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Zweiter Pilgerversuch

Alleine und ohne Rückflugticket auf dem Jakobsweg

(c) Dekanat / M. KochPilgerrucksack von Michael KochPilgerrucksack von Michael Koch

Lange hat ihn es ihn beschäftigt, dass er beim ersten Versuch abbrechen und einen Freund zurücklassen musste. Die Vorfreude war im Jahr 2017 groß, die Routen geplant und alles war gut vorbereitet. Doch dann kam alles anders als gedacht. Jetzt, fast zwei Jahre später, versucht er es noch einmal: Den berühmten Jakobsweg wandern. Alleine und ohne Rückflugticket.

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Pilgerrucksack von Michael Koch Pfarrer Michael Koch beim Vorbereitungswandern (Selfie im Wald) Die Niederlage verfolgt ihn wie ein Schatten (Schatten von zwei Pilgern)
(c) Dekanat / M. KochDie Niederlage verfolgt ihn wie ein Schatten (Schatten von zwei Pilgern)Die Niederlage verfolgt ihn wie ein Schatten

„Wir mussten gleich am ersten Tag anstelle von 22 Kilometern 38 Kilometer laufen, weil die Herbergen, anders als in den gängigen Wanderführern beschrieben, geschlossen hatten“, erinnert sich Pfarrer Michael Koch an seine erste Wanderung auf dem Jakobsweg. Die Knie schmerzten bereits am ersten Tag auf der Via de la Plata. Und so ging es weiter: Die Etappen wurden oft länger. Das bedeutete auch, dass sie nicht immer genug Wasser mitnehmen konnten. Die Schmerzen in den Knien wurden unerträglich, die Entzündung ging - trotz Pausen – nicht zurück. Nach knapp 10 Tagen und „nur“ 240 statt 500 Kilometern, musste Michael Koch abbrechen und aufgeben. Für Koch, einen ehemaligen erfolgreichen Leistungssportler, war das eine große Niederlage. „Das war überhaupt keine schöne Erfahrung, ich war persönlich von mir enttäuscht, vor allem, weil ich das Gefühl hatte, meinen Freund im Stich zu lassen“, so Koch.

Er hatte sich das alles so schön ausgemalt: Das Ankommen, wenn man die Stadt Santiago de Compostela schon von weitem sieht, dann die Umrisse der Kathedrale und „dann das unbeschreibliche Gefühl, wenn man angekommen ist.“ All das gab es für ihn nicht. Sein Freund ging die Strecke alleine weiter und kam ans Ziel.

Pilgern ist Spiritualität

Nun will sich Pfarrer Michael Koch noch mal auf den Weg machen. Den gleichen Weg, aber etwas abseits, nicht den Hauptcamino, wo mittlerweile bis zu 400.000 Menschen im Jahr den Weg passieren. „Jetzt mache ich so manches anders“, erklärt er. So hat er keinen Rückflug gebucht und er geht alleine. „Die Situation des Scheiterns war gar nicht schön, aber sie hat mich persönlich weiter gebracht“, ist er sich sicher. Es ist eine Grenzerfahrung, aber in dieser Grenzerfahrung sei er Gott sehr nahe gekommen. Die Situation vom November 2017 habe ihm gezeigt: „So wie ich den Weg gegangen bin, steckt auch viel von mir und meiner Art“, gibt er offen zu. „Ich will oft zu schnell ans Ziel kommen, habe zu hohe Ansprüche, die Etappenziele sind zu lang. Das hatte teilweise nichts mehr mit Pilgern zu tun, sondern eher mit einer sportlichen Vorbereitung auf einen Marathonlauf“, erklärt er. Auch im Alltag würde er „den Faktor Mensch“ immer wieder über- oder unterschätzen. Dabei sei Pilgern ist eine Form der Spiritualität. Pilgern bedeute, sich bewusst in Grenzsituationen zu begeben und diese einzuüben.

„Gott begegnet man (nur) auf der Grenze“

Die kommenden Wochen möchte er raus aus dieser Komfortzone. „Gott begegnet man am besten auf der Grenze“, sagt der Theologe Paul Tillich. Davon ist auch Michael Koch überzeugt. „Je mehr Sicherheit man hat, desto weniger hat Gott die Chance, in mein Leben vorzudringen“, weiß der 41-Jährige. Mit dem zweiten Anlauf will er das „ins Loslassen“ üben. „Ich setze mich dem bewusst aus.“ Er gibt zu, davor auch Angst zu haben, weil er vieles ja nicht einschätzen und nicht planen kann. „Ich bin doch ein Mensch, der Sicherheit braucht. Der immer alles genau plant und absichert. Da ist eigentlich gar kein Spielraum für Scheitern oder Grenzerfahrungen“, sinniert er. „Und beim Pilgern bringe mich bewusst in Unsicherheit.“

