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Besuch bei den letzten Lutheranern in Tadschikistan

Reis/RederVlnr: Die Gemeindeglieder Ludmilla Minjejeva mit Enkel Samir, Pfarrer Achim Reis, Julia König mit den Söhnen Max und Täufling Daniel, dahinter der Ehemann/Vater, Pfarrerin Irina Balko, der orthodoxe Taufpate TimurVlnr: Die Gemeindeglieder Ludmilla Minjejeva mit Enkel Samir, Pfarrer Achim Reis, Julia König mit den Söhnen Max und Täufling Daniel, dahinter der Ehemann/Vater, Pfarrerin Irina Balko, der orthodoxe Taufpate Timur

Der Bad Sodener Pfarrer Achim Reis war gemeinsam mit seinem Kollegen Stefan Reder als Vertreter des Gustav-Adolf-Werkes Hessen Nassau in Zentralasien zu Gast.

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Pfarrer Stefan Reder wird von Irina Balko, Pfarrerin der Gemeinde Duschanbe, begrüßt Pfarrer Achim Reis tauft das Gemeindeglied Daniel König in Duschanbe Pfarrer Stefan Reder mit Schwestern vom Orden der Mutter Theresa in Duschanbe Vlnr: Die Gemeindeglieder Ludmilla Minjejeva mit Enkel Samir, Pfarrer Achim Reis, Julia König mit den Söhnen Max und Täufling Daniel, dahinter der Ehemann/Vater, Pfarrerin Irina Balko, der orthodoxe Taufpate Timur

Rette sich, wer kann! - Nach Auskunft des deutschen Botschafters in Duschanbe, Holger Green, spiegelt dieses Motto am besten die Stimmung wider, die in weiten Teilen der Bevölkerung Tadschikistans herrscht. Einst schon das Armenhaus der Sowjetunion, drehte sich die Armutsspirale seit der Unabhängigkeit des zentralasiatischen Landes immer weiter nach unten. Von den acht Millionen Einwohnern des Landes verdingt sich eine Million Männer in Russland als schlechtbezahlte Saisonarbeiter vornehmlich auf diverse Baustellen und schickt, so die Kontakte seitens der Verdiener nicht ganz einfach gekappt wurden, regelmäßig Geld in die Heimat, um die zurück gebliebenen Familien zu ernähren. Hat es damit noch nie zu großen Sprüngen gereicht, ist seit westlichem Russlandembargo und weltweiter Ölkrise die Lage noch einmal verzweifelter geworden: Auf rund ein Drittel der Vorkrisenzeit ist laut Auskunft der russischen Zentralbank die Summe der Überweisungen von Russland nach Tadschikistan zwischenzeitlich zurückgegangen, eine direkte Folge des Rubelverfalls.

Im Land herrscht ringsum Arbeitslosigkeit

Wie im Gleichnis von der Arbeitern im Weinberg (Mt.20) stehen diese auf dem Markt bzw. auf dem Grünen Bazar vom Morgen bis zum Abend und warten darauf, dass sie jemand anheuert. Wer hat, bringt Pressluftbohrer oder anderes Werkzeug gleich mit, um zu zeigen, was er kann. Aber die Nachfrage ist gering. Dabei ist der Bausektor einer der wenigen Wirtschaftszweige, wo sich noch etwas tut: Neubauten eigenen sich hervorragend, um Geld aus Drogengeschäften zu waschen, das Land ist Durchgangsstation auf dem Weg von Afghanistan nach Russland und weiter nach Europa.

Staatspräsident Emomalii Rachmon und sein Clan haben das Land fest im Griff. Letzten Herbst wurde der stellvertretende Verteidigungsminister Abduchalim Nasarsoda „auf der Flucht“ erschossen: er soll eine Revolte angezettelt haben. Und da ihm Verbindungen zur Partei der Islamischen Wiedergeburt nachgesagt wurden, wurde die bei dieser Gelegenheit zur Terrororganisation erklärt. Die Partei, der nach dem Bürgerkrieg der 90er Jahre dank russischer Vermittlung eigentlich eine dauerhafte Beteiligung an der Regierung versprochen worden war.

Der Widerstand gegen das Regime wächst

Ein Kenner der Region brachte das auf die Formel: „Entweder wird das Land demokratisch oder islamistisch.“ Eine nennenswerte demokratische Opposition ist derweil nicht zu erkennen, neue Moscheen, finanziert etwa vom Emirat Katar, sprießen dagegen zahlreich aus dem Boden, der Einfluss der Imame auf die Bevölkerung des einstmals sozialistischen Landes nimmt spürbar zu - auch wenn die Regierung zwischenzeitlich deren Gehälter zahlt, um sie so in Abhängigkeit von ihr zu bringen. Nachdem ebenfalls im vergangenen Herbst in der 100 000 Einwohner-Stadt Kulob, 200 km von Duschanbe entfernt, für zwei Tage die Fahne des islamischen Staates gehisst wurde, verbreiteten sich Angst und Schrecken im ganzen Land, Fluchtgedanken machen die Runde.

