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75 Jahre Darmstädter Wort

Wegweisendes Dokument mit blinden Flecken

Peter BongardVolker JungVolker Jung

Kirchenpräsident Volker Jung kritisiert das Nachkriegs-Positionspapier "Darmstädter Wort" zu seinem 75. Jahrestag: "Keine Silbe zur Shoa".

Agaplesion Elisabethenstift / Julia MarmahGedenktafel zur Erinnerung an die Entstehung des Darmstädter Worts im ElisabethenstiftGedenktafel zur Erinnerung an die Entstehung des "Darmstädter Worts" im Elisabethenstift

Am 8. August vor 75 Jahren entstand unter Mitwirkung des ersten Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Martin Niemöller (1892-1984), in Darmstadt eine Erklärung, die die schuldhafte Verstrickung der Kirche in den NS-Staat klar benannte. Das sogenannte „Darmstädter Wort“ von 1947 sollte einen grundlegenden Neuanfang der evangelischen Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglichen. Es prägte daraufhin in vielen neu gegründeten Kirchen Deutschlands das Denken der Nachkriegszeit. Vor allem in der DDR entfaltete das „Darmstädter Wort“ eine große Wirkungskraft. Eine der markantesten Formulierungen lautete: „Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, den Traum einer besonderen deutschen Sendung zu träumen, als ob am deutschen Wesen die Welt genesen könne.“

 

Epochale Neuorientierung nach 1945

 

Der hessen-nassauischen Kirchenpräsident Volker Jung bezeichnet das „Darmstädter Wort“ 75 Jahre nach seinem Entstehen als „wegweisendes Dokument der der Aufarbeitung mit blinden Flecken“. Das Positionspapier betone „in bester reformatorischer Tradition die Konzentration auf die Botschaft Jesu Christi, die sensibel und kritisch macht gegenüber allen politischen und weltanschaulichen Ideologien mit totalitärem Herrschaftsanspruch“. Auch Aspekte von Schuld und Vergebung seien theologisch wegweisend beleuchtet worden. So zeige der Text die „persönliche, institutionelle und generationen-übergreifende Dimension von Schuld auf“ und verweise „unmissverständlich darauf, dass Menschen auf das Versöhnungshandeln Gottes angewiesen bleiben“, so Jung. Bedeutsam sei auch die klare Positionierung gegen Militarismus und Nationalismus.

 

Menschheitsverbrechen bleiben unterwähnt

 

Zugleich trübten nach heutigen Erkenntnisstand „erhebliche blinde Flecken die epochale Bedeutung der Erklärung“. Das „Darmstädter Wort“ habe beispielsweise „keine Silbe für das Menschheitsverbrechen der Shoa übrig“, so Jung. In der Forschung werde außerdem zu Recht darauf hingewiesen, dass kritische Berichte aus der sowjetischen Besatzungszone über den Aufbau einer sozialistischen Diktatur kein Gehör bei den Verfassern gefunden hätten. Auch die schwierige soziale und wirtschaftliche Situation vieler Menschen in Deutschland, insbesondere der Vertriebenen, fände keine konkrete Erwähnung, obwohl in der Erklärung explizit von der im Evangelium begründeten Verpflichtung die Rede sei, sich der „Sache der Armen und Entrechteten“ anzunehmen. Nach Ansicht Jungs waren die Autoren von der Überzeugung getragen, ein „prophetisches Wächteramt“ im Blick auf mögliche Restauration wahrnehmen zu müssen. Jung: „Aus heutiger Sicht bleibt es völlig unverständlich, wie die Ermordung von Millionen Juden und vieler anderer im Nationalsozialismus unerwähnt bleiben konnte.“   

 

Hintergrund Darmstädter Wort: „Wir sind in die Irre gegangen ...“

 

Im August 1947 hatte sich der Bruderrat der Bekennenden Kirche im Darmstädter Elisabethenstift getroffen. Unter Mitarbeit des ersten Kirchenpräsidenten der EKHN Martin Niemöller wurde am 8. August 1947 das „Darmstädter Wort“ beschlossen. Es befasste sich mit der Verstrickung der Evangelischen Kirche in den NS-Staat und ging weit über die im Oktober 1945 veröffentlichte sogenannte Stuttgarter Schulderklärung hinaus, indem es eine aktive Mitschuld der Kirche bekennt. Vier Abschnitte beginnen mit dem Satz „Wir sind in die Irre gegangen...“ Die Autoren wollten den Tendenzen zu einer Restauration der Evangelischen Kirche entgegenwirken und einen Neuanfang markieren, indem sie die Sünden der Vergangenheit klar benennen und bekennen. Der Text war wegen seiner schonungslosen Selbstkritik schon damals umstritten. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) konnte sich nicht dazu durchringen, ihn zu einem ihrer grundlegenden Texte zu machen. Er entfaltete aber in der DDR, insbesondere in der dortigen Friedensbewegung, eine nachhaltige Wirkung.

Ich merke, der weite Raum
entsteht nicht in mir und durch mich.
Er entsteht, weil andere da sind,
die mir Räume eröffnen,
gnädig umgehen mit meinen Schwächen,
sich einsetzen für einen menschenwürdigen Umgang
mit allen Menschen.

(Melanie Beiner zu Psalm 31,9)

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