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Dürfen Menschen Ausstellungsobjekte sein?

Mit Video: Ausstellung Körperwelten in der Kritik

Karsten FinkGanzkörperplastinat „Der Hürdenläufer“In der Mainzer Ausstellung „Körperwelten - eine Herzensache“ sind 20 Ganzkörperplastinate zu sehen, darunter auch „Der Hürdenläufer“.

Tote im Rampenlicht – Aufklärung oder Verletzung der Menschenwürde? Die Ausstellung Körperwelten ist in Mainz zu Gast. Das Dekanat Mainz hatte zur Diskussion geladen.

Michael SeidelDiskussion um Körperwelten - Kuratorin Angelina Whalley und Propst Klaus-Volker SchützDiskussion um Körperwelten - Das Dekanat Mainz brachte Körperwelten-Kuratorin Angelina Whalley und Klaus-Volker Schütz, Propst für Rheinhessen, an einen Tisch.

Seit Ende Juni ist in Mainz die Ausstellung „Körperwelten. Eine Herzenssache“ zu sehen. Darunter über 200 menschliche Präparate wie Organe, aber auch 20 Ganzkörperplastinate. Während die einen darin eine zeitgemäße Form medizinischer Aufklärung sehen, empfinden andere eine Grenzüberschreitung, durch die tote Menschen als Sensation verkauft und zur Ware gemacht werden.

Unter dem Titel „Tote im Rampenlicht – Aufklärung oder Verletzung der Menschenwürde“ lud die Evangelische Erwachsenenbildung im Dekanat Mainz zu einer Diskussionsrunde. Zu den Gästen zählten Klaus-Volker Schütz, Propst für Rheinhessen und die Kuratorin der Ausstellung, Angelina Whalley.

„Die Diskussion existiert in Deutschland schon seit Ende der 1990er Jahre, als wir in Mannheim das erste Mal aufgetreten sind“, sagt Whalley. Die Kuratorin und Ärztin ist mit dem Erfinder der Plastination, Gunther von Hagens, verheiratet. „Mein Mann ist immer für seine Sache eingestanden und hat dafür gekämpft und sich daher auch den kritischen Fragen gestellt“, ergänzt sie.

„Wissenschaft gehört auf den Markplatz“

Die Ausstellung von Ganzkörperplastinaten sei unwürdig, findet Klaus-Volker Schütz: „Die wissenschaftlichen Stücke, auch die Filme zur Herzgesundheit sind interessant und das ist Volksaufklärung“, sagt er. Wissenschaft gehöre seiner Meinung nach auf den Marktplatz, doch die ausgestellten Föten seien „mit Menschenwürde und mit Gottes Ebenbildlichkeit und einem christlichen Menschenbild nicht zu verbinden.“

Er ergänzt, dass gerade in Zeiten von 3D-Druckern keine „Verstorbenen missbraucht werden müssen“. Whalley hält dagegen: „So wie ich über mein Leben eigenständig jeden Tag entscheiden muss, so halte ich es auch für mein Recht über die Art meiner Bestattung zu entscheiden. Ich denke, dass sollte jedem selbst überlassen sein.“

Zwischen Neugier und Voyeurismus

Die erste Körperwelten-Ausstellung wurde vor 20 Jahren in Japan eröffnet. Inzwischen haben weltweit mehr als 40 Millionen Menschen die verschiedenen Ausstellungen besucht. Whalley betont, dass das oberste Ziel gesundheitliche Aufklärung sei. Aber „natürlich ist der Mensch auch ein bisschen Voyeur und von Natur aus neugierig. Auch die Wissenschaft wird von Neugier angetrieben, das ist nicht verwerflich.“ Als Kuratorin sei ihr besonders wichtig, wie die Besucher die Ausstellung wieder verlassen. „Viele Menschen, die die Ausstellung mit einer kritischen Ausgangshaltung besuchen, sagen hinterher: ‚Es ist ganz anders als ich es mir vorgestellt habe. Ich habe vieles gelernt‘“, sagt Whalley.

Sie ist evangelisch getauft, aber aus der Kirche ausgetreten. Als die Diskussion um Körperwelten Anfang der 2000er Jahre ihren Höhepunkt hatte, kam von kirchlicher Seite scharfe Kritik. „Ich denke die heftigste Kritik ist immer dann spürbar, wenn sie persönlich wird. Als uns Kirchen persönlich angefeindet haben, bin ich aus der Kirche ausgetreten.“ Dennoch „sind mir die christlichen Werte wichtig“, sagt Whalley. Aber für sie sei der Körper nach dem Tod seelenlos.

