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Die Folgen des 2. Weltkrieges für die Kinder

istockphoto, KatarzynaBialasiewiczSenioren schauen Fotos anRückblick. Wie haben die Erfahrungen der Kindheit das Leben beeinflusst?

Heute sind noch etwa 12 Millionen Deutsche am Leben, die zwischen 1930 und 45 auf die Welt gekommen sind. Kriegskinder nennt man sie – geboren und aufgewachsen in Hitlers Deutschland. Mitten im Krieg, ohne Schuld daran zu haben. Doch die Erlebnisse haben zum Teil ihre Lebensgeschichte geprägt. Einge leiden an einem schweren Trauma. Vor allem im hohen Alter können sich bei den heute über 70-Jährigen ganz plötzlich die Folgen zeigen.  
Mitte März hatte die evangelische Kirche nach Oberursel zu der Veranstaltung „Damals war ich noch ein Kind“ eingeladen. Einen Teil des Fachtages hat der Psychoanalytiker und Altersforscher Hartmut Radebold gestaltet. Er ist Autor des Buches „Die dunklen Schatten unserer Vergangenheit: Hilfen für Kriegskinder im Alter“ sowie zahlreicher weiterer Werke (siehe Kasten unten). Der 25-jährige EKHN-Reporter Michael Seidel hat sich mit ihm unterhalten und ist dabei dieser Generation ein Stück näher gekommen.

privatHartmut RadeboldDer Psychoanalytiker und Altersforscher Hartmut Radebold hat selbst als Kind den Krieg erlebt

Herr Radebold, erzählen Sie uns bitte etwas von Ihrer Arbeit.

Hartmut Radebold: Ich beschäftige mich mit zwei Themen. Seit fünf Jahrzehnten stelle ich mir die Frage, ob Menschen über 50 Jahre überhaupt noch psychotherapeutisch behandelbar sind. Meine Forschung zeigt: das ist sehr gut möglich. Die Altersvariable spielt praktisch nur eine geringe Rolle. 1985 hat mich etwas anderes beschäftigt: Ob sich Menschen zwischen 50 und 60 Jahren noch entwickeln und falls ja, in welchen Bereichen. Damals dachte man noch: Entwicklung passiert nur bis zur Pubertät – dann praktisch kaum noch.
Später hatte ich neben meinem Lehrstuhl für Psychologie an der Universität Kassel eine nervenärztliche Praxis in der Stadt. Viele ältere Patienten fanden zu mir, wurden auch über die Krankenkasse zu mir geschickt. Nach etwa vier Jahren ging es mir selbst psychisch schlecht. Ich wurde depressiv. Ich war zwar noch arbeitsfähig, zog mich aber aus meinen Beziehungen zurück und merkte, dass ich hinter der Couch plötzlich anfing traurig zu werden, manchmal auch weinte [Anm. d. Red.: nach klassicher Art liegt der Patient auf der Couch, der Psychoanalytiker sitzt dahinter]. Mir stellten sich zwei Fragen: Hast du eine Midlife-Crisis? Da ich in einer guten und befriedigenden Beziehung lebe, konnte ich das verneinen. Die andere Frage war: Wirst du dement? Nein, das war auch auszuschließen.

Was war dann die Ursache?

Hartmut Radebold: Rückblickend habe ich gemerkt, dass ich Kriegskinder als Patienten hatte. Viele geboren zwischen 1935 und 1945. Ihre Symptome kamen plötzlich im mittleren Alter. Sie haben diese aber nie auf ihre Erfahrungen aus dem Krieg bezogen. Sie funktionierten ihr Leben lang – genau wie ich. Damit wurde meine eigene Geschichte wieder wach. Ich behandelte bis 2000 ungefähr 19 Patienten – mehr Männer als Frauen – und alle waren Kriegskinder. Kriegskinder aus dem durch den Krieg sehr zerstörten Kassel. Darüber habe ich 2000 mein erstes Buch geschrieben. Im Anschluss habe ich in einer interdisziplinären Gruppe zehn Jahre lang geforscht und weiß seither, wovon ich rede und werde oft eingeladen, Vorträge zu halten.

