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Preis von CDU/CSU-Verband für Jung

„Lesben und Schwule in der Union“ ehren Kirchenpräsident

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Überraschendes Präsent aus Berlin: Hessen-Nassaus Kirchenpräsident Volker Jung erhält in der Hauptstadt den Ehrenpreis des Bundesverbandes der „Lesben und Schwulen in der Union“ LSU für seinen Einsatz für die Rechte Homosexueller.

LSULSU-Vorsitzender Vogt überreicht Ehrenpreis an Kirchenpräsident Jung (r)LSU-Vorsitzender Vogt überreicht Ehrenpreis an Kirchenpräsident Jung (r)

Berlin / Darmstadt, 1. Oktober 2015. Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Dr. Volker Jung, hat am Donnerstagabend (1. Oktober) in Berlin den Ehrenpreis der Lesben und Schwulen in der Union (LSU) erhalten. Der Bundesverband der homosexuellen CDU/CSU-Mitglieder würdigte Jung mit der seit 2011 alle zwei Jahre vergebenen Auszeichnung für seinen Einsatz für „die Gleichberechtigung und gesellschaftliche Akzeptanz“ von Homosexuellen.

Jung: Es geht um Menschenwürde

Jung hob in seiner Dankesrede hervor, dass es wichtig sei, weiter dafür einzutreten „Homosexualität als eine gute Prägung von Menschen zu akzeptieren, die wie Heterosexualität verantwortlich gelebt werden kann“. Dabei gehe es „um nichts weniger als um die Menschenwürde“, so Jung. Nach seinem Verständnis sei „der Kirche vom Kern ihrer Botschaft her ein besonderer Blick auf diejenigen aufgetragen, die in irgendeiner Weise an den Rand gedrängt und diskriminiert werden“.  Das hieße im Bezug auf die Homosexualität, in der Gesellschaft immer wieder neu die Frage danach zu stellen, „was getan werden muss, dass eine Minderheit nicht diskriminiert wird und Leid verhindert wird“. Dazu gehöre auch die Frage nach der Gestaltung einer „Rechtsform, die dabei hilft, eine Partnerschaft unabhängig vom Geschlecht verlässlich, verbindlich, dauerhaft und in gegenseitiger Verantwortung zu leben“.

Der Kirchenpräsident ging in seinem Beitrag auch auf aktuelle Entwicklungen wie die Flüchtlingsfrage oder Islamkritik ein, die er in einen Zusammenhang mit der öffentlichen  Debatte um die Gleichberechtigung Homosexueller stellte. Vielfach werde von den Kirchen in diesen Fragen Aussagen zur Abgrenzung verlangt. Jung spreche sich aber „für die Offenheit gegenüber Flüchtlingen und eine Begegnungskultur mit dem Islam“ sowie gegen Diskriminierung und für die gegenseitige Akzeptanz von Menschen aus. Jung wolle damit bewusst denen entgegentreten, „die sich in Talkshows und Interviews ein bisschen mehr ‚Kreuzzugsrhetorik‘ wünschen“. Jung: „Ich werbe für das Gespräch. Ich werbe für die Begegnungen – von Mensch zu Mensch“. Er wolle damit „dem Weg folgen, den Jesus gewiesen hat und der von der Liebe, ja sogar von Feindesliebe sprach“, erklärte Jung.
(Rede im Wortlaut hier)

LSU: Ganzheitliche Liebe anerkennen

Der Bundesvorsitzende der LSU, Alexander Vogt begründete die Entscheidung seines Verbandes damit, dass der Kirchenpräsident „durch sein Reden und Wirken immer wieder dezidiert für die Rechte und gesellschaftliche Akzeptanz homosexueller Menschen eingetreten ist“.  Vor allem habe er dies durch seine Mitarbeit in der Ad-Hoc-Kommission der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gezeigt, die den Text „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familien als verlässliche Gemeinschaft stärken“ 2013 veröffentlicht und damit zu einer intensiven Debatte angestoßen habe.

„Die Schlüsse, die viele christliche Kirchen und ihre Amtsvertreter bis heute in Bezug auf Homosexualität ziehen, beruhen auf einer Vorstellungswert, die längst nicht mehr unserem heutigen Wissensstand entspricht", erklärte der LSU-Vorsitzende Vogt in seiner Laudatio. „Davon heben Sie sich als Person, die evangelische Landeskirche von Hessen und Nassau und immer mehr Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland wohltuend ab. Denn selbstverständlich geht es nicht mehr nur darum, die Ehe als Verbindung zur Fortpflanzung des Menschen anzuerkennen, sondern auch die verbindliche Liebe zwischen Menschen gleichen Geschlechts als eine erfüllende und ganzheitliche Liebe, die von Treue und Fürsorge geprägt ist, anzuerkennen. Dafür danken wir Ihnen!"

