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Fußball-WM in Russland

Schlechte Torschützen, gute Gastgeber

scaliger/istockphotos.comDie Skyline von Moskau mit dem Spartak-Stadion im VordergrundDie Skyline von Moskau mit dem Spartak-Stadion im Vordergrund

Vom 14. Juni bis zum Endspiel am 15. Juli kämpfen Fußballer aus 32 Ländern um den Titel des Weltmeisters. Zu Gast sind sie in Russland, dem größten Land der Erde. Bekannt für guten Fußball ist es bisher noch nicht, der größte Teil der Russen freut sich dennoch auf die Spiele. Zum Gelingen des großen Festes wollen auch die Lutheraner ihren Teil beitragen.

Wenn die Sbornaja, Russlands Nationalmannschaft, am 14. Juni im ausverkauften Moskauer Olympia-Stadion einläuft und auf das Team aus Saudi-Arabien trifft, beginnt eine in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Fußball-Weltmeisterschaft: Noch nie fand der Wettkampf der weltbesten Fußballnationen gleichzeitig auf zwei Kontinenten statt. Die Austragungsorte zwischen Kaliningrad an der Ostsee und Jekaterinburg im Ural liegen in vier verschiedenen Zeitzonen. Noch nie war eine WM so teuer. Und zumindest in Westeuropa sorgte vermutlich noch nie eine Fußball-WM vorab für so viele Kontroversen.

„Dank des neuen Nationaltrainers Wladimir Putin und seiner beiden Assistenten Erdöl und Erdgas kann die russische Nationalmannschaft endlich mal wieder an der Endrunde einer Weltmeisterschaft teilnehmen“, lautet ein im Netz verbreiteter Witz. Das größte Land der Welt glänzte tatsächlich noch nie als Fußball-Großmacht – obwohl auch hier die ersten Vereine schon zur Zarenzeit dem runden Leder hinterherjagten.

„Russisches Team hat nur Außenseiterchancen“

„Im Unterschied zum Eishockey ist die Fußball-Sbornaja schlecht und hat nur Außenseiterchancen, überhaupt die Gruppenphase zu überstehen“, sagt der Schweizer Unternehmer Walter Denz, der seit vielen Jahren in Sankt Petersburg lebt und dort eine Sprachschule betreibt. „Das wissen eigentlich alle. Die Erwartungshaltung ist realistisch.“ Der guten Stimmung vor Ort werde das aber nicht schaden: Eine riesige Zahl englischsprechender „volunteers“ und die traditionelle russische Gastfreundschaft würden schon dafür sorgen, dass der World Cup zu einem unvergesslichen Erlebnis für alle werde.

Auch russische Protestanten sind im WM-Fieber

Einer aktuellen Umfrage zufolge begrüßen knapp 74 Prozent der Russen, dass ihr Land die WM ausrichtet. Lediglich zehn Prozent sind erklärte WM-Gegner. Auch die Kirchen in Russland machen den Fußball-Rummel zu ihrem Anliegen: Das Moskauer Patriarchat hatte im Vorfeld der WM angekündigt, kirchliche Gruppen würden Freiwillige entsenden, um ausländischen Gästen in den WM-Städten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Und selbst die kleine evangelisch-lutherische Kirche scheint ein wenig im WM-Fieber zu sein. „Wir werden kirchliche Angebote für Gäste und die Fußballspieler machen: Orgelkonzerte, Andachten und Seelsorgegespräche“, kündigt die Moskauer Pröpstin Jelena Bondarenko an. Ganz Russland freue sich auf die Spiele. Während die WM in der deutschen Öffentlichkeit oft als Spektakel einer autokratischen Staatsführung und eines selbstherrlichen Fußball-Weltverbandes abgetan wird, sehen viele Russen sie als ihr eigenes Fest. „Man nimmt Politik und Sport, Politik und Fußball zurzeit als verschiedene Sphären wahr“, sagt die Pröpstin. Der Stolz, die Welt zu Gast zu haben, überwiegt selbst bei denen, die keine eingefleischten Fußball-Liebhaber sind oder die ihrer Regierung gewöhnlich distanziert gegenüberstehen.

Russland: WM-Gastgeber mit Geldproblemen

Diese Grundstimmung wird auch dadurch nicht geschmälert, dass der Lebensstandard der gewöhnlichen Menschen im Land in den zurückliegenden Jahren wegen des Ölpreisverfalls und der Sanktionen spürbar gesunken ist. Für viele andere Projekte fehlten plötzlich die Mittel – was unfreiwillig niemand besser auf den Punkt brachte als Putins Premierminister Dmitri Medwedew. Der hatte wütenden Senioren auf der Krim die geforderte Rentenerhöhung mit dem lakonischen Spruch ausgeschlagen: „Wir haben kein Geld, aber halten Sie durch.“ 

Austragungsorte profitieren massiv von der Fußball-WM 

Wie schon bei den Olympischen Spielen in Sotschi hängt die hohe Akzeptanz der WM zum Teil auch damit zusammen, dass die Austragungsorte von einem riesigen Investitionsprogramm profitierten. Staatsaufträge, die die oftmals noch marode Infrastruktur auf Vordermann bringen sollten, spülten trotz mancher Ungereimtheiten bei der Auftragsvergabe Milliarden in die Regionen. Rostow am Don etwa bekam einen modernen neuen Flughafen und Umgehungsstraßen, in der Innenstadt wurden ganze Straßenzüge saniert, die alte Brücke über den Don durch eine neue ersetzt. „Die Sportinvestitionen haben die Stadt vielleicht nicht vollkommen verwandelt, sie aber wesentlich angenehmer und komfortabler für die Bewohner gemacht“, berichtet der Rostower Wirtschafts-Professor Wjatscheslaw Woltschik.

