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Schulangst

Schule schwänzen hat zugenommen - was tun?

© Tobias Frick / fundus.ekhn.deMan sieht Jugendliche in einem Klassenzimmer im Religionsunterricht

Kamera aus, Mikro aus. Statt am Unterricht per Homeschooling teilzunehmen, haben einige Schüler:innen die Zeit mit Spielen und Chats auf dem Handy verbracht. So sah für viele Schüler der Lockdown aus. Einige sind bis heute abgetaucht. Dabei ist die Schulseelsorge der EKHN ein wichtiger Anlaufpunkt für Schüler:innen mit Problemen.

(epd/Aarin Kniese) Chiko verschwindet in seinem schwarzen Hoodie. Die Schultern hochgezogen, den Kopf gesenkt, die Kapuze in die Stirn gezogen, fixiert er die Tischplatte. Eigentlich wollte der 15-Jährige von sich erzählen: Wie es ihm geht, warum er nicht mehr zur Schule geht, wie er sich seine Zukunft vorstellt. Jetzt scheint alle Energie aus ihm gewichen. "Ich bin faul und kiffe zu viel", sagt er und fügt leise an: "Schule ist doch eh scheiße." Seine Mutter hat schon etliche Male Bußgeld gezahlt, weil er nicht im Unterricht erschien, er selbst muss Sozialstunden ableisten. "Viele haben wegen Corona angefangen zu schwänzen", sagt er.

Schulvermeidung nimmt zu

Chiko hat recht. Das Problem "Schulvermeidung" hat Experten zufolge durch die Pandemie zugenommen. Die Situation sei alarmierend, sagt Thomas Thor, Leiter der "Fachstelle Schulvermeidung" der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in der Region Hannover: "Corona wirkte wie ein Katalysator, zahlreiche Schüler sind während Lockdown und Homeschooling unter dem Radar geblieben und zum Teil komplett abgetaucht." Sozialpädagoge Thor und seine Kollegen sprechen von Schulvermeidung oder -absentismus, weil "Schwänzen" ihrer Ansicht nach falsche Assoziationen weckt. "Schwänzen" klingt harmlos, spielerisch, selbstbestimmt. Es klingt nach einer Stunde Eisdiele statt einer Stunde Mathe. Wer kennt das nicht? Doch darum geht es bei Chiko und den anderen schon lange nicht mehr.

Chiko war seit Ewigkeiten nicht mehr in der Schule. Wie lange, weiß der Junge, der eigentlich die achte Klasse einer Realschule besuchen müsste, selbst nicht. Auf jeden Fall hat er die von dem hannoverschen Jugendpsychiater Markus Just definierte Marke gerissen: "Ab 40 entschuldigten Fehltagen pro Halbjahr liegt ohne weitere plausible Erklärung ein pathologischer Schulabsentismus vor", schrieb Just in einer Stellungnahme für die AWO in Hannover im Jahr 2015. Doch wie zurückfinden in die Schule, wenn die ohnehin fragile Tagesstruktur durch den Lockdown über lange Zeit vollends zusammengebrochen ist? Wenn es um Selbstdisziplin, Verlässlichkeit und Motivation noch nie gut bestellt war? Wenn die Eltern keine Stütze sind?

"Glashütte" hilft auf dem Weg zurück in den Schulalltag

Das Homeschooling hat die ohnehin stark ausgeprägte Abhängigkeit des Schulerfolgs von der sozialen Herkunft verstärkt, sagt Förderpädagoge Heinrich Ricking, Professor an der Universität Leipzig. "Erfolgreicher digitaler Unterricht erfordert ein förderliches Umfeld und stabile Unterstützungsstrukturen. Chiko besucht nun seit fünf Wochen das Projekt "Glashütte" der AWO in Hannover. Acht Plätze bietet der außerschulische Lernort, der 13- bis 17-Jährige sozialpädagogisch und ergotherapeutisch unterstützt. Die Jungen und Mädchen kommen täglich für vier Stunden - freiwillig. Von neun bis 13 Uhr haben sie Deutsch, Mathe, Englisch, Sozialkunde, Werken, Kochen. Es gibt viele Pausen, einen Tischkicker, keine Prüfungen, wenig Druck. Schule light - zum Angewöhnen. Chiko gefällt es. "Immerhin stehe ich morgens wieder auf", sagt er. Björn Brödtler unterrichtet seit sieben Jahren in der "Glashütte". Mobbing, exzessiver Medienkonsum und damit einhergehend ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus, soziale Phobien und Isolation - das sind einige der Probleme, die dazu führen, dass Kinder nicht mehr zur Schule gehen. "Schulvermeidung ist ein Symptom, nicht die Ursache", sagt er.

