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Beratung für Sexarbeiterinnen

Bordelle geschlossen: Wie wirkt sich das auf Frauen in der Sexarbeit aus?

Quelle: gettyimages, toxawwwRotlichtviertelRotlichtviertel

Die Corona-Krise bringt viele Menschen in Not – auch diejenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Dazu gehören auch Sexarbeiterinnen. Ihnen hilft die Kirche, wenn sie kann, beispielsweise durch die evangelische Beratungsstelle „Tamara“. Die Beraterinnen informieren über Möglichkeiten zum Schutz der Gesundheit, aber auch über den Ausstieg aus der Sexarbeit. Aktuell beraten die Mitarbeiterinnen per Internet und Telefon, im Ernstfall auch im Garten. Eine der Beraterinnen macht deutlich, dass sich durch die Corona-Krise die Missstände jetzt besonders deutlich zeigten. Sie sagt: „Da würden wir uns wünschen, dass klarere Regelungen geschaffen werden könnten.“

privatDiplom-Sozialpädagogin Heidrun Brunner hat aktuell sehr viel zu tun. Insbesondere die vielen Anträge und Rückfragen dazu kosten Zeit.Diplom-Sozialpädagogin Heidrun Brunner hat aktuell sehr viel zu tun. Insbesondere die vielen Anträge und Rückfragen dazu kosten Zeit.

Während der Corona-Krise können Sexarbeiterinnen nicht mehr für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Umso wichtiger wird die Hilfe, die sie bei der Beratungsstelle „Tamara“ erfahren. Sie ist im Zentrum für Frauen angegliedert, das zum Diakonischen Werk für Frankfurt und Offenbach gehört. Ein weiterer Träger ist der Evangelische Verein für Innere Mission Frankfurt am Main.


Heidrun Brunner arbeitet seit Juli 2017 in der Einrichtung Tamara. Sie berät und hilft Frauen, die zum Beispiel in Bordellen arbeiten. Brunner und ihre Kollegin kooperieren mit einigen Bordellen im Frankfurter Bahnhofsviertel, dort suchen die Streetworkerinnen eigentlich Frauen auf. Sie beraten aber auch in Tabledancebars oder Terminwohnungen. Die Beraterinnen helfen aber auch beim Ausstieg aus der Sexarbeit. Nächstenliebe und die Wertschätzung der Person gehören zu den inneren Wegweisern, an denen sich die Beraterinnen von Tamara orientieren. Doch durch das Kontaktverbot ist die Lage schwieriger geworden.
Seit dem 16. März 2020 sind Bordelle und ähnliche Einrichtungen geschlossen – dieser Beschluss wirkt sich stark auf das Leben von Sexarbeiterinnen aus. Auf welche Weise die Frauen betroffen sind, wollte Charlotte Mattes, Redakteurin in der Multimedia-Redaktion der EKHN, im Interview mit Beraterin Heidrun Brunner wissen.
Da Tamara hauptsächlich mit Frauen arbeitet, wird im Interview nur von Sexarbeiterinnen gesprochen, auch wenn es Männer in der Sexarbeit gibt, die ebenso von der Krise betroffen sind. 

Wie ist die aktuelle Situation für Sexarbeiterinnen?

Heidrun Brunner: Die Situation aller Sexarbeiterinnen ist extrem schwierig. Sie dürfen nicht arbeiten und verdienen so kein Geld für den Lebensunterhalt. Frauen in Bordellen haben oft keine Meldeadresse, in seltensten Fällen Mietverträge und wenn - dann hat diesen jemand anderes unterschrieben. Sie leben häufig dort, wo sie arbeiten, in einem anderen Stockwerk des Bordells zum Beispiel. Diese Frauen haben jetzt Arbeit und Zimmer verloren. Durch die Krise sind ganze Häuser zu – also müssen sie irgendwo unter kommen. Wir wissen aber von zwei Frankfurter Häusern, mit denen wir kooperieren, dass sie ihre Frauen kostenfrei auf ihren Stockwerken wohnen lassen. Die Frage ist aber auch – wie lange können die Bordelle das noch machen? Viele Frauen sind in ihre Heimatländer zurückgegangen, als es mit Corona losging. Die Frage ist: Wann werden sie wiederkommen? Werden sie überhaupt wiederkommen oder ist der Schock zu groß und sie werden in den Heimaltländern bleiben, aus Angst? Es gibt ja keinen Punkt null, wo das Virus erledigt sein wird. Dann ist die Frage: Was passiert dort?