Hintergrund: LSU Ehrenpreis

Der LSU-Ehrenpreis wird alle zwei Jahre verliehen. Erste Preisträgerin im Jahr 2011 war die frühere Bundestagspräsidentin und Bundesgesundheitsministerin Prof. Dr. Rita Süssmuth, die für ihre langjährigen Verdienste um gesundheitliche Aufklärung und im Kampf gegen HIV und AIDS gewürdigt wurde. Vor zwei Jahren zeichnete die LSU die so genannten „Wilden 13“ – eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten der CDU/CSU – aus, die sich innerhalb ihrer Fraktion und öffentlich für die steuerliche Gleichstellung von eingetragenen Lebenspartnerschaften mit der Ehe eigesetzt hatten. Der LSU-Ehrenpreis ist mit 1000 Euro dotiert. Preisträger Dr. Jung wird ihn einer Familienberatungsstelle in seinem Kirchengebiet spenden.

Im Wortlaut:
Dankesrede Kirchenpräsident Volker Jung
Verleihung LSU-Ehrenpreis 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich danke Ihnen sehr, dass Sie mich mit dem LSU-Ehrenpreis für Toleranz, Akzeptanz und Aufklärung auszeichnen. Ich fühle mich sehr geehrt. Sie geben mir auch die Gelegenheit, heute Abend zu Ihnen zu sprechen. Auch dafür danke ich Ihnen sehr.

Das, wofür Sie mich auszeichnen, möchte ich gerne ein wenig einordnen und Ihnen beschreiben, warum ich mich zu so geäußert habe, wie ich es getan habe. Es geht dabei auch um das Verhältnis von Kirche und Politik und es geht um evangelische Theologie und damit im Kern um Glaubensfragen. Es gehört zu den Aufgaben des Kirchenpräsidenten als leitender Geistlicher auch zu gesellschaftlichen und politischen Fragen Stellung zu nehmen. Nicht einfach so, um irgendwie in der Politik mitzumischen. Oder um Parteipolitik zu machen. Das wird der evangelischen Kirche zwar hin und wieder unterstellt. Das kann und darf aber nicht die Absicht politischer Äußerungen sein.

Kirchliche Äußerungen sollten meines Erachtens auch nicht – und das ist eine andere Gefahr – mit einem verdeckten Anspruch, doch irgendwie Staatskirche zu sein, daherkommen. Das wäre dann der Fall, wenn sich die Kirchen, um eine in dieser Sache ebenso kritische Formulierung Wolfgang Hubers zu verwenden, als „Bundeswerteagenturen“ verstehen würden. Nach meinem Verständnis soll die evangelische Kirche Beiträge zur Urteilsbildung in einer säkularen und pluralen Gesellschaft liefern. Ein solcher Beitrag ist auch die Orientierungshilfe der EKD zum Thema Ehe und Familie.

Nach meinem Verständnis ist der Kirche vom Kern ihrer Botschaft her dabei ein besonderer Blick aufgetragen. Es geht darum, insbesondere diejenigen in den Blick zu nehmen, die in irgendeiner Weise an den Rand gedrängt werden, die diskriminiert werden, denen Unrecht geschieht. Das ist der Blick der Propheten Israels in den Büchern des Alten Testamentes und das ist der Blick des Jesus von Nazareth. Wenn sich Kirche äußert, hat sie zum einen zu erläutern, aus welchen theologischen Gründen sie so redet, wie sie redet. In der säkularen Gesellschaft kann und darf aber nicht erwartet werden, dass diese Argumentation von allen geteilt wird. Deshalb hat sie zum anderen auch zu sagen, warum das, was sie inhaltlich sagt, auch in säkularerer Perspektive für sinnvoll hält.