Ich bin 25 Jahre alt und Aufklärung über den Zweiten Weltkrieg sah bei mir so aus: In der Schule wurde über Jahre der Holocaust im Geschichtsunterricht thematisiert. Im Fernsehen sieht man häufig die Dokumentationen über den Nationalsozialismus, hier und da stolpert man über Artikel im Netz. Das Leid der Kriegskinder war aber selten bis gar nie das Thema. Auch nicht in der Familie. Warum ist das so?

Hartmut Radebold: Es wird geschätzt, dass etwa 80% der deutschen Familien nie über den Ersten, noch den Zweiten Weltkrieg mit seinen Folgen und Erfahrungen gesprochen haben. Es gibt einige, relativ wenige Familien, in denen die Kinder überschüttet worden sind mit schrecklichen Geschichten, die dauernd auf Familientreffen erzählt wurden. Nur ganz wenige sind brauchbar mit ihren Kindern umgegangen. Bei den meisten war es ein großes Schweigen. Auch heute noch unter Ehepaaren, wenn man den statistischen Befragungen trauen darf. Das ist das eine.
Wir waren ja nach dem Krieg – ich zitiere Herrn von Weizsäcker – die Besiegten, die Befreiten und dann die Verbündeten in Ost und West. Man hat erst ab 1995 davon gesprochen, was die erwachsenen Deutschen an Leid erlebt haben. Über die Kinder hat man zunächst überhaupt nicht geredet. Die Vorstellung war: Kinder können im Krieg zwar Schreckliches erlebt haben, aber es wächst sich aus. Das heißt: Sie vergessen es, können sich gar nicht so gut daran erinnern und das verschwindet wieder und spielt keine Rolle mehr. Das hat sich erst allmählich geändert. 2000 habe ich das erste Buch geschrieben. Das Thema: Die Bedeutung der abwesenden Väter im Krieg und was diese Abwesenheit lebenslang ausmacht. 2003 gab es das Buch von Hilke Lorenz [Anm. d. Red.: Titel: Kriegskinder. Das Schicksal einer Generation], 2004 den Roman von Günter Grass „Im Krebsgang“, der ein Schicksal eines Kriegskindes beschreibt und von Sabine Bode „Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen“.
2005 wurde der erste internationale Kriegskinderkongress in Frankfurt am Main veranstaltet. Kriegskinder aus ganz Europa kamen. Zum ersten Mal ist sehr ausführlich und umfassend darüber gesprochen worden, was der Krieg bewirkt hat.

Wie erleben Sie heute die Situation?

Hartmut Radebold: Bis heute ist es ein schwieriges Thema. In den letzten 13 Jahren gab es vielfältigen Widerstand, wenn ich Forschungsgelder beantragen wollte. Als ob die Meinung bei Forschungseinrichtungen, Politikern und anderen maßgebenden Leuten widerspiegelt: Wir Kriegskinder seien auch am Krieg beteiligt gewesen und hätten das unser Leben lang zu tragen. Das klingt zwar ein bisschen scharf. Wenn ich aber sehe, dass ich auf eine Anfrage oder einen Antrag an ein Bundesministerin nicht einmal eine Antwort erhalte, dann ist das wohl so. Bei diesem Thema gibt es viel Ablehnung. Das irritiert mich. Offenbar gibt es da eine generelle Meinung, die nie deutlich ausgesprochen wird. Als Deutscher dürfe man dazu nicht forschen. Deshalb finden Sie dazu auch nichts in den Schulbüchern – weil das bisher kein Thema ist.

Was zeichnet die Kriegskinder aus? Wer ist betroffen?

Hartmut Radebold: Wenn sie bis '47 geboren worden sind – bis dahin gab es noch Vertreibungen – dann können sie vieles erlebt haben. Man schätzt, dass jedes Kriegskind drei bis vier traumatische Erlebnisse durchmachen musste. Zum Beispiel Gewalterfahrungen: Verletzungen, Erschießungen, Vergewaltigungen. 90% der Befragten haben Bombenangriffe und/oder Ausbombungen erlebt,  mit Evakuierung und Kinderlandverschickung. Das heißt: Mit langer Trennung von den Eltern, weg aus den Großstädten. Dann die Abwesenheit der Väter – ob vorübergehend oder auf Dauer. Man schätzt, dass es nach dem Krieg 2,5 Mio. Halbweisen gegeben hat. Ergo ist ein Viertel ohne Vater aufgewachsen.
Nach heutigen Maßstäben sieht man 30% der Kriegskinder als traumatisiert an, 30% als beschädigt. Etwa 40% haben nichts erlebt – für sie waren der Krieg und das Kriegsende eine abenteuerliche Zeit.

