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Freier Wille

Freier Wille in der Erziehung der Kinder

BraunS/istockphoto.comKindergärtnerin mit GitarreKindergärtnerin mit Gitarre

„Kinder mit einem Willen kriegen eine auf die Brillen“, sagte die Großmutter früher. Heute ist die Entfaltung des freien Willens ein Erziehungsziel in Kindergärten. Pfarrer Hans Genthe sprach mit Sabine Herrenbrück darüber, wie Kinder lernen mit Freiheit und Grenzen umzugehen und gute Ergebnisse auszuhandeln.

C. Lesch / ekhnSabine HerrenbrückSabine Herrenbrück

Frau Herrenbrück, Sie leiten den Fachbereich Kindertagesstätten im Zentrum Bildung der EKHN. Ist der freie Wille eine Erziehungshilfe?

Wir bemühen uns zurzeit sehr stark um Partizipation, das heißt: Kinder im Tagesablauf der Kindertagesstätte zu beteiligen und sie in Entscheidungen einzubeziehen. Und dabei lernen sie, dass die anderen Kinder auch einen freien Willen haben. Die Kinder erleben also, dass die eigene Freiheit da aufhört, wo die Freiheit des anderen anfängt. So erproben sie für sich Wege, ihren Willen zu artikulieren und auch die anderen zu verstehen. Sie probieren also aus, wie man Entscheidungen gemeinsam verantworten kann.

Erzählen Sie uns mal ein Beispiel aus der Kita.

Es sind noch zwei Plätze beim Wasserspielen frei. Vier Kinder wollen unbedingt mitspielen und haben sich gemeldet. Dann haben sie diskutiert und schließlich ausgelost. Zwei mussten es aushalten, dass sie nicht dabei sein können. Es ist nicht über ihre Köpfe hinweg bestimmt worden, sondern die Kinder haben es selbst so entschieden.

Ist es nicht wie in jeder Demokratie, dass alle Standpunkte ausgehandelt werden müssen?

Heute denken viele Leute, Demokratie ist das, was ich will. Aber die Demokratie hat zwei Seiten: Freiheit und Verantwortung. Ich sehe da im Moment ein großes gesellschaftliches Thema. Viele setzen ihr Thema absolut. Aber: ich muss den freien Willen der anderen aushalten. Wir fangen ganz systematisch im Kindergarten mit diesem Thema an. Das fängt bei den Fragen an, was gekocht wird, und wie das gemeinsam entschieden werden kann.

Das alte Thema „Kindern Grenzen setzen“ steckt da nicht auch im Thema des freien Willens drin?

Grenzerfahrungen sind für die Persönlichkeitsentwicklung ganz wichtig. Dem Kind keine Grenzen zu setzen, ist wie einen Erwachsenen mit verbundenen Augen mitten ins Fußballstadion zu setzen und zu sagen: Jetzt find mal heraus. Kinder brauchen Orientierung. Kein Baby schläft gern auf einer großen offenen Fläche. Es sucht die Geborgenheit der Begrenzung. Kinder brauchen Grenzen um sich orientieren zu können. 

Müssen Kinder sich nicht an Grenzen reiben?

Ja, Kinder müssen sich an Grenzen reiben. Aber wir wollen sie nicht durch autoritäres Beherrschen zum Funktionieren bringen. Sondern wir gestehen den Kindern zu, sich frei zu entwickeln und ihrem Wollen nachzugehen. Dabei lernen sie, dass ihre Umwelt Grenzen hat und sie da hineingehören.  Kinder verhandeln ja untereinander auch ihre Grenzen und ihre eigenen Regeln selber. Jeder, der Kinder hat weiß, sie achten sehr genau darauf, ob Regeln eingehalten zu werden. Es gibt keine schärferen Kontrolleure als bei Kinderparlamenten.

Gibt es auch Themen, wo die Kinder nicht eingebunden werden?

Selbstverständlich gibt es Lebensbereiche, wo die Kinder in unseren Kitas nicht eingebunden werden. Wir kochen mit ihnen und planen gemeinsam das Essen, aber ob die Wärmekette bei der Essensbereitung eingehalten wird, das ist kein Thema für die Kinder. Sie sind immer dann dabei, wenn es um Regeln für ihr Leben geht. Und wir wägen ab zwischen Individualität und Sozialität, also was das Kind braucht und was die Gemeinschaft braucht. 

Wie gelingt es Ihnen, die Eltern zur Partizipation anzuleiten?

Die Eltern, mit denen wir heute zu tun haben, sind sehr unterschiedlich. Viele Eltern begrüßen unser Modell der Partizipation. Wir stellen aber auch Haltungen fest, wo wir uns fragen: Wo kommt das her? Was haben diese Eltern als Kinder erlebt? Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen. Oder Eltern, die ihre Kinder ständig coachen und perfektionieren. Helikoptereltern, die ihre Kinder geradezu verfolgen. Aber auch Eltern, die den freien Willen ihrer Kinder ständig absolut setzen und so vor Grenzerfahrungen bewahren. Wir fragen uns oft: Was werden die heutigen Kinder später für Eltern sein?

Wie gelingt es den evangelischen Kitas, den heutigen Anforderungen gerecht zu werden?

Wir verstehen, dass viele Eltern hohe Erwartungen haben. Sie wollen für ihre Kinder nur das Beste. Wir stellen das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt. Dazu gehört das Recht auf den heutigen Tag. Viele Kinder sind gar nicht mehr im Hier und Jetzt. Sie brauchen Zeit, um sich im Spiel zu vertiefen, wo sie ganz viel lernen. Und bei uns dürfen die Kinder Grenzerfahrungen machen. Dazu gehört auch das Thema Tod. Wir wollen dazu beitragen, die Sprachlosigkeit bei religiösen Themen in vielen Elternhäusern zu überwinden. 

Dies Gebot haben wir von ihm,
daß, wer Gott liebt, daß der auch seinen Bruder liebe.

1. Johannes 4, 21

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages/issalina

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