Ich will dies an drei Themen kurz beschreiben. Diese drei Themen sind nicht beliebig gewählt. Es sind die Themen, zu denen ich bei öffentlichen Äußerungen, die heftigsten Reaktionen bekommen habe. Möglicherweise finden sie die gleich folgende Zusammenstellung grotesk. Sie entspricht aber der Wirklichkeit. Es sind die Themen Flüchtlinge, Islam und Homosexualität. Im Moment werden diese Themen gelegentlich auch miteinander verknüpft. Etwa wenn gesagt wird: „Mit den Flüchtlingen kommen viele Muslime ins Land und die sind gegen die Gleichberechtigung der Frau und gegen Homosexuelle.“

 Doch der Reihe nach.
Flüchtlinge. Wer das Thema Flüchtlinge aus der biblischen Tradition angeht, entdeckt, dass die Bibel voll ist von Geschichten zum Thema Flucht und Leben und Überleben in der Fremde. Dem alten Volk Israel ist, weil es selbst ein Volk in der Fremde war, die Sorge um die Fremden besonders ans Herz gelegt. „Den Fremden sollst du nicht bedrücken.“ Jesus selbst sagt in der Rede vom Weltgericht im Matthäusevangelium: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ Die biblischen Grundgedanken dabei sind zwei. Erstens: Bedenke, dass du selbst Fremder sein kannst. Zweitens: Im Fremden begegnest du Christus und in ihm Gott. Das könnte man nun theologisch sehr vertiefen. Aber all das sind genügend Gründe, warum Menschen, die sich davon ansprechen lassen, sich um Fremde zu kümmern. Wer sagt, man müsse die Flüchtlinge abwehren, um das christliche Abendland zu schützen, hat meines Erachtens Entscheidendes nicht verstanden. Gleichwohl kann natürlich nicht erwartet werden, dass die Argumentation, die sich an der biblischen Botschaft orientiert, von allen nachvollzogen und geteilt wird.

 Deshalb ist es nötig, sich darüber zu verständigen, dass die Sorge um den Fremden, die Sorge um die Flüchtlinge, ein Gebot der Menschlichkeit ist, die sich auf Artikel 1 unseres Grundgesetzes bezieht. Und es ist dann natürlich nötig, auch eine gesellschaftliche Verständigung darüber herbeizuführen, wie diese Sorge um den Fremden politisch verantwortlich gestaltet werden kann. Christinnen und Christen können ihrerseits zeigen, dass sie sich nicht bestimmen lassen von einem Geist der Furcht, sondern der Kraft der Liebe und der Besonnenheit (2Tim 1,7). Ich bin sehr dankbar, dass viele Christinnen und Christen und auch viele andere in unserem Land durch das, was sie sagen, und durch das, was sie tun, zeigen, wofür sie stehen und wofür dieses Land stehen kann: für Hilfsbereitschaft, für Offenheit, für Menschlichkeit.

Islam.
Ja, es macht Menschen Angst, was zurzeit in Irak und Syrien geschieht. Ich glaube, wir tun gut daran, zu sehen, dass dies nicht nur Christinnen und Christen Angst macht, sondern auch und vor allem Muslimen in den betroffenen Ländern und hier bei uns. Ich werbe sehr dafür, dass Menschen sich einen differenzierten und differenzierenden Blick bewahren. Genauso wenig, wie ich mit irgendwelchen seltsamen christlichen Fundamentalisten in einen Topf geworfen werden möchte, so wenig wollen die allermeisten Muslime hier in unserem Land etwas mit dem zu tun haben, was der sogenannte Islamische Staat als islamische Lehre vertritt.

 Als Kirchenmann frage ich mich: Was haben wir als Christinnen und Christen zu tun? Immer wieder bekomme ich zu hören – auch und gerade in jenen Reaktionen, von denen ich erzählt habe: „Lasst euch nicht täuschen. Kein Schmusekurs mit den Muslimen. Härte gegenüber dem Islam.“ Gewiss Religionsromantik ist fehl am Platz. Trotzdem trete ich denen entgegen, die sich in Talkshows und Interviews ein bisschen mehr „Kreuzzugsrhetorik“ wünschen. Ich werbe für das Gespräch. Ich werbe für die Begegnungen – von Mensch zu Mensch. Auch hier argumentiere ich „innerchristlich“ so: Das ist der Weg, den Jesus gewiesen hat – der hat von der Liebe, ja sogar der Feindesliebe geredet. Gesellschaftlich und politisch kann ich auch hier nicht erwarten, dass alle diesen Weg mitgehen. Aber ich kann empfehlen, dass der Islam auf der Basis unseres Religionsverfassungsrechtes behandelt wird wie jede andere Religion in unserem Land auch. Dabei sind alle Religionen verpflichtet, das Grundgesetz zu achten. Es geht auch hier um Toleranz, Akzeptanz und Aufklärung.