Daher will auch Whalley nach ihrem Tod plastiniert werden. Hierbei wird die Zellflüssigkeit eines Körpers, Körperteils oder Organs durch Kunststoff ersetzt. Viele Jahre hat sie zusammen mit Gunther von Hagens im Labor gearbeitet und will ihren Körper spenden, „weil ich unsere Arbeit schätze und weiß, dass es lebenden Menschen eine wichtige Erfahrung erlaubt“.

Ort, wo sich Menschen ihrer Sterblichkeit bewusst werden

Für Whalley ist der „Körper der kleinere Bestandteil, der den Menschen ausmacht. Wenn ich mich frage ‚Was macht mich aus?‘, dann das was ich denke, was ich fühle, was ich bewirke – meine Seele.“ Körperwelten helfe dabei nicht die Angst vor dem Tod zu überwinden oder auf diesen besser vorzubereiten, diese Erfahrung musste Whalley beim Tod ihrer Eltern machen. Aber „die Ausstellung ist ein Ort, wo sich die Menschen ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst werden. Der Tod ist eine Beleidigung der Seele. Man hat so viel erlebt, soviel gesehen, so viele Fähigkeiten erworben und dann muss man von der Welt gehen, ich glaube das macht kaum jemand gern.“

„Das Ziel der Ausstellung ist: Sie zeigt uns das Leben. Die Körper sind wie in einem medizinischen Institut da, um den Lebenden zur Hilfe zu eilen“, ergänzt die Ärztin.

Totenruhe wichtig für Christen

Dem stimmt auch Propst Schütz zu. Gesundheitliche Aufklärung sei nötig und „der größte Marktplatz hierfür ist das Internet. Da kann man sich umfassend über die Dinge informieren.“ Aber auf den öffentlichen Markt gehören seiner Meinung nach keine echten Verstorbenen. Das betreffe alte ägyptische Mumien ebenso wie die Plastinate in der Ausstellung.

Menschen dürfen seiner Meinung nach nicht zum Ausstellungsobjekt gemacht werden. „Ihr ganzer persönlicher Lebenshintergrund verschwindet. Menschen sind nicht dazu da, als Plastinat zu enden und als reines Anschauungsobjekt zu dienen. Christen glauben an das ewige Leben und möchten, dass ihre Toten ruhen und nicht ausgestellt werden“, erklärt der Pfarrer.

Bestattungskultur im Wandel

Die Bestattungskultur sei seit Jahren im Wandel. Der Prost sieht die Kirche dazu aufgerufen, die Menschen in den Veränderungen zu begleiten. Er nennt ein Beispiel: „Früher haben die Menschen das Grab täglich besuchen können, weil sie im selben Ort gewohnt haben. Heute leben die Kinder vielleicht in Deutschland und auf der Welt verteilt. Die Globalisierung prägt auch unseren Umgang mit dem Tod.“

Aber in Deutschland gebe es eine Bestattungspflicht und den Schutz der Totenruhe. „Das sind wichtige Kulturgüter, die sich über Jahrhunderte erhalten haben und für die wir immer wieder kämpfen müssen“, sagt Schütz. Daher sieht er in der Körperwelten-Ausstellung einen „Grenzfall der Achtung der Totenruhe“.

Leben von Gott geschenkt

Der Pfarrer erklärt: „Christen glauben, dass das Leben von Gott geschenkt ist und das wir als Ebenbild Gottes leben.“ Das sei kein theoretischer Glaubensgrundsatz, sondern für Christen greifbar: „Als Christ spüre ich, ich lebe mit Gott. Durch das Leben mit Gott habe ich auch die Sicherheit, dass Gott mich über die Schwelle des Todes begleitet.“

Die Menschenwürde beginne also mit der Geburt und ende nicht automatisch mit dem Tod. „Unseren Toten sollte ewige Ruhe gegönnt sein“, sagt Schütz. Daher haben seiner Meinung nach auch nach 20 Jahren Körperwelten die Macher der Ausstellung die Menschenwürde immer noch nicht im Blick.

Seiner Meinung nach gehe es in Körperwelten um Nervenkitzel, Sensation und den Gruseleffekt. „Ich finde das nicht würdig. Ich rede nicht von Leichen und verstorbenen Körpern, sondern das sind verstorbene Menschen, die unser Mitgefühl haben“, sagt Schütz.

Du wirst Gottes Kraft in der Schwachheit erfahren,
nicht vorher, nicht daran vorbei.
In der eigenen Schwachheit, in den Dingen,
um die ich einen großen Bogen mache,
meine Tabus, meine wunden Punkte.
Aber es tut nicht nur weh, es tut auch gut,
am wunden Punkt berührt und geheilt zu werden.
Und es führt kein Weg daran vorbei,
wenn es richtig gut werden soll.

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