ Steinacker plädierte dafür, die Spannung zwischen dem persönlich geformten Glauben und der Auseinandersetzung mit der gewachsenen Tradition aufrecht zu erhalten. Die Christenheit sei immer dann stark gewesen, wenn „die Freiheit mit der Unverfügbarkeit des Gotteswillens und der Unaussprechlichkeit der Wahrheit gekoppelt“ gewesen sei.

Haushaltsüberschuss 2007 für langfristige Erhaltung der Kirchen

Auf die elementare Spannung zwischen Freiheit und Schicksal wiesen öffentlich sichtbar auch die Kirchengebäude hin. Mit ihrem besonderen Aussehen und ihrer besonderen Atmosphäre seien sie „bei aller Vertrautheit notwendig fremd. Steinacker forderte dazu auf, „sich intensiv Gedanken zu machen, wie wir mit unserem Gebäudebestand umgehen.“ Es sei „ganz klar, dass wir den gegenwärtigen Umfang nicht werden halten können“. Insbesondere die Gemeinden, denen die meisten Kirchengebäude gehörten, müssten sich damit befassen. In Frankfurt habe dieser Prozess zur Verringerung der Gebäudeanzahl „mit beispielhaftem Elan, mit Transparenz und Augenmaß begonnen“, lobte Steinacker. Er sprach sich dafür aus, „die Gelegenheit finanzieller Überschüsse zur Vorsorge zu nutzen, damit wir den Gemeinden unserer Kinder und Enkel keine Lasten aufbürden, die sie nicht werden tragen können.“ Die Kirchenleitung habe deshalb vorgeschlagen, den größten Teil der unerwarteten Mehreinnahmen aus dem Haushaltsüberschuss 2007, ähnlich wie den aus dem Vorjahr 2006, für die langfristige Instandhaltung der Kirchen zu nutzen. Sie hätten sowohl für die Gemeinden als auch für die ganze Gesellschaft eine große Bedeutung.

Patientenverfügung und Biodiesel

Dass es unverzichtbar sei, die Spannung zwischen Freiheit und Schicksal zu halten, zeigten die Debatten um die Patientenverfügung und den Biodiesel. Steinacker sprach sich dafür aus, dass Patientenverfügungen für möglichst alle Erkrankungssituationen gelten sollten. Wörtlich sagte er: „Der Christ pfuscht Gott hier nicht ins Handwerk, wenn er sich Gedanken darüber macht, wann das medizinische Bemühen an ein Ende kommen soll.“ Die medizinische Versorgung in einem schweren Krankheitsfall sei eben kein Schicksal, sondern von Menschen zu verantworten. Er befürwortete deshalb auch, dass Altenheime und Krankenhäuser zu Beginn der Aufnahme zunehmend nach einer Patientenverfügung fragten, „vorausgesetzt diese Frage werde gestellt, um „die Würde und das Selbstbestimmungsrecht des Patienten achten“ zu können.

Beim Umweltschutz sei trotz des verbreiteten Unbehagens eine tiefgreifende Veränderungsbereitschaft in der deutschen Gesellschaft bisher noch nicht erkennbar. Steinacker sagte wörtlich: „Entscheidend ist das breite Handeln.“ Am Beispiel des Biodiesel wies Steinacker darauf hin, dass es „bewährte technologische, ökonomische, politische und kulturelle Korrekturmöglichkeiten“ gebe. Dem stünden die Ohnmachtgefühle vieler Menschen gegenüber, die „ihren eigenen kleinen Beitrag zum Umweltschutz als sinnlos empfinden“. Die verbreitete scheinbare Gleichmut vieler Menschen in Deutschland gegenüber globalen Umweltfragen erweise sich bei näherem Hinsehen jedoch als jene Unbestimmtheit, die entsteht, wenn die einzelne überschaubare Lebenswelt von dem sie umgebenden globalen Rahmen abgekoppelt werde.

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Gut:
Das heißt für mich -
frei und befreit von allem,
was ich aus Angst und Ärger tief
in mir vergraben habe.

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