Menschen verarbeiten Erfahrungen ganz unterschiedlich. Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle?

Hartmut Radebold: Es gibt schützende Faktoren. Eine gute Mutter-Kind-Beziehung, eine insgesamt doch heile Großfamilie oder eine Familie, die Kindern eine gut behütete Atmosphäre bietet. Da stellen sich Fragen: Wenn die Väter fehlten, gab es Ersatzväter? Ältere Geschwister? Großväter? Lehrer in der Schule, die schützende Aufgaben übernommen haben? Solch schützende Faktoren können die Erfahrungen abmildern und auffangen. Zusätzlich beeinflusst, ob Kinder aktiv an Dinge herantreten oder passiv abwarten.
Nach dem Krieg gab es kaum Untersuchungen über das Schicksal der Kinder. Bei einer Untersuchung wird deutlich, dass die Kinder 1945/46, also kurz nach dem Krieg, schwerst verstört waren.  Sie waren unterernährt, hatten ein geringes Längenwachstum, waren verwahrlost bis kriminell, hatten schlechte bis miserable Schulleistungen. Sie sprachen pausenlos von dem, was sie erlebt hatten. Sie konnten nachts nicht durchschlafen, hatten extremes Heimweh und waren nicht gruppenfähig. Drei Jahre später ist das alles verschwunden und zehn Jahre später nach Kriegsende 1945 finden sich bei der einzigen Untersuchung keine Folgen.

Sind die Folgen des Krieges tatsächlich verschwunden oder sind sie nur verborgen geblieben?

Hartmut Radebold: Die Folgen sind nicht verschwunden. Ich sage immer: Das ist unter einer stabilen seelischen Betondecke erhalten geblieben. Abgekapselt. Trotzdem fielen wir auf: Wir Kriegskinder wurden beschrieben als kleine, ernste, schnell erwachsene Jugendliche in der Pubertät. Wie kann man das erklären? Diese Kinder haben ganz offensichtlich bestimmte Abwehrmechanismen benutzt. Sie haben generalisiert: "Das haben doch alle erlebt." Stimmt natürlich nicht. Sie haben die Erlebnisse verdrängt, relativiert. „Es hat uns doch nichts geschadet“ oder „es war doch nicht so schlimm“ waren häufige Aussagen. Es hat viel Verdrängung stattgefunden. Viele erinnern sich nicht bis zu ihrem sechsten Lebensjahr. Sie haben die leidvollen Erfahrungen ins Gegenteil verkehrt, d.h. durch ihre abenteuerlichen Kriegsgeschichten ersetzt. Angst, Panik, Verzweiflung und Kummer waren kein Thema. Sie haben aufgespalten in Inhalt und Affekt. Die Gefühle waren weg - der Inhalt ist geblieben. Über den können sie sachlich reden, was sie auch tun, wenn sie bei einem meiner Vorträge aufstehen und dann anfangen, schreckliche Dinge zu erzählen, völlig affektfrei. Ich erstarre davor. Sie haben sich identifiziert mit den sozialen, politischen und allgemeinen Ansichten ihrer Familie, als Schutz sozusagen, geborgen im sozialen Gedächtnis der Familie. So haben die Kriegskinder die erlittenen Schrecken abgewehrt.

Was dringt unter dieser „Betondecke“ doch noch nach außen?

Die Kriegskinder haben eine Reihe von Verhaltensweisen entwickelt, die für sie selbstverständlich sind, die aber in der Umgebung unter Umständen seltsam auffallen. Ich begegne immer wieder Jüngeren, die sagen, die Kriegskinder haben solche „Marotten“. Was das für welche sind? Sie essen alles auf, was auf dem Teller liegt. Sie können absolut nichts wegwerfen. Böden und Keller von Kriegskindern, deren Häuser aufgelöst werden, sind voll von nie weggeworfenen Dingen. Sie sammeln und horten. Sie können relativ gut planen und organisieren. Sie kümmern sich wenig um den Körper, Stichwort: Früherkennungsuntersuchungen bei Männern und Frauen. In dieser Altersgruppe eine Katastrophe, weil sie zu wenig in Anspruch genommen werden. Sie machen keine korrekten Behandlungen und Rehabilitationen. Sie geben kein Geld für sich aus, um sich mal zu verwöhnen. Bei Befragungen zeigt sich, dass sie eine eingeschränkte Alltagsbewältigung und Lebensqualität haben.

