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Untreue

Seitensprung. Was nun?

istockphoto, technotrPärchen: Krise als ChanceIm Gespräch bleiben - dann kann eine Krise zur Chance werden, um die Partnerschaft weiterzuentwickeln

Seitensprünge sind im Internet nur einen Klick entfernt - zumindest suggerieren das die vielen Seitensprungportale. Allerdings waren Treue und der Treuebruch bereits zu biblischen Zeiten ein Thema. Was rät heute eine Paartherapeutin aus einem evangelischen Beratungszentrum?

Jakob DettmarVera Dietl-KrügerVera Dietl-Krüger ist Paartherapeutin beim evangelischen Beratungszentrum am Weißen Stein

Vera Dietl-Krüger ist Paartherapeutin beim evangelischen Beratungszentrum am Weißen Stein - zu ihr kommen oft Paare, bei denen er passiert ist: der Seitensprung. Wir haben sie gefragt, warum Menschen untreu werden.

Frau Dietl-Krüger, wenn wir das Wort Treue in den Mund nehmen, was meinen wir damit?

Vera Dietl-Krüger: Das ist ganz schwierig: Meistens ist damit ja sexuelle Treue gemeint. Ich würde es weiter fassen: Für mich ist das eher Loyalität. Und an manchen Stellen ist es wichtiger, sich selbst treu zu bleiben und dafür eine Loyalität zu einem anderen aufzugeben.

Sollte man zu Beginn einer Beziehung definieren, was Treue bedeutet?

Vera Dietl-Krüger: Ich glaube es wäre gut, wenn sich ein Paar das überlegen würde: Wie halten wir es mit der Treue und was meinen wir damit? Was schließt sie ein? Was schließt sie aus? Gehört dazu nur sexuelle Untreue? Auch ganz andere Fälle können Untreue bedeuten. Beispielsweise wenn  eine Frau alles Wesentliche mit ihrer Mutter oder ihrer besten Freundin bespricht, dann ist der Mann  außen vor. Dann teilt sie eine wichtige Intimität mit jemand anderem. Die Frage ist, ob das nicht auch Untreue ist.

Warum haben viele Menschen ein Bedürfnis nach Treue?

Vera Dietl-Krüger: Das ist ein archaischer Wunsch nach Zugehörigkeit und Beständigkeit.  Ich glaube auch, dass er zunimmt, weil es rund herum eher unbeständig ist. Veränderungen entwickeln sich  heute viel schneller und deutlicher als vor 100 Jahren und die Ansprüche an Glück im Leben sind auch wesentlich höher. Heute muss es immer die große Liebe sein, Hochzeiten werden gefeiert wie riesige Feste, geplant über ein Jahr, da wird unheimlich viel Hoffnung reingelegt. Und gleichzeitig weiß man, dass höchstens die Hälfte der Ehen lange hält. Die Diskrepanz zwischen Wunschdenken und dem, was nachher Realität ist, wird immer größer.

Sie sind Paartherapeutin beim Beratungszentrum am Weißen Stein. Zu Ihnen kommen viele Paare, die an diesem Treueanspruch gescheitert sind. Können Sie von einer typischen Geschichte berichten?

Vera Dietl-Krüger: Ein Beispiel: Bei einem Ehepaar hatte die Frau drei Kinder groß gezogen, aber nie eine Berufsausbildung genossen. Der Klassiker: Sie ist zuhause geblieben, der Mann geht arbeiten und sie wird immer unzufriedener. Und sie hat gesagt: Ich bin mein ganzes Leben immer für andere dagewesen, ich will jetzt etwas für mich machen. Und dann hat sie Mailkontakt zu einem anderen Mann aufgenommen. Die Person war eigentlich gar nicht so wichtig - es ging darum, dass sie ihre Rolle verändern und etwas Neues in ihrem Leben anfangen wollte. Dazu ist eine Außenbeziehung oft das Sprungbrett. Es geht übrigens auch oft gar nicht um den anderen Mann oder die andere Frau. Es geht um die Veränderung, nicht unbedingt um die Person.

Was sind die Gründe für Seitensprünge?