Wenn dann ein Kontakt erfolgt: Welche Fragen und Sorgen haben Sexarbeiterinnen aktuell?

Heidrun Brunner: Die Frauen, die sich gemeldet haben, sind unter Schock gewesen und wussten nicht wohin in dieser Situation. Es geht ja um die Existenz. Die rufen an und fragen, „Was jetzt?“, „Kann ich eine Soforthilfe beantragen?“, „Kann ich Arbeitslosengeld II beantragen?“, „Welche Nachweise brauche ich?“, „Wie ist das mit den Mieten?“, „Woher bekomme ich etwas zu essen?“ - und so weiter. Viele haben auch Angst davor, krank zu werden oder dass ihre Kinder krank werden. Wir von Tamara mussten uns auch darüber informieren, welche Formulare es für welchen Zweck gibt. Viele unserer Klientinnen fragen aber auch, wie es uns geht und ob wir viel Arbeit haben.

… Sind viele Frauen jetzt wohnungslos durch die Situation?

Heidrun Brunner: Die meisten Frauen sind bei Freunden untergekommen. Wir wissen bislang nur von einer Frau, die durch die Situation wohnungslos wurde. Aber da konnten wir helfen. Es gab auch Kunden, die angeboten haben, dass sie bei ihnen wohnen können. Das sind oft Männer, die gut deutsch sprechen, die sich anbieten zu helfen, zum Beispiel auch, um mit uns in Kontakt zu treten. 

Mit welcher Haltung üben Sie Ihren Beruf aus?

Heidrun Brunner: Unsere Haltung ist: Die Frau steht im Vordergrund. Wir holen sie da ab, wo sie steht. Unserer eigenen Wert- und Moralvorstellungen stehen erstmal zurück. Wir sehen die Frau, nicht was sie tut und respektieren ihre Wertvorstellungen. Sie soll sich angenommen fühlen. Die Frauen können hier offen über den Job sprechen, müssen ihn nicht rechtfertigen. Wir wollen die Frauen nicht abwerten. Viele unserer Klientinnen sind religiös. Die haben ihre eigenen Strategien, das zu vereinen. 

Wie passt Kirche und die Hilfe für Sexarbeiterinnen zusammen?

Heidrun Brunner: Das passt und ich finde es ganz einfach und auch normal. Da geht es um Nächstenliebe und die Wertschätzung der Person. Wir sagen, die Frauen sind in Ordnung, so wie sie sind. Außerdem passt es auch dazu, wie Jesus sich mit Menschen verhalten hat; Jesus hatte auch keine Vorurteile und ist auf sie zugegangen. Wir sehen die Probleme der Frauen. Wir sehen, was mit ihnen los ist. Ich finde es großartig, dass wir so arbeiten und so offen sein dürfen, das ist schon große Klasse. Wir haben unsere beiden Träger hinter uns. Das ist super!

Wie beraten und helfen Sie aktuell den Frauen?

Heidrun Brunner: Eigentlich arbeiten wir auch im Streetwork. Da sind wir hauptsächlich mit Frauen aus Rumänien und Bulgarinnen in Kontakt. Aber durch Corona fällt das weg und wir beraten telefonisch, per Mail oder in schwierigen Fällen in unserem Garten. Wir schicken Formulare in die zwei Bordelle, die noch geöffnet haben, damit die Frauen dort zum Beispiel auch Arbeitslosen Geld II beantragen können. Es ist natürlich viel anstrengender so zu arbeiten, als wenn man sich kurz treffen kann, um alles zu klären. Alle Anträge müssen in unterschiedlichen Jobcentern gestellt werden. 

Was könnte die Situation der Frauen verbessern?