Ich möchte es genauer wissen. Unter welchen psychischen Erkrankungen leiden die Kriegskinder?

Es gibt dazu bis jetzt keine spezifischen Forschungen in Deutschland. Zusammengefasst lässt sich sagen: Sie haben häufiger Panikattacken, Angstzustände und Phobien als andere. Schätzungen in Europa sagen: In vom Krieg betroffenen Ländern sind über 60-Jährige zu 26 bis 28 Prozent depressiv. Sie haben leichte bis mittlere Depressionsformen. In den anderen Ländern haben nur 14 bis 16 Prozent Depressionen. Kriegskinder haben häufiger funktionelle Störungen, für die sich aber keine körperliche Ursache findet. Dazu gehören auch chronische Schmerzsyndrome. Das wird aber nie als Folge des Krieges erkannt. Es gibt die Diagnose der Posttraumatischen Belastungsstörung. Sie wurde erstmals im Vietnamkrieg bei jungen, amerikanischen Soldaten gestellt. Es gibt eine einzige repräsentative Untersuchung aus Deutschland 2008. Die sagt, dass zusammengezählt 7,25 Prozent der Menschen über 60 Jahre in Deutschland an einer unvollständigen und vollständigen posttraumatischen Belastungsstörung leiden. In anderen Ländern wie der Schweiz sind es nur 1,8 oder 2 Prozent.

Wie sind die Kinder der Kriegskinder betroffen?

Seit etwa fünf Jahren äußern sich die Kinder der Kriegskinder. Sie sind inzwischen 45, 55, 60 Jahre alt. Sie sagen: „Ihr habt uns erzogen nach Maßstäben, Normen und Vorgaben, die ihr uns nie erklärt habt. Ihr habt keine gefühlsmäßige Nähe zu uns aufbauen können. Ihr wart immer auf Distanz. Wir wurden nicht in den Arm genommen. Wir haben gespürt: Da gibt es einen Bereich, den wir nicht erreichen. Abgeschottet. Ihr habt versucht, uns eine äußerlich verwöhnende, sichere Kindheit zu bieten. Zimmer, Spielzeug, Taschengeld, Reisen, eine sichere Atmosphäre – das, was ihr nicht gehabt habt, wenn es euch möglich war. Wir durften auch mal sitzenbleiben oder gucken, welche Ausbildung oder welches Studium wir machen wollen. Ihr wart nur nicht aufgeschlossen für unsere „kleinen“ Probleme. Mobbing in der Schule, Schwierigkeiten bei der Ausbildung. Ihr habt offenbar unbewusst angenommen, dass wir es alleine schaffen müssen. Weil ihr viel schwierigere Sachen zu bewältigen hattet. Wir haben Symptome von euch übernommen. Warum träumen lange nach dem Krieg Geborene von Bombenangriffen? Warum träumen sie von Flucht und Ausbombungen?“ Zum Teil sagen sie aber auch: „Ihr habt uns zu gesellschaftlich einbringenden, kritischen, engagierten Menschen erzogen.“ Das sagen die Kinder der Kriegskinder. Über die nächste Generation, die Enkel, wissen wir nichts.  Es gibt nur eine einzige Untersuchung aus Hamburg. Befragt wurden Kinder und Jugendliche, die den Hamburger Feuersturm erlebt hatten mit ihren Kindern und Enkelkindern. Über die Folgen bei den Enkeln lassen  sich noch keine Aussagen treffen.

Wie funktioniert die Weitergabe der Eigenschaften an die Kinder?