Vera Dietl-Krüger: Die Antwort zeichne ich oft auf: Ein Paar, das länger zusammen ist, ist mit  zwei parallel verlaufenden Linien vergleichbar. Doch auf einmal gibt es auf einer Seite einen Ausschlag. Das geschieht  nicht bewusst - etwas in einem Partner will etwas Neues machen. Dieser Wunsch kann sich  durch einen Seitensprung ausdrücken. Da kann es auch um eine berufliche Weiterentwicklung oder um die Realisierung eines Kinderwunsches gehen. Der Seitensprung ist  schon von der Wortbedeutung  her ein Sprung zur Seite: Ich verlasse das Gewohnte und erhalte eine andere Perspektive und will etwas ändern. Was anders werden soll, ist oft noch nicht klar. Und es geht immer um Trennung. Es ist nur noch nicht klar, ob es um die Trennung der Partner voneinander geht oder um die Trennung liebgewordener Muster.

Kommt es immer zu einer Trennung nach einem Seitensprung?

Vera Dietl-Krüger: Wie gesagt - ich glaube, dass es immer um Trennung geht, das sage ich Paaren auch so. Aber es ist am Anfang noch nicht klar, ob es um eine Trennung der Personen voneinander geht oder ob einer oder beide sich von einem Traum trennen müssen. Oder von liebgewordenen Gewohnheiten oder überkommenen Vorstellungen oder Werten. Es muss nicht immer die Trennung voneinander sein. Aus meiner Sicht ist es sogar schwerer, sich von liebgewordenen Gewohnheiten oder Träumen zu trennen. Denn  von Dingen und Verhaltensweisen,  die immer zum Leben gehört haben, lässt man schwerer los.

Was läuft in Beziehungen schief, bevor es zum  Treuebruch kommt?

Vera Dietl-Krüger: Ungünstig ist, wenn ein Partner den Eindruck hat, dass er  nicht genug Beachtung  oder Zuwendung bekommt.  Wenn er  dann jemanden kennen lernt, der ihn bewundert, aufmerksam ist und für den er  ganz wichtig ist, ist es zum Seitensprung nicht mehr weit.  Damit ist ein ziemlich häufiger Grund beschrieben. Problematisch ist, wenn man für den festen Partner zur Selbstverständlichkeit geworden ist, wenn der andere nichts mehr tut, um die Beziehung zu beleben. Ein häufiger Grund ist auch, wenn die gemeinsame Sexualität nicht zusammen passt. Wenn einer von beiden eine Vorstellung von Sexualität hat, die der oder die andere nicht teilt, macht ein Partner oft eine Zeit lang mit  oder geht einen Kompromiss ein. Aber auf Dauer wird das nicht funktionieren. Und je deutlicher und sicherer man in seiner eigenen Sexualität ist, umso besser muss es passen. Das wird glaube ich sehr unterschätzt.

Wenn man aufmerksam miteinander umgeht, lässt sich also ein Treuebruch verhindern?

Ich glaube nicht, dass man jeden Seitensprung verhindern kann. Ich weiß nicht einmal, ob man sich - wenn man sich wirklich außerhalb verliebt - sich immer dagegen entscheiden kann, fremd zu gehen. Man kann nicht jede Krise verhindern und Krisen sind notwendig, damit ein Paar sich weiterentwickelt. Wenn es immer schön und gut ist, ist es eher merkwürdig. Man braucht einen Entwicklungsanreiz und manchmal ist das ein Seitensprung.

Nach einem Seitensprung kommt schnell die Frage auf: Wie ehrlich bin ich eigentlich meinem Partner gegenüber?

Vera Dietl-Krüger: Absolute Ehrlichkeit kann  etwas sehr Schmerzhaftes und Verletzendes sein. Man sollte sich gut überlegen, ob man einen Seitensprung mitteilt oder ob man erst einmal selber darüber nachdenkt, welche Bedeutung das im Augenblick für einen und sein Leben hatte. Und wenn man feststellt, das das für die bestehende Beziehung keine große Bedeutung  hat,  dann sollte man sich gut überlegen, ob man das Fass aufmacht. Es gibt dann die klassischen Beispiele, dass der Partner oder die Partnerin dann viel fragt: Wie war das? Was genau habt ihr gemacht? Es gehen riesige Fantasien los, die vielleicht der Realität nicht entsprechen, damit sollte man vorsichtig umgehen.

Wenn nun ein Seitensprung passiert ist - wie kann es mit der Beziehung weiter gehen?

