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Wiedervereinigung

„Mami gib‘ nicht auf!“ – das Mutmacher-Herz gibt Kraft

Charlotte MattesJutta Fleck mit Tochter Beate Gallus.Jutta Fleck mit Tochter Beate Gallus.

Jutta Fleck, bekannt als „Die Frau vom Checkpoint Charlie“, war sechs Jahre von ihren Töchtern getrennt. Der Grund damals: Sie will aus der DDR flüchten, wird erwischt und inhaftiert. Mit vielen Protest-Aktionen kämpft sie dafür, ihre zwei Kinder wiedersehen zu können.

Charlotte MattesBeate Gallus und Jutta Fleck bei der Vorstellung von „Herzface" an der Konrad-Duden-Schule Bad Hersfeld.Beate Gallus und Jutta Fleck bei der Vorstellung von „Herzface" an der Konrad-Duden-Schule Bad Hersfeld.

Jutta Fleck hat blondes Haar, eine sanfte Stimme und ein offenes Wesen. All das lässt nicht auf eine Frau schließen, die sechs Jahre von ihren Kindern getrennt und 21 Monate im Frauengefängnis Burg Hoheneck inhaftiert war. Auch ihre Tochter Beate Gallus spricht offen über die Vergangenheit. Um Augen und Mund hat sie freundliche Lachfältchen. Trotzdem wirkt sie bei dem Thema Trennung nachdenklich und bedacht. Bei einem Treffen berichten Mutter und Tochter über die schmerzhafte Zeit der Trennung und ihr heutiges Verhältnis.

Vorerst letzte Erinnerung: Die Töchter fahren in einem Auto weg

Es ist der 25. August 1982, Jutta Fleck will mit ihren Töchtern Beate (9 Jahre) und Claudia (11 Jahre) in die Bundesrepublik flüchten. Doch sie wird erwischt, verhaftet und verurteilt. Plötzlich ist die Familie getrennt. An dem besagten Tag sieht die Mutter ihre Töchter in einem Auto wegfahren. Diese Erinnerung wird die letzte für nächsten Jahre sein. Ihre Töchter leben erst in einem Heim, dann bei ihrem leiblichen Vater, von dem sich Jutta Fleck getrennt hatte. Die Mutter ist erst in der Untersuchungshaft in Dresden, kommt dann in das Frauengefängnis Burg Hoheneck. Nach 21 Monaten in Haft kauft sie der Westen frei – doch ihre Kinder dürfen nicht nachkommen. Sie protestiert mit einem Hungerstreik am Checkpoint Charlie und versucht mit vielen anderen Aktionen ihre Kinder zu sich holen. Doch es dauert genau sechs Jahre bis sie ihre Kinder am 25. August 1988 wiedersehen kann.

„Wir haben jeden Tag geschrieben, um im Herzen zu bleiben“

„Wir haben der Mami jeden Tag gemalt, geschrieben und gebastelt, um im Herzen zu bleiben. Wir haben immer gedacht: ‚Oh Gott, hoffentlich vergisst die Mami uns nicht‘. So denken Kinder“, sagt Beate Gallus über die Zeit ohne ihre Mutter. Über den Alltag zu berichten und „Herzen, Sonnen und die Familie zu malen“ habe den Mädchen jeden Tag Motivation gegeben, erzählt Beate Gallus. Doch Jutta Fleck bekommt nur einen Bruchteil der Briefe. Sie schätzt, dass sie pro Woche einen Brief erhalten hat. „Wie können Menschen das Menschen antun? Einfach diese Briefe wegnehmen und so tun als würden die Mädchen überhaupt nicht mehr an einen denken – das tut dann schon weh im Gefängnis“, erzählt Jutta Fleck.

„Wir haben uns immer mit Margarine eingecremt“

Wenn Jutta Fleck über die Zeit in dem Frauengefängnis spricht, ist sie ruhig und es liegt kein Hass in ihrer Stimme. Sie berichtet, dass die Gemeinschaft groß war: „Es gab nicht mal Creme, wir haben uns immer mit Margarine eingecremt. Manche haben ein Westpaket bekommen. Wenn Nivea drin war, wurde geteilt. 30 Frauen, einmal tippen und dann war die Dose leer“, erzählt Jutta Fleck. Aber die Inhaftierten mussten sich auch „zusammenraufen“, ergänzt Jutta Fleck. Sie schildert, dass sie nur kaltes Wasser hatten, außerdem alle persönlichen Dinge „wie Schmuck oder Uhren“ abgeben mussten. Und die Frauen haben sich auf Burg Hoheneck stark verändert: „Dort haben alle abgenommen, graue Haare bekommen und Bartwuchs. Sodass man gedacht hat in den Tees, die wir bekommen haben, muss etwas drin gewesen sein – und die Regel hat man sowieso verloren“, schildert Jutta Fleck. Aber Jutta Fleck habe auch viele Dinge dazu gelernt, berichtet sie. Zum Beispiel: Sich eine Kerze aus Margarine und einem Schnürsenkel basteln. Dazu hätten die Frauen das Fett in einer Cremedose gesammelt und anschließend einen Schnürsenkel als Docht durchgezogen.

