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Stuttgarter Schuldbekenntnis

Meilenstein in der Aufarbeitung: 75 Jahre Stuttgarter Schulderklärung

EKHN/ArchivPortraitMartin Niemöller: Erster Kirchenpräsident der EKHN und führendes Mitglied der Bekennenden Kirche

Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung hat die Veröffentlichung der sogenannten Stuttgarter Schulderklärung der evangelischen Kirche vor 75 Jahren als „Meilenstein in der Aufarbeitung der Verstrickung mit dem Nationalsozialismus“ bezeichnet.

Am 19. Oktober 1945 gab die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) unter Mitwirkung von Martin Niemöller, der 1947 erster Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) wurde, einen Text heraus, der den fehlenden Widerstand der Kirche im NS-Staat offen benannte. „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben", lautet dabei einer der Kernsätze.

Schuldbekenntnis weiter aktuell

Nach Worten Jungs liegt die historische Wirkung des Stuttgarter Schulbekenntnisses vor allem darin, „dass sie dem deutschen Protestantismus nach dem Zweiten Weltkrieg wieder das Tor zur weltweiten ökumenischen Zusammenarbeit öffnete.“ Der Blick über die eigenen Grenzen hinaus sei wichtiger denn je, so der Kirchenpräsident. Jung: „Auch aktuelle Herausforderungen wie Krieg, Hunger, Armut, Rassismus oder die aktuelle Corona-Pandemie lassen sich nicht in nationalen Alleingängen lösen. Sie brauchen in Politik und Zivilgesellschaft die Zusammenarbeit vieler. Das ist bis heute eine Lehre, die wir aus der Stuttgarter Schulderklärung ziehen können.“ Auch für die deutschen Kirchen sieht Jung weiter die Herausforderung, die Themen  Kolonialismus und Mission, Frieden und Gerechtigkeit für Israel-Palästina, Klimagerechtigkeit und faires Wirtschaften aufzuarbeiten.

Hintergrund Stuttgarter Schuldbekenntnis

Das Stuttgarter Schuldbekenntnis, offiziell „Schulderklärung der evangelischen Christenheit Deutschlands“ benannt, wurde von den EKD-Ratsmitgliedern Hans Christian Asmussen, Otto Dibelius und Martin Niemöller auf einer Ratstagung in Stuttgart gemeinsam verfasst und dort am 19. Oktober 1945 verlesen. Die Autoren hatten schon in der Bekennenden Kirche während der nationalsozialistischen Herrschaft Leitungsämter bekleidet. Die Erklärung ging aus ihren Einsichten über das Versagen der evangelischen Kirchenleitungen in der Zeit des Nationalsozialismus hervor, die sie im Kirchenkampf und nach Kriegsende gewonnen hatten. Anlass war der Besuch hochrangiger Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), die bereit waren, sich mit den Deutschen zu versöhnen und die EKD aufzunehmen. Dazu erwarteten sie von deren Vertretern ein glaubwürdiges Schuldbekenntnis. Mit der Erklärung kamen die Autoren dieser Erwartung nach und öffneten der EKD den Weg zu ökumenischer Gemeinschaft und verstärkter Hilfe für die notleidenden Deutschen. Eine Auseinandersetzung mit dem Versagen der Kirchen in der Frage des millionenfachen Mordes an Juden fehlt allerdings in dem Stuttgarter Bekenntnis. Es dauerte in den meisten evangelischen Landeskirchen noch bis in die 1980er Jahre, eigene Schuldbekenntnisse und Erklärungen – vor allem im Blick auf die Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden – zu verabschieden.

Alles, was dir vor die Hände kommt,
es zu tun mit deiner Kraft, das tu.

(Prediger 9,10)

Prediger 9,10

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages/tolga tezcan

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