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Pfingstandacht von Volker Jung

Vielfalt: Fremdes verstehen und Eigenes nicht verschweigen

EKHN-Öffentlichkeitsarbeit / RahnVielfalt: Buntes Fenster in der Diakoniekirche Weißfrauen in FrankfurtVielfalt: Buntes Fenster in der Diakoniekirche Weißfrauen in Frankfurt

Das Fremde verstehen und das Eigene nicht verschweigen: Das ist die große Überschrift zu Pfingsten, sagt Kirchenpräsident Volker Jung in seiner Andacht zum Fest 2019.

EKHN/NeetzJung predigt von der KanzelKirchenpräsident Dr. Dr. h.c. Volker Jung

Viele Menschen verreisen gerne. Viele genießen es auch, andere Länder und Städte zu entdecken.  Wenn ich in einer fremden Stadt unterwegs bin, in der es bunt und quirlig zugeht, macht mir das richtig Spaß. Allerdings frage ich mich dabei auch manchmal: Wie wäre es, wenn ich hier leben würde. Womöglich wäre mir die bunte Vielfalt dann doch zu anstrengend: die Geräusche zu laut, die Gerüche zu fremd, die Sprachen zu mühsam, die Mentalität vielleicht doch zu anders. Vielfalt ist schön. Zugleich kann sie auch anstrengend sein und Konflikte mit sich bringen.  Bei manchen wächst deshalb das Bedürfnis, Vielfalt einzudämmen. In vielen Ländern werden die politischen Stimmen immer lauter, die weniger Vielfalt und mehr Einheitlichkeit fordern. Sie wollen klare Grenzen ziehen oder sogar Mauern bauen, um das Eigene zu schützen. In politischen Debatten werden Vielfalt und Einheit mittlerweile oft ideologisch gegeneinandergestellt. Wer hinschaut, entdeckt: Es gibt in Menschen beides: die Sehnsucht nach Weite auf der einen Seite und die Sehnsucht nach klaren und überschaubaren Verhältnissen auf der anderen Seite. Zur Kunst des Lebens gehört es, beide miteinander in Einklang bringen. Wie das geht, ist die Frage. Ich bin überzeugt: Die Tiefe der christlichen Pfingstgeschichte kann dazu beitragen, dass das gelingt. 

Aus aller Welt  

Menschen aus aller Welt mit ihren verschiedenen Sprachen und Kulturen treffen sich in der biblischen Pfingstgeschichte in Jerusalem. Und es ist sicher nicht nur ein fröhliches Miteinander. Wenn Menschen aufeinandertreffen, kommt es auch immer zu Missverständnissen und Konflikten. Mittendrin befinden sich die Männer und Frauen, die Jesus gefolgt sind, als er noch lebte. Sie sind traurig und tief verunsichert. Jesus ist nicht mehr da. Er hat ihre Welt hinter sich gelassen. Sie sind alleine zurückgeblieben. Dann kommt der Pfingsttag und sie spüren, dass eine neue Kraft sie ergreift. Sie ist wie ein frischer Wind, wie ein neues Brennen in ihren Herzen. Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, erzählt das in einer dramatischen Geschichte. Sie begründet das heutige Pfingstfest, das Fest des Heiligen Geistes. Er kommt mit einem lauten Brausen und er kommt mit lodernden Feuerzungen über den Köpfen. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu sind sichtbar und hörbar von einem neuen Geist erfüllt. Sie fangen an, öffentlich zu reden. Nicht irgendwas, sondern sie predigen. Sie bezeugen ihren Glauben an Gott und Jesus Christus. Eben noch verzagt ganz unter sich, finden sie dafür nun den Mut und die richtigen Worte. Doch damit noch nicht genug. Die Leute auf den Straßen hören sie jeweils in ihrer eigenen Muttersprache.

Wundervolle Geschichte 

Die Pfingstgeschichte ist wundervoll. Sie erzählt, wie der Heilige Geist unterschiedliche Menschen füreinander öffnet. Sie werden dabei aber nicht vereinheitlicht. Sie sprechen eben nicht alle plötzlich eine Sprache. Sie verstehen sich, obwohl sie verschiedene Sprachen sprechen. Was hier geschieht, lässt sich auf die Formel bringen: „Das Fremde verstehen und das Eigene nicht verschweigen.“ Der Heilige Geist bewegt Menschen dazu, das Fremde zu hören und zu verstehen und das Eigene zu sagen. Die Jüngerinnen und Jünger von Jesus reden und sie hören die Fragen, die ihnen gestellt werden. Die Menschen, die ihnen zuhören, sind verwundert. Manche wenden sich ab, andere fragen nach. So bringt der Heilige Geist Menschen zusammen. Was hier geschieht, ist, dass Menschen das Fremde verstehen und das Eigene nicht verschweigen. Ich bin überzeugt: So können sich Menschen gut begegnen – in all ihrer Vielfalt. Und wo Menschen sich so begegnen, wirkt Gottes Geist – mitten unter uns.  

Kirchen in der Selbstkritik  

Das Fremde verstehen und das Eigene nicht verschweigen.  Das hat auch für die Kirchen mit ihren Unterschieden eine große Bedeutung – etwa für die evangelische und die katholische Kirche. Es stellt sie kritisch in Frage. Jahrhundertelang waren auch die Kirchen überzeugt, dass Menschen nur gut zusammenleben können, wenn möglichst alle dasselbe glauben. Ich freue mich heute besonders, dass die Ökumene zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche mittlerweile von einem pfingstlichen Geist geprägt ist. Es ist ein Geist, der hilft, die jeweils andere Konfession besser zu verstehen, ohne dabei das Besondere der eigenen Konfession zu verleugnen. So schätzen evangelische Christinnen und Christen oft die feierliche Liturgie in einem katholischen Gottesdienst. Katholische Christinnen und Christen finden oft gut, wie in der evangelischen Kirche miteinander debattiert wird. Und beide schätzen, wenn in gemeinsamen Gottesdiensten - oder wenn man sich sonst begegnet bei Veranstaltungen - Gemeinschaft entsteht. Das gelingt dann, wenn nicht eine Seite einen alleinigen Anspruch auf „die“ Wahrheit erhebt. Pfingsten zeigt: Gottes Geist bringt Menschen mit ihren Unterschieden und in ihrer Vielfalt zusammen. Gelebte Ökumene bedeutet deshalb für mich: Sich dem Geist Gottes anzuvertrauen, der hilft, den Glauben und die Menschen zueinander zu führen. Und der hilft, auch hier das Fremde zu verstehen und das Eigene nicht zu verschweigen.

Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Matthäus 25, 40

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages/ekely

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