Russische Studenten leiden unter dem Turnier und dessen Folgen

Unmut gegen die WM-Planungen gab es lediglich punktuell. Am lautesten protestierten noch die Studenten. Sie begehrten vielerorts dagegen auf, dass Uni-Leitungen für die Dauer der Semesterferien kurzerhand die Wohnheime räumen ließen, damit die für die Spiele benötigten Sicherheitskräfte ein Dach über dem Kopf bekommen. Auf dem Campus der Moskauer Lomonossow-Universität sorgte für Ärger, dass in unmittelbarer Nähe zur wichtigsten Hochschule des Landes die zentrale und mutmaßlich ziemlich laute Moskauer Partymeile für Fußballfans entstehen wird – und das mitten in der Prüfungszeit. Doch das sind eher Randerscheinungen.

Obwohl nicht nur die Staatsführung, sondern auch gewöhnliche Russen in den zurückliegenden Jahren spürbar auf Distanz zum Westen, seinen vermeintlich verlotterten Sitten und entscheidungsschwachen Politikern gegangen sind, ist es auch der Bevölkerung eben immer noch wichtig, wie im Ausland über ihr Land gedacht wird. Ob es den Gastgebern aber wie gewünscht gelingt, Russland als modernen Staat darzustellen, der die graue Tristesse der Sowjetzeit und das Elend der Umbruchjahre abgeworfen hat, bleibt abzuwarten.

Gegenseitige Vorwürfe lassen alte Konflikte aufbrechen

Denn die Welt ist mittlerweile eine ganz andere als die, in der die Russen Ende 2010 überraschend den Zuschlag für die WM erhalten hatten: seit der Ukraine-Krise sind die russischen Beziehungen zum Westen auf einen Tiefpunkt gesunken. Gegenseitige Vorwürfe, Sanktionen und Gegensanktionen haben in Europa alte Konflikte wieder aufbrechen lassen, in deren Strudel auch die WM geriet. In den sozialen Netzwerken rechnen noch immer viele Russen damit, dass es zu irgendeiner Form von Boykott der WM kommen wird. Staatsnahe Medien befeuern diese Ängste. Allein bei der CIA arbeiteten 700 Mitarbeiter einzig daran, die Russland-WM zu diskreditieren, lautete einer der Vorwürfe, für den es aber keine Belege gab. Ganz offen versucht das amerikanische State Department, den eigenen Bürgern einen Besuch im WM-Gastgeberland abspenstig zu machen: So wurde Russland auf einer Liste riskanter Reiseziele jüngst allen Ernstes in dieselbe Kategorie („Überdenken Sie ihre Reise“) eingeordnet wie die Demokratische Republik Kongo oder Pakistan. 

Russische Zivilgesellschaft ist im Umbruch

In der schrillen Debatte geht weitgehend unter, dass sich die russische Gesellschaft noch immer und gerade auch in den zurückliegenden Jahren mit atemberaubender Geschwindigkeit weiterentwickelt hat. In welche Richtung, ist nicht einfach zu verstehen, denn oft sieht es so aus, als würde sich alles gleichzeitig verbessern und verschlechtern: Während die Quasi-Staatspartei „Einiges Russland“ einerseits rigoros gegen politische Konkurrenten vorgeht und manche wirtschaftliche Krisen-Regionen vollends von der Moderne abgehängt werden, setzen Behörden und Unternehmen gleichzeitig an vielen Orten innovative Ideen um, die sich direkt auf das Leben der Menschen auswirken. Die Agenda ähnelt überraschend oft der in Westeuropa. Da werden aufwendige Behördengänge durch ein paar Klicks im Internet ersetztet, Patienten auch in Provinzkrankenhäusern mit kostenlosem WLAN versorgt. Es geht um den Start von Selbsthilfegruppen für Eltern behinderter Kinder oder um Städte, die nach exzessivem Straßenbau nun lieber gemütliche Fußgängerzonen ausweisen. 

„Sport könnte Anlass für Dialog zwischen Russland und dem Westen sein“

Immerhin hat die politische Eiszeit nicht zu einer Feindseligkeit gegenüber westlichen Besuchern geführt. „Der Sport könnte ein guter Anlass vor allem für Dialog sein, denn Konfrontation ist eine Sackgasse, hinter der die Abgründe des Kalten Krieges liegen“, findet der liberale Ökonom Woltschik aus Rostow. „Für Russland ist es sehr wichtig, ein Teil von Europa zu bleiben, und ich hoffe, dass man das in Europa auch so sieht.“ Auch wenn auf dem Roten Platz wahrscheinlich keine Bälle fliegen werden: Fußball prägt ab 14. Juni die Atmosphäre in Moskau. 

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Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Lukas 19, 10

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von iStockphoto/Indars Grasbergs

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