Tag des Wiedersehens: 25. August 1988

Nachdem die BRD Jutta Fleck freigekauft hat, dauert es weitere vier Jahre bis sie ihre Töchter in die Arme schließen kann. Diese Zeit macht sie zu einer bekannten Kämpferin. Sie gibt nicht auf und rückt ihre Forderung, ihre Kinder zu sich zu holen, immer wieder in den Fokus. Am 25. August 1988 ist es soweit, die Töchter werden zu ihrer Mutter gefahren. Beate Gallus erinnert sich noch gut an die Fahrt zur Mutter: „Auf einmal ging das so ratzfatz, das war so unwirklich. Wir sind von Dresden nach Berlin-Ost, dann von Berlin-Ost nach Berlin-West  ─ einfach mit dem Auto gefahren. Ohne Kontrollen. Wir sind in eine komplett neue Welt gekommen. Nur die Sprache war gleich“. Mutter und Töchter können sich endlich in die Arme schließen. „Da viel von mir alles ab. Wie ein Vorhang viel runter und dann konnte ich auch mal richtig weinen. Ich musste ja vorher immer stark sein, wenn ich in die Welt rausging und sich hinstellte, um für die Freiheit der Töchter zu kämpfen. Als die Mädchen dann da waren, haben wir uns in die Arme genommen, das haben wir ja sechs Jahre total vermisst, jedenfalls ich“, beschreibt Jutta Fleck die Situation vor 27 Jahren. Auch für Beate Gallus war die Situation aufreibend: „Auf einmal hat das funktioniert, wogegen vorher angekämpft wurde. Und auf einmal stand die Mama vor einem und dann kamen die Emotionen hoch und sie wollten raus, aber auch nicht, weil alles viel zu viel war.“

Heute: Aufklärung an Schulen

Jutta Fleck lebt und arbeitet heute in Wiesbaden. Sie ist die Leiterin für das Schwerpunktprojekt „Politisch-Historische Aufarbeitung der SED-Diktatur“ in der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Sie klärt vor allem an Schulen und Hochschulen über die SED-Diktatur auf. „Die Schüler sind sehr neugierig“, sagt Jutta Fleck mit einem entzückten Lächeln. Ihre Tochter hat durch die Trennung das Projekt „Herzface“ gestartet und war damit bislang an einer Schule. Der Auslöser für das Projekt war das „Mutmacher- Herz“, das Beate Gallus am 3. Februar 1983 für ihre Mutter gemalt hat. Ihre Botschaft damals war: „Mami gib‘ nicht auf!“ und „Wir schaffen das egal wie lange das dauert“.

Jutta Fleck besucht am 3. Oktober den Festakt der Alten Oper

Am Samstag jährt sich die deutsche Wiedervereinigung zum 25. Mal. Jutta Fleck beschreibt ihre Gefühle: „ Es ist schön gewesen, dass wir erst mal wieder zusammen sind. Ich habe die Wiedervereinigung am Fernseher verfolgen dürfen und da frierts einen heute noch, wenn man diese Bilder sieht. Und wir sollten alle daran arbeiten, dass es so schön bleibt.“ Am 3. Oktober gibt es anlässlich des 25. Jubiläums einen Festakt in der Alten Oper in Frankfurt. Auch Jutta Fleck ist eine der geladenen Gäste: „Das ist eine große Ehre und da freue ich mich auch drauf. Ich war noch nie in der Alten Oper“, sagt Jutta Fleck mit freudestrahlenden Augen.
Geladene Gäste sind unter anderem Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck. Neben weiteren Politikern ist auch Kirchenpräsident Volker Jung eingeladen. Außerdem sind Bürgerrechtlerinnen und 30 Flüchtlinge eingeladen.

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Lukas 19, 10

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von iStockphoto/Indars Grasbergs

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