Das kann in alle Richtungen gehen: Wenn ein Paar die Beratung aufsucht, weil er oder sie fremd gegangen ist, dann kann das der Anfang von etwas Neuem sein. Wenn das Paar es schafft zu sagen, das war ein Moment, der uns in unserer Beziehung aufgerüttelt hat und deshalb gehen wir jetzt wieder achtsamer miteinander um, wir kümmern uns mehr, dann war der Seitensprung ein entscheidendes Signal. Ich nenne das dann: Die Beiden weben wieder an ihrem Paarteppich. Das bedeutet nicht, einen Seitensprung gut zu heißen, aber das Paar konnte erkennen, dass ein Anstoß nötig war.  Schwieriger wird es, wenn an der Stelle deutlich wird, dass einer von den beiden deutlich andere Ansprüche oder Wünsche an die Beziehung hat oder ein anderes Beziehungsmodell möchte. Ich hatte letztens ein Paar,  bei dem die Frau gesagt hat: Ich möchte mit mehreren Männern eine Liebesbeziehung haben. Der Mann hat versucht, eine Weile mitzumachen, aber auf Dauer hat es nicht geklappt. Da war klar: Die Beiden haben  ein  zu unterschiedliches Beziehungskonzept.

Kann Treue auch hinderlich sein?

Sie ist dann hinderlich, wenn es wirklich um eine Weiterentwicklung geht. Das kommt in der Beratung auch öfter vor: Paare sind 20 Jahre zusammen, die Kinder sind aus dem Gröbsten raus. Und es dann geht darum: Was machen wir jetzt miteinander? Wenn es nichts gibt, das ein Paar verbindet, wird es schwierig. Oft will dann ein Partner  noch etwas erleben,  jemanden haben, mit dem er über alles reden kann. Doch mit der der Partnerin oder dem Partner lassen sich diese Wünsche nicht erfüllen: Dann glaube ich, ist es an der Zeit zu gehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Jakob Dettmar

Partnerschaft, Ehe und Treue in der Bibel

Der Schutz der Ehe ist das sechste der Zehn Gebote: »Du sollst nicht ehebrechen«. Trotzdem gibt es im Alten Testament die Möglichkeit der Scheidung, allerdings nur für den Mann. Er kann seiner Frau den Scheidebrief geben, wenn er »etwas Schändliches an ihr gefunden hat« oder »ihrer überdrüssig« ist (5. Mose 24, 1).
Jesus lehnt diese Praxis vehement ab (Matthäus 5, 31). Er bekräftigt: »Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden« (Markus 10, 9; Matthäus 19, 6). Bei der Trauung versprechen sich zwei die Treue, »bis dass der Tod uns scheidet«.

Doch auch zu Jesu Zeiten gab es Menschen, die nicht nach dieser Richtschnur lebten. So berichtet der Evangelist Johannes von einer Frau, die Ehebruch begangen haben soll – als Strafe kam die Steinigung in Betracht. Das Gebot in der Bibel sagt tatsächlich: »Beide sollen des Todes sterben, Ehebrecher und Ehebrecherin.« (3. Mose 20,10) Jesus spricht trotzdem kein Todesurteil über die Frau. Zu der Menschenmenge sagt er: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!“ Niemand wirft einen Stein. Jesus hat aber auch eine Botschaft an die Frau: „Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr! (Johannes 8,11)“
Generell verschärft Jesus die Ehemoral. Wer eine andere Frau ansieht und begehrt, hat schon im Herzen die Ehe mit ihr gebrochen, sagt er in der Bergpredigt (Matthäus 5,28). Die Ehe ist für Jesus unauflöslich. Apostel Paulus sieht das nicht ganz so streng. Für ihn kann eine Ehe brechen und geschieden werden, wenn die beiden nicht im Glauben übereinstimmen. Denn »zum Frieden hat euch Gott berufen« (1. Korinther 7,15).

Anders als in der katholischen Kirche ist die Ehe in der evangelischen Kirche kein Sakrament. Auch in der Liebe können Menschen scheitern und sind auf Vergebung angewiesen. Nach evangelischem Verständnis ist darum eine kirchliche Trauung Geschiedener möglich.
[Martin Vorländer]

mehr über "Treue in der Bibel"

Treueversprechen bei der kirchlichen Trauung

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

2. Korinther 6, 2

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von Hans Genthe

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