Vieles passiert ohne Worte. Andeutungen, Vorstellungen, Gefühle, Seufzen, vermiedene Erzählungen. Abgebrochene Sätze, die die Kinder nicht mitbekommen sollen. Ist Ihnen der Ausdruck Epigenetik schon mal begegnet? Die einzelnen Gene sind verantwortlich für Schaltmechanismen. Sie schalten Körperprozesse überall im Körper. Es gibt in den letzten Jahren zunehmend Hinweise aus Tierversuchen, dass durch dauerhaften Stress - und das wäre zum Beispiel eine Kriegskindheit mit ständiger Bedrohung, Verunsicherung, Angstzuständen und Panik - Gene bezüglich dieser Funktionen auf Dauer verändert werden. Das kann dazu führen, dass im Körper, bildlich ausgedrückt nicht Tempo 90 gefahren wird, sondern Tempo 140 - über viele Jahre. Es gibt Hinweise, dass das bei Erwachsenen und Kindern im Krieg auch so gewesen sein könnte. Im Tierversuch schwächen die Folgen für die nächsten Generationen allmählich ab. Trotzdem: Wenn das zutrifft – und dafür spricht vieles, gerade bei sehr kleinen Kindern – dann ist das natürlich eine erschreckende Aussicht. Dann hätten Kriege noch zusätzlich eine extreme Auswirkung.

Denken wir etwas weiter – vor welchen wichtigen Aufgaben steht das Pflegepersonal von Alterseinrichtungen in Zukunft?

Es ist so, dass das Pflegepersonal zunehmend mit diesen Kriegskindern konfrontiert wird. Schauen Sie, ich bin 1935 geboren, ich bin jetzt 80. Das Aufnahmealter in Pflegeeinrichtungen ist 82. Ambulante Pflegedienste, Krankenhausseelsorger, Psychiater und andere Mitarbeiter in dem Bereich haben ständig mit „Kriegskindern“ zu tun. Diese werden aber zunächst nicht als solche erkannt. Die Situation ist schwierig. Deshalb werde ich ja immer wieder zu Vorträgen und Seminaren eingeladen. Weil diese Mitarbeitenden verstehen wollen, was den Kriegskindern begegnet ist. Wie deren Reaktion und Verhaltensweisen zu verstehen sind, wie man helfen kann in dieser Alterssituation. Und es gibt noch ein weiteres Problem im Pflegebereich. Es kommen ja zunehmend Pflegekräfte aus dem früheren Ostblock zu uns. Polen, Russland, Ukraine. Und sie bringen eine eigene Geschichte mit, eine eigene Familiengeschichte mit dem Krieg und den Deutschen. Jetzt sollen sie Deutsche pflegen. Insbesondere die, die im Krieg erwachsen waren. Es leben heute noch etwa 100.000 Männer über 90 und 400.000 Frauen über 90. Es gibt 14.000 über 100-Jährige in Deutschland. Dann kommt - als klassisches Beispiel - eine Pflegekraft zu einer älteren Frau und auf deren Kommode steht ein Bild von einem Mann in Uniform mit einem Stahlhelm und Orden auf der Brust. Was mag die Pflegerin wohl denken? Sie bringt ihre eigene Geschichte mit. Man muss sich mal klarmachen, was das bedeutet: Ich soll freundlich und liebevoll und aufmerksam pflegen und ich pflege jemanden, dessen Ehemann Krieg gegen meine Familie geführt hat. Und das auch dann der Familie mitteilt. Auch das ist europäische Geschichte.

Zu guter Letzt: Wo kommt Ihre Motivation her, noch so viele Vorträge zu halten? Was ist Ihre Message?

Das ist eine interessante Frage. Das erste Mal, dass sie mir so gestellt wird von jemandem, der mich interviewt. Die indirekte Message lautet: Die Geschichte, die ihr erlebt und erlitten habt, gehört zu euch. Unwiederbringlich, lebenslang. Jetzt müsst ihr aufpassen, in eurer Situation des Älterwerdens und des Altseins, und auch am Lebensende, dass euch diese Situation zwar immer wieder verstören kann, aber nicht zerstört.

Vielen Dank für das Gespräch!

Auswahl einiger Bücher:

  • Hartmut Radebold: Die dunklen Schatten unserer Vergangenheit: Hilfen für Kriegskinder im Alter. Stuttgart, 2005/2009
  • Hartmut Radebold und Werner Bohleber: Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten.2009
  • Hartmut Radebold: Abwesende Väter und Kriegskindheit: Alte Verletzungen bewältigen. Stuttgart, 2010
  • Hartmut Radebold und Hildegard Radebold: Spurensuche eines Kriegskindes. Stuttgart, 2015
  • Hartmut Radebold und Hildegard Radebold: Älterwerden will gelernt sein. 2009

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Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.

2. Korinther 5, 10

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von iStockphoto/Pali Rao

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