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Schule auf Rädern

Wenn die Schule auf den Jahrmarkt kommt

pixabay.com/SkitterphotoZwei Jungs fahren in einem Autoscooter auf dem Jahrmarkt.Auch für Kinder von Schaustellern gibt es den "Ernst des Lebens". Wenn die Schulpflicht ruft, ist Schluss mit Scooterfahren.

In der hintersten Reihe des Klassenzimmer saßen früher die Kinder von den Schaustellern. Natürlich nur so lange, wie der Zirkus oder der Jahrmarkt aufgebaut war. Danach zogen die Kinder wieder weiter: Schulwechsel... wieder neue Freunde finden ... nicht leicht für die Kinder. Bis heute hat sich aber einiges geändert. Zu manchen Kindern kommt die Schule auf Rädern: das Lernmobil.

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Altes Heft mit Eintragungen. Umgerüstete Caravans auf einem Parkplatz. Mädchen und Lehrer im Lernmobil. Gruppenfoto

Kinder, die zur Schule in ein Lernmobil gehen, haben gegenüber „normalen” Schulkindern einen Vorteil: Sie haben den kürzesten Schulweg. Das Lernmobil, ein zum Klassenzimmer umgebauter Caravan, gilt als richtige Schule. Das ist wichtig, denn in Deutschland gilt die Schulbesuchspflicht und nicht die Lernpflicht. So regelt diese gesetzliche Vorgabe lediglich den Verbleib in den Räumen, die man Schule nennt.

Schultagebücher dokumentieren das Lernpensum

Pfarrerin Christine Beutler-Lotz ist seit 1995 Schaustellerseelsorgerin in der EKHN. Sie kennt auch die Sorgen und Nöte der Schaustellerkinder, aber auch die der Eltern, die sich um den regelmäßigen Schulbesuch ihrer Sprösslinge kümmern müssen. „Die Möglichkeit der anerkannten Ersatzschule gibt es erst seit 25 Jahren. Dazu gab es früher ein Schulbesuchsheft, das jedes reisende Kind mit sich zu führen hatte und in das die besuchte Schule vermerkte, wann das Kind kam und wann es wieder weiterzog. Dies ist zwischenzeitlich von einem Schultagebuch abgelöst worden, in dem ziemlich detailliert die Lernfortschritte und Lücken festgehalten werden, damit in der nächsten Schule individuell daran weitergearbeitet werden kann und das Kind nicht etwa 3 mal das 6er Einmaleins – aber nie die 9er Reihe lernt.”

Ein Reisetag, wenn die Familie zum nächsten Ort umsetzt, ist schulfrei. Das Schultagebuch ist lückenlos zu führen, andernfalls droht der behördliche Entzug der Reisegewerbekarte. Jede Familie arbeitet also an einer individuellen Lösung ihres Problems. Sogenannte „Kirchturmreisende“ – also Familien, die nur in einem Radius von ca. 50 km reisen – fahren den Nachwuchs täglich an die Schule des ersten Wohnsitzes. 

In Hessen kommt die Schule zu den Kindern

Ist die Reiseroute sehr viel weiter gesteckt, gibt es verschiedene Lösungen: Entweder wird das Kind wird bei Verwandten untergebracht, die nicht als „beruflich Reisende” unterwegs sind. Oder das Kind wird in einem Internat oder bei einer Pflegefamilie untergebracht.

Kinder, die mit ihren Eltern reisen und nicht ständig die Schule wechseln wollen, können am hessischen Pilotprojekt „Schule für Kinder beruflich Reisender“ (seit 2010) teilnehmen. Dort werden die hessischen Kinder in acht mobilen Klassenzimmern hessenweit und länderübergreifend (auch online) unterrichtet und gehen nicht mehr jede Woche in eine andere Schule. Das mobile Klassenzimmer ist Stammschule der Schülerinnen und Schüler.  Außerhalb von Hessen oder in der Winterpause besuchen die Kinder den Unterricht an Stützpunktschulen bzw. am Wohnsitz.

In Wiesbaden steht auf dem Gelände von „EVIM Bildung”, dem Trägerverein, das Schulgebäude der Schule am Geisberg. In diesem Gebäude arbeitet die Schulleitung und von hier aus wird die Schule verwaltet.

Schulferien können auch mal länger sein ... oder kürzer...

Schulferien haben die Schaustellerkinder natürlich auch. Wenn sie jedoch aufgrund der großen Reiseroute wöchentlich die Schule wechseln, können sie – außerhalb der hessischen oder rheinland-pfälzischen Ferien – sich in einem anderen Bundesland aufhalten, das gerade Ferien hat. Manchmal verlängern sich die Schulferien dadurch für die Kinder. Natürlich kann es auch umgekehrt sein. Christine Beutler-Lotz freut sich bei verlängerten Ferien mit den Kindern, denn „die bestehen natürlich vehement auf die Einhaltung ihrer Ferienzeit… Ist doch klar!” Von Beginn an lag ihr die Schulbildung von Schaustellerkindern sehr am Herzen. „In den Anfängen sammelte ich auf den großen Volksfesten mittags gerne die Schülerinnen und Schüler ein und bot ihnen im Kirchencamping Hausaufgabenhilfe an, die gerne wahrgenommen wurde.”

Berufsschule bietet weitere Perspektiven

Ist die Schulpflicht nach 9. bzw. 10. Schuljahren – je nach Bundesland – erfüllt, gibt es die Möglichkeit, einen speziellen Berufsschulunterricht in Nidda im Blockunterricht im Winter zu besuchen sowie im Sommer online begleitet zu werden. Ein mehrstündiger Block gilt übrigens auch dem Religionsunterricht, den die Schaustellerseelsorgerin gerne gestaltet. Nach zwei erfolgreichen Jahren steht dann die externe Prüfung bei der IHK zum Verkäufer/der Verkäuferin an. Nach längerer Berufstätigkeit im heimischen Betrieb steht auch die externe Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau/zum Einzelhandelskaufmann offen. „2015 konnten wir den ersten vier Absolventen gratulieren, die zudem von der Prüfungskommission der IHK besonders gelobt wurden”, freut sich Beutler-Lotz. Der allerneueste Baustein in Sachen beruflicher Bildung ist die Möglichkeit eines dualen Studiums für beruflich Reisende, das mit dem „Bachelor of Science Wirtschaftswissenschaften” abschließt.

 

 

 

Denn alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt;
und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

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