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Brexit

Großbritannien verlässt die EU – Was bedeutet das für die irische Insel?

gettyimagesBrexit LondonBrexit London

Lange ist es her: Am 23. Juni 2016 wurde das Referendum zum Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union gestellt. Und jetzt ist es soweit: Am 31. Januar 2020 wird Großbritannien die EU um 24 Uhr verlassen. Dann wird es bis 2021 eine Übergangsphase geben. Der in Irland lebende Pfarrer Stephan Arras hat sich zum EU-Austritt des Nachbarlandes ein Bild gemacht.

gettyimagesEine Landkarte zeigt, wie Nordirland auf der irischen Insel von Irland getrennt ist.Die Trennung von Nordirland und dem restlichen Irland auf der irischen Insel.

Mehr als vier Jahre lebt Stephan Arras nun schon in Irland. Er ist dort lutherischer Pastor der EKD und für die gesamte Insel zuständig – also nicht nur für Irland, sondern auch für das zu Großbritannien gehörende Nordirland. Arras kommt viel rum, hält Gottesdienste auf beiden Teilen der Insel, bekommt regelmäßig etwas von der Stimmung und den Sorgen zum Brexit mit. „Die Iren sind sehr überzeugt von der EU, die Union hat eine wirtschaftliche Eigenständigkeit und im größten Teil Wohlstand gebracht“, erzählt Arras: „Aber in Nordirland gibt es natürlich schon die Sorge, jetzt abgehängt zu werden.“ Trotzdem beschreibt Stephan Arras die Stimmung grundsätzlich als ruhig und normal: „Es ist, als gäbe es den Brexit gar nicht!“

Was wird aus dem eigentlich beigelegten Nordirlandkonflikt?

Bis vor einiger Zeit gab es noch die Angst, dass der 1998 beigelegte Nordirlandkonflikt zwischen katholischen Iren, die für die Unabhängigkeit der gesamten irischen Insel kämpfen und den protestantischen Nordiren – hingezogen zu Großbritannien – wieder aufflammen könnte. Gerade ein harter Brexit mit einer klaren Grenze zwischen Nordirland und Irland hätte diesen Konflikt möglicherweise wieder befeuert. „Davon ist momentan wirklich nichts zu bemerken“, sagt Arras: „Es verläuft ruhig. Aber es wird ja auch keine Grenzzäune oder Checkpoints geben.“ Wie genau die Grenze zu Großbritannien nun auf der irischen Insel konkret aussehen wird, zeige sich wohl erst in der Übergangsphase bis zum nächsten Jahr. Die britische Regierung ist aber auf eine offene Grenze aus. Die EU bietet ein sehr spezielles Freihandelsabkommen an, ohne Zölle, ohne Kontingente. „Ich frage mich aber trotzdem, wie das dann zum Beispiel sein wird, wenn ein Nordire rüber nach Irland fährt, um dort billiger Waren einzukaufen“, fragt Arras. Noch sind demnach einige Fragen offen, ein bewaffneter Konflikt gilt demnach aber als sehr unwahrscheinlich.

In Nordirland lebende Deutsche in Sorge

Ein Thema, das bei Arras‘ Gesprächen vor Ort auf mehr Sorgen trifft, ist die Situation der in Nordirland lebenden Deutschen. „Die sind wirklich sehr besorgt und unsicher. Sie fragen sich jetzt, wie das mit dem Pass und der Aufenthaltsgenehmigung wohl funktionieren wird“, sagt Arras: „Da der dann alle drei Jahre erneuert werden muss, beunruhigt das viele Menschen. Und die Meisten finden es natürlich auch einfach unfair – Viele leben schon seit Jahren in Nordirland, fühlen sich wohl, bezahlen Steuern und können es einfach nicht verstehen, dass das alles jetzt auf sie zukommt.“ Als die Möglichkeit eines harten Brexit noch im Raum stand, hätten sich viele Deutsche, die mit Nordiren verheiratet sind, um einen britischen Pass für den Notfall bemüht.

Kirchen als Brückenbauer

Als sehr friedvoll beschreibt Arras das Engagement der Kirchen auf der irischen Insel: „In Wahrheit sind die Kirchen in Irland längst Brückenbauer. Viele Kirchen sind so organisiert, dass die Kirchengrenzen über die Grenze zwischen Irland und Nordirland hinweggehen. Da sind die Kirchen dann die Orte der Begegnung.“ Viele Kirchengemeinden schüfen aber auch eine Plattform, um Katholiken und Protestanten – und damit auch Iren und Nordiren – zusammen zu bringen. So sei etwa im nordirischen Lurgan ein Gemeindezentrum, das regelmäßig Vorträge und ökumenische Veranstaltungen anbietet. Gerade auch das Personal im Gemeindezentrum setze sich sehr für diese gemeinsame Beziehung ein, sagt Arras. „Es funktioniert! Trotzdem ist es aber im Großen und Ganzen so, dass sich viele Iren und Nordiren noch immer aus dem Weg gehen – man lebt nebeneinander her.“

Chance auf Wiedervereinigung der Iren?

Trotz der vielen Nachteile und Ängste, die der Brexit auf der irischen Insel hervorruft, sieht Stephan Arras auch Chancen. „Eine Sache steht da am Horizont: Die Sehnsucht, die irische Insel eines Tages wieder zu vereinigen.“ Statistisch gesehen wird die Gruppe der eigentlich irischen Einwohner auf der Insel immer größer, die der Protestanten etwas kleiner. Aber gerade auch, wenn Nordirland durch den Brexit mehr und mehr abgehängt und den gesellschaftlichen Anschluss zu den Briten verlieren würde, könne sich Arras vorstellen, dass die Frage nach einer Wiedervereinigung wieder gestellt werden könnte. Nach vielen Jahren bewaffneter Konflikte wäre der Brexit immerhin ein Anlass, diese Auseinandersetzung beizulegen.

 

Der Nordirlandkonflikt kurz erklärt:

Anfang des 20. Jahrhunderts rebellierten die Iren gegen die englische Herrschaft. Seit dem Jahr 1922 ist der südliche Teil der Insel als Republik Irland unabhängig. Nordirland blieb hingegen Teil des Vereinigten Königsreiches. Dort leben deutlich mehr Protestanten als Katholiken. Im Laufe der 1960er Jahre begannen extremistische protestantische und katholische Gruppen sich zu bekriegen. Die Protestanten, die auf ihre englischen und schottischen Vorfahren verwiesen, forderten einen Verbleib Nordirlands im Vereinigten Königreich. Die Katholiken kämpften für die Einheit der irischen Insel und einen irischen Nationalismus. Die bekannteste Gruppe der Katholiken war die IRA (Irish Republican Army). Auch das englische Militär wurde in die Kämpfe hineingezogen. Auch wenn die Extremisten sich bis heute als religiöse Gruppen verstehen, ist der Konflikt in erster Linie politisch ausgerichtet. 1998 wurde der Konflikt im sogenannten Karfreitagsabkommen weitgehend beigelegt. Dennoch existieren immer noch radikale Gruppen in Nordirland, die mit dem Abkommen nicht einverstanden sind.

Ich merke, der weite Raum
entsteht nicht in mir und durch mich.
Er entsteht, weil andere da sind,
die mir Räume eröffnen,
gnädig umgehen mit meinen Schwächen,
sich einsetzen für einen menschenwürdigen Umgang
mit allen Menschen.

(Melanie Beiner zu Psalm 31,9)

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