Heidrun Brunner: Was uns immer wichtig ist zu sagen: Wir sehen, dass die Frauen wirklich hart arbeiten für ihr Geld und sie auch Steuern für ihre Arbeit zahlen. In Clubs und Bordellen werden viele Regeln nicht angewandt, sodass Frauen keine Steuernummer haben und so auch keine Wohnung mieten können. Das sind Missstände, die schon immer da sind, einem aber in solch einer Situation um die Ohren fliegen. Da würden wir uns wünschen, dass da klarere Regelungen geschaffen werden können. 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Heidrun Brunner: Zum Beispiel: Wenn ein Gesetz verbietet, dass Frauen an ihrem Arbeitsplatz schlafen, sollte es eine Idee geben, wo Frauen denn dann wohnen können. Es ist eine völlig legale selbstständige Tätigkeit auf der einen Seite, auf der anderen Seite ist alles irgendwie anders. Sexarbeit ist so schlecht angesehen und Frauen können nicht offen darüber sprechen. Das alles führt dazu, dass die Situation für Sexarbeiterinnen kompliziert und schwierig ist. Wir können es nicht ausschließen, dass die Corona-Krise weitreichende Auswirkungen auf die ganze Branche hat. Man muss mal sehen, wie das jetzt weitergeht. Wir wissen es alle nicht.

Wie sieht es denn mit finanziellen Rücklagen der Frauen aus? In diesem Bereich fließt ja viel Geld…

Heidrun Brunner: Das Geschäft läuft über Bargeld. Frauen in dem Bereich haben fast nie ein Konto. Es fließt viel Geld, ja. Es wird viel eingenommen, aber auch viel ausgegeben für die Zimmermiete und die pauschale Steuer. Außerdem haben die Frauen schnell hohe Arztkosten durch die private Bezahlung, weil die meisten auch nicht krankenversichert sind. Die Frauen schwimmen also nicht im Geld. Es muss viel Geld verdient werden, damit überhaupt etwas übrig bleiben kann – viele unterstützen auch ihre Familie im Heimatland. Da haben dann die wenigsten Rücklagen in einer solchen Krise.

Wie kommen die Frauen mit null Einnahmen über die Runden?

Heidrun Brunner: Wir fragen uns auch, wie die Frauen das machen. Wir hatten bislang keine Frau, die sich kein Essen mehr kaufen könnte. Aber es kamen schon Fragen, wo es Essen gibt, da helfen wir dann mit Adressen weiter. Von unseren Anträgen, die wir gestellt haben, gibt es bislang noch keinen positiven Bescheid. Das liegt auch daran, dass es berechtigte Rückfragen gibt. Zum Beispiel: „Haben Sie eine Meldeadresse? - Wenn ja, fügen sie diese ein.“ 

Sie von Tamara bieten das Projekt „Plan B“ an, das Sexarbeiterinnen beim Ausstieg hilft. Wird dieses Projekt jetzt häufiger angefragt?

Heidrun Brunner: Es gibt einige, die sich jetzt für Plan B interessieren, weil sie sagen: Ich möchte das nicht nochmal erleben. Es kommt schon die Frage: „Wenn ich jetzt Arbeitslosengeld II beziehe, kann ich dann nicht gleich ganz aussteigen?“ Es gibt also einen Zuwachs, aber die Mehrzahl der Frauen, die zu uns kommen, wollen nach der Krise weiterarbeiten. 

Warum ist ein Ausstieg aus christlicher Sicht zu begrüßen?

Heidrun Brunner: Wenn jemand das Bedürfnis hat sein Leben zu verändern, ist es immer wichtig, das zu unterstützen. Die sexuelle Dienstleistung ist schon ein besonderer Job, wenn jemand da eine Alternative sucht und sagt: Ich will das nicht mehr machen, helfen wir. Es gibt viele unterschiedliche Gründe für diesen Wunsch. Zum Beispiel weil sie sagen: Ich möchte fremde Menschen nicht mehr so nah an mich ranlassen oder weil sie etwas „Normales“ arbeiten möchten und raus aus der Szene. Ein großer Grund ist auch die Sehnsucht nach den eigenen Kindern, die häufig im Heimatland bei Verwandten leben. Es gab auch schon Fälle von Gewalt als Grund für den Ausstieg. Das kommt bei uns in der Beratung aber äußerst selten vor. 