Michael Koch ist überzeugt davon, dass die Menschen heute kaum noch Grenzerfahrungen ausgesetzt sind oder sich in solche Grenzbereiche begeben. Mit durchaus ernsten Konsequenzen: Gesellschaften, in denen Menschen kaum noch Grenzerfahrungen machen (müssen), würden seiner Beobachtung nach egoistischer und der Gemeinschaftssinn schwinde. „Gesellschaften dagegen, in denen Menschen noch Grenzerfahrungen machen, sind Gesellschaften, in denen ein starkes religiöses Bewusstsein vorhanden ist“, ist seine Beobachtung.

Jetzt packt er also wieder seinen Rucksack. Für den Weg von Salamanca nach Santiago de Compostela. Am 30. August geht es los. „Acht Kilo Gewicht sollten die obere Grenze sein. Ich überlege also, was ich wirklich brauche und was möglicherweise nur unnützer Ballast ist. Eine Powerbank wäre gut, falls der Akku des Handys mal schlapp macht; Medikamente gegen Schmerzen, Fieber, Durchfall, Erkältung, man kann ja nie wissen; Regenjacke oder Poncho? Oder vielleicht doch besser beides? Oder doch weniger?“, fragt er sich öffentlich im „Begleiter“, dem Newsletter der Evangelischen Kirchengemeinde.

Weggeschichten schreiben

Ein festes Ziel ist es, „Weggeschichten über biblische Personen“ zu schreiben. Dazu will er aufmerksam zuhören, etwa warum andere Pilger sich auf den Weg machen. Und er hofft, dass er diese Geschichten dann mit in den Pfarreralltag nehmen kann. Um sie anderen Menschen zu erzählen. Davon Erzählen und viele Bilder zeigen von den Wegen, die er gegangen ist, das ist eine Idee von ihm. „Dabei gemeinsam essen und trinken, so dass andere Menschen vielleicht auf diese Weise ihre eigenen Wegerfahrungen machen können.“

Jesus habe nicht einmal acht Kilo im Rucksack dabeigehabt, als er mit seinen Freundinnen und Freunden unterwegs war, erklärt Michael Koch. „Keine Reservehose für die Reservehose, kein Erste-Hilfe-Set, nicht einmal Geld hatte er dabei. Stattdessen war er randvoll bepackt mit Gottvertrauen. „Wer all seine Sicherheiten, seine Gruben und Nester hinter sich lässt, der muss auf andere zugehen, wenn er etwas braucht und dessen Hände sind frei, um anderen zu helfen. Ich stelle mir vor, wer so unterwegs ist, der ist wirklich frei vom eigenen Ballast, um anderen möglicherweise beim Tragen zu helfen“, schreibt er im  Newsletter, bevor er Ende August nach Spanien geht.

„Hören, was Gott mir zu sagen hat“

„Ich gehe jetzt mit viel mehr Gelassenheit“, sagt er zuversichtlich. „Und versuche, den Druck nicht zuzulassen.“ Den Druck, zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwo sein zu müssen, etwas „geschafft“ zu haben oder eine bestimmte Wegstrecke geleistet zu haben. „Wenn mir etwas weh tut, oder es mir gerade dort gefällt, dann bleibe ich“, sagt er selbstsicher. Er sei gespannt, wie er mit der Einsamkeit klar kommt. „Ich bin aber auch positiv gespannt auf die Ruhe, die Stille, das Monotone und die Lange-Weile.“

Wie beim letzten Mal geht er zur Vorbereitung vermehrt laufen oder wandern. „Und ich habe jetzt Einlagen“, sagt er schmunzelnd. Michael Koch ist sich sicher, dass Gott präsent sein wird. Zum Pilgern gehöre das Fremde, die Grenze. „Ich setze mich beim Pilgern Grenzen und dem Fremden aus, weil ich abseits der normalen Wege gehe, auch im übertragenen Sinne. Ich möchte hören, was Gott mir zu sagen hat.“

Und wenn es gut geht, dann wird sein Traum vom Ankommen in Santiago de Compostela im September dann doch noch Wirklichkeit.

Pfarrer Michael Koch wird im Rahmen seines dreimonatigen Studienurlaubs ein paar Wochen nutzen, um zu Pilgern. „Der Studienurlaub ist ein Geschenk meiner Kirche an mich, alle zehn Jahre mal raus aus dem alltäglichen Dienst gehen zu dürfen und sich Neuem auszusetzen, neue Erfahrungen machen zu können. Das könnten alle Kreative gebrauchen“, betont der Pfarrer dankbar.

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.

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