Bei Problemen: Schulseelsorge in Hessen-Nassau als Anlaufstelle

Christine Weg-Engelschalk vom Religionspädagogischen Institut in Gießen sieht daneben auch Stress, die Pandemie und die globale Situation als besondere Belastung für Schüler. Der Druck steigt. Eigentlich sollte das psychische Wohl der Schüler gerade im Vordergrund stehen. "Wenn es den Schülern gut geht, dann können sie auch besser lernen", sagt Weg-Engelschalk. Leider werde aber gerade eher erwartet, dass Schüler:innen all das, was sie während den Lockdowns verpasst haben, möglichst schnell nachholen. Die Leistungsanforderungen haben sich mit Corona nicht verändert. Dabei bräuchte es gerade eher ein fehler- und lernfreundliches Schulklima, damit sich die Schüler wohl fühlen. Wenn Eltern bemerken, dass ihr Kind Probleme hat, dann sollten sie zuhören, so Weg-Engelschalk. "Eltern sollten nicht sofort schimpfen, sondern zuhören und fragen: „Was brauchst du, damit es dir besser geht? Da geht es um die psychische Gesundheit der Kinder." Abwesenheit von der Schule löst die Probleme der Schüler:innen nicht. Je länger sie der Schule fern bleiben, desto größer wird auch die Hemmschwelle, wieder hin zu gehen. "Die Schüler müssen behutsam wieder eingegliedert werden", erklärt Weg-Engelschalk.

Die Schulseelsorge ist ein wichtiger Anlaufpunkt für Schüler mit Problemen. Sie können mit dem, was sie gerade belastet, immer mit einer:m Schulseelsorger:in sprechen. Das geht auch mal schnell in der Pause und ganz ohne Termin. Probleme ansprechen, Sorgen teilen, Hilfe bekommen und dabei ernst genommen werden, all das ist wichtig für die geistige Gesundheit. 

So hilft die AWO bei Schulvermeidung

Die AWO geht Schulvermeidung ganzheitlich an. Außer der "Glashütte" gibt es das Beratungsbüro "Konnex" für Schüler, Lehrer, Eltern sowie ein Präventionsprojekt an neun Partnerschulen. Ziel: Durch Zusammenarbeit mit Lehrern gefährdete Schüler und Schülerinnen frühzeitig identifizieren. "Ich wünsche mir, dass Lehrer sensibel hinschauen und sich alle Akteure, Lehrer, Jugendämter, Sozialarbeiter, besser vernetzen", sagt Brödtler. In der "Glashütte" bleiben die Jugendlichen zwischen sechs und neun Monate. So lang will Chiko nicht bleiben. Er macht bereits Pläne. Die Frage nach seinen Träumen lässt ihn wachsen, er strafft den Rücken und blickt auf. Erzieher wolle er werden und nach Warschau ziehen, in die Heimat seiner Familie. "Dort sind die Leute lustiger und das Essen billiger", sagt er. Und wenn er einen Wunsch frei hätte? Jetzt blitzen Chikos Augen. "Ich schreibe Rap-Songs, wenn die mal in Clubs laufen würden - das wäre krass."

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In der Konzentration auf das, was ist,
kann sich so etwas wie ein Raum öffnen,
ein Gewahrsam schärfen für die Gegenwart Gottes.

(Carsten Tag)

Carsten Tag

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages / rusm

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