Was sind Hürden für die Frauen bei einem Ausstieg?

Heidrun Brunner: Es ist generell schwierig, wenn Frauen mit der Sexarbeit aufhören, weil sie dann kein Geld mehr nach Hause schicken können. Wenn Frauen aus der Prostitution raus gehen, machen viele erst einen Sprachkurs und beziehen Arbeitslosengeld II. Alternativ zur Arbeit im Bordell muss erstmal eine Grundlage geschaffen werden. Sie müssen sich krankenversichern, einen Integrations- und Sprachkurs machen. Dann finden wir gemeinsam heraus, welche Qualifikationen sie haben und welche Ausbildung zu ihnen passt. Dieser Prozess dauert in der Regel mehrere Jahre. Viele der Frauen versuchen trotzdem so viel Geld wie möglich heim zuschicken, aber wir kriegen mit, dass dann die Probleme größer werden.

Haben Sie einen speziellen Fall, unabhängig von der Corona-Krise, der das deutlich macht?

Heidrun Brunner: Bei einem Paar wurden die drei Kinder von Schwager und Schwägerin im Heimatland versorgt. Als die Frau ausgestiegen ist und kein Geld mehr kam, wurde die Situation immer schwieriger, sie wollten sich nicht mehr um die Kinder kümmern. Dann kamen die Kinder nach Frankfurt und sie haben zu fünft in einer Ein-Zimmer-Wohnung gewohnt. Fünf Menschen in einem Zimmer, das hat nicht geklappt. Zum Schluss sind alle zurück nach Rumänien gegangen und wir wissen nicht, wie es der Familie geht und was sie dort macht. 

Der Glaube und die Hilfe, für Prostituierte

Auch in der biblischen Überlieferung werden Prostituierte erwähnt. Sie kommen bereits im Alten Testament vor. So bezeichnen einige Bibelübersetzungen die Frau Rahab aus Jericho als Prostituierte. Sie selbst ist keine Israelitin, hilft aber zwei israelitischen Kundschaftern, sich zu verstecken. Schließlich nehmen die Israeliten die Stadt Jericho ein, verschonen dabei aber Rahab und ihre Familie. Der Text wertet Rahabs Beruf nicht. Andere Bibelstellen äußern sich hingegen kritisch. Im Neuen Testament wird deutlich, dass Jesus gerade auf Menschen am Rande der Gesellschaft zugegangen ist und sie wertschätzte. Jesus spitzte zu: „Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr.“ (Mt 21,31) Der Evangelist Lukas erzählt davon, dass eine „Sünderin“ Jesus bewusst aufgesucht hatte. Als sie ihn erblickte, begann sie zu weinen und salbte ihm Kopf und Füße. Jesus hatte die Gesten der Ehrerbietungen dieser Frau angenommen. Der Gastgeber, in dessen Haus sich die Szene abspielte, schien irritiert zu sein und fragte sich, ob Jesus denn nicht merke, was das für eine Frau sei. Jesus sagte: „Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe erwiesen; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.“ Ob Prostituierte, Zöllner oder Kaufmann: Jesus ist auf alle Menschen der Gesellschaft zugegangen –  dabei konnten sie arm, reich, angesehen oder von der Gesellschaft verachtet sein. (Lukas 7,36 ff)
Allerdings signalisiert die Bibel auch, sorgsam mit seinem Körper umzugehen. So heißt es im 1. Korinterbrief: "Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?" Diese Aussage von Paulus deutet darauf hin, dass der Körper und der von Gott beseelte Geist zusammen gehören. In der Einheitsübersetzung wird für eine sexuelle Begegnung auch das Wort "erkannt" verwendet. Damit betonen die Übersetzer, dass mit einer sexuellen Begegnung auch das seelische Erkennen des Partners verbunden ist. Das untermauert eine Stelle aus der Lutherbibel, in der von der Beziehung zwischen Issak und Rebekka gesprochen wird: "Sie wurde seine Frau und er gewann sie lieb."

Alles, was dir vor die Hände kommt,
es zu tun mit deiner Kraft, das tu.

(Prediger 9,10)

Prediger 9,10

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages/tolga tezcan

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