Homosexualität.
Vielleicht sind Sie überrascht, hoffentlich nicht verärgert, dass ich diese Abfolge gewählt habe. Ich sehe eine unselige Verbindungslinie zwischen diesen Themen, die sich in den heftigen Reaktionen ausdrückt, die ich eingangs beschrieben habe. Immer wieder meinen Menschen, gerade aufgrund der biblischen Tradition und zur Wahrung christlicher Werte sei eine andere Positionierung geboten als die, die ich vorgetragen habe. Ich halte dagegen, indem ich sage: Gerade aufgrund der biblischen Botschaft meine ich, so argumentieren zu müssen, wie ich es tue – nämlich für die Offenheit gegenüber Flüchtlingen und für eine Begegnungskultur mit dem Islam. Und so argumentiere ich auch im Blick auf die Homosexualität. Mir und anderen wurde und wird immer wieder vorgeworfen: „Sie stellen sich gegen die Bibel! Die Bibel sagt eindeutig: Homosexualität ist ein Greuel (3. Mose 18,22).“ In der Tat. Es gibt in der Bibel keine Stelle, die Homosexualität positiv bewertet, auch wenn vielleicht – so bei der Freundschaft zwischen David und Jonathan – Homoerotisches anklingt. Aber das ist nicht sicher und taugt auch nicht für eine ethische Argumentation. Allerdings und das ist nun hier zu sagen: Auch eine einfache Berufung auf Bibelstellen taugt nicht für ethische Argumentation.

Die Bibel ist kein ethisch-moralisches Rezeptbuch. Was könnte man nicht alles mit der Zitation von einzelnen Bibelstellen begründen! Es geht um mehr. Es geht darum, den Geist des Verhältnisses zwischen Gott und Mensch zu erfassen, in den uns die Bibel hineinnimmt. Und es geht darum, diesen Geist unter dem Gebrauch des Verstandes und dann eben auch der Kenntnisse, die wir zum Beispiel naturwissenschaftlich gewonnen haben, ethisch verantwortlich anzuwenden.

 Das heißt im Blick auf die Homosexualität zu erkennen: Es wird nirgendwo in der Bibel von der Homosexualität als einer möglichen Prägung von Menschen geredet, die verantwortlich zwischen gleichberechtigten Partnern gelebt werden kann. So aber können und müssen wir heute mit einem vertieften Verständnis menschlicher Sexualität Homosexualität verstehen. Und dann ist ganz im biblischen Sinn zu fragen, was getan werden kann, damit wir homosexuellen Menschen im Zusammenleben unserer Gesellschaft gerecht werden. Was muss getan werden, dass sie als eine Minderheit nicht diskriminiert werden. Es muss gefragt werden: Was verhindert Leid? Was hilft zum Leben? Und dazu gehört auch die Frage nach der Gestaltung der Institution, die helfen soll, eine Partnerschaft verlässlich, verbindlich, dauerhaft, in gegenseitiger Verantwortung zu leben.
  
Diese Gedanken stehen auch hinter der Position der Orientierungshilfe der EKD „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familien als verlässliche Gemeinschaft stärken.“ Sie votieren dafür, gleichgeschlechtliche Paare den heterosexuellen Paaren gleichzustellen. Und sie gehen davon aus, dass einem gleichgeschlechtlichen Paar, das sich Liebe und Treue verspricht, genauso wie dem verschiedengeschlechtlichen Paar Gottes Segen zugesprochen werden kann. Auch wenn manche eine tiefergehende biblische Argumentation in der Orientierungshilfe vermisst haben, sind diese Gedanken nicht unbiblisch. Davon bin ich überzeugt.

 In der säkularen Debatte im pluralen Staat muss man auch diese Argumente übersetzen. Hier geht es darum, dafür einzutreten, Homosexualität als eine gute Prägung von Menschen zu akzeptieren, die wie Heterosexualität verantwortlich gelebt werden kann. Und dabei geht es um nichts weniger als um die Menschenwürde.

 Es würde mich freuen, wenn ich Ihnen mit diesen Gedanken auch die eine oder andere Anregung gegeben habe für Ihr Engagement in christlichen Parteien.
Für Ihre Arbeit wünsche ich Ihnen von Herzen Gottes Segen und danke Ihnen sehr für den Ehrenpreis und Ihre Aufmerksamkeit.

Unser Glaube kann davon ausgehen,
dass Gott mit seiner ganzen Kraft
bei den Schwachen auf uns wartet.

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