Rette sich wer kann! Am ehesten noch können das die Angehörigen der europäischstämmigen Minderheiten: Russen, Ukrainer und Deutsche. Gegen Ende der Sowjetunion machten sie 10 % der Bevölkerung aus, jetzt sind sie kaum noch vorhanden. Lebten einst 40 000 Russlanddeutsche in Tadschikistan, verfügt die Deutsche Botschaft aktuell über keine entsprechenden Kontakte mehr. Die Deutschen sind nach Deutschland oder nach Russland, manche auch nach Kasachstan zu Verwandten ausgewandert. Entsprechend geschrumpft sind auch deren Kirchengemeinden: Katholiken, Baptisten, Adventisten, Neuapostolische sind deutlich weniger geworden, von den Lutheranern ist kaum noch einer da.

„Ihr seid nicht vergessen!”

Zuletzt vor drei Jahren besuchte eine Delegation des Gustav-Adolf-Werkes in Hessen und Nassau, des Hilfswerks für evangelische Minderheitskirchen, die damals schon kleine Gemeinde in Duschanbe. In diesem März waren die Pfarrer Stefan Reder und Achim Reis wieder vor Ort, um den wenigen Verbliebenden deutlich zu machen: Ihr seid nicht vergessen! Dabei ist die Gemeinde kaum noch vorhanden: Entweder sind die Mitglieder ausgesiedelt oder verstorben. So wie Heinrich Gense, der Senior der Gemeinde, dessen hessischer Akzent die Besucher aus Deutschland seinerzeit beeindruckt hat. Als er jetzt gestorben ist, haben seine Nachbarn auf einem sofortigen muslimischen Begräbnis bestanden, der lutherischen Pfarrerin blieb keine Chance. Und für das Frühjahr 2017 plant Pfarrerin Irina Balko selbst den Umzug ins St. Petersburger Gebiet, ihr Sohn hat dort Arbeit gefunden. Vorher bleibt ihr nicht viel mehr, als die Gemeinde ganz offiziell abzuwickeln, die letzten nach ihrem Wegzug Verbleibenden werden den organisatorischen Rahmen nicht mehr hochhalten können. Ausharren wird einstweilen noch Julia König mit ihrem Mann und ihren beiden kleinen Söhnen. Nach Deutschland können sie nicht, vor dem russischen Winter fürchten sich Julia und ihr Mann: „Wir sind beide gehbehindert, da kommen wir mit dem vielen Eis und Schnee in Russland nicht zurecht“. Im Gottesdienst am 3. März taufte Pfarrer Reis Daniel, den dreijährigen Sohn des Paares. Allen Widrigkeiten zum Trotz war das ein klares Bekenntnis der Familie zum christlichen Glauben.

Vielleicht finden sie den Weg zur katholischen Gemeinde der Stadt. Die ist zwar auch völlig zusammengeschrumpft, aber vier Mönche und drei Nonnen aus Argentinien halten in einer Art Kloster die Fahne hoch, bieten zumindest regelmäßigen christlichen Gottesdienst an. Und dazu kommen noch fünf Schwestern vom Orden der Mutter Theresa, die mit großem Einsatz und gegen alle staatliche Gängelung und Reglementierung ihren Dienst an den Ärmsten der Armen tun. Etwa an den Kindern, deren Väter das wenige Geld, das die Familie hat - Islam hin oder her - in Alkohol umsetzen. Kinder, die in dem Schaschlikland Tadschikistan noch nie ein Stück Fleisch gesehen haben.

Nomen est Omen?

Vor wenigen Wochen hat die Regierung alle Wechselstuben im Land geschlossen - und damit weitere Arbeitslose produziert. Dabei gab es ohnehin kaum noch etwas zum Wechseln: Das Land leidet an akuter Devisenknappheit, Fremdwährungen sind kaum noch erhältlich. Was sich auch für die Oberschicht negativ auswirkt: Deren Dollarkonten können nicht mehr bedient werden. Und Mitarbeitern US-amerikanischer Einrichtungen, die ihr Gehalt früher aufs Konto überwiesen bekamen, werden jetzt aus dem Geldkoffer in bar ausgezahlt. Die einzige Bank, bei der offiziell noch Devisen in die Landeswährung Somoni getauscht werden dürfen, ist die Bank Eschata. Deren Name lehnt sich die antike Bezeichnung der Stadt Chudschand im Norden des Landes an. Sie wurde unter dem Namen Alexandria Eschatê („das entfernteste Alexandrien“) von Alexanders dem Großen im Mai 329 v. Chr. auf dessen Zug bis ins Ferganatal gegründet. Dem kirchlichen Betrachter erscheint der Name der Bank hingegen als Menetekel. Eschatologie ist in der christlichen Dogmatik die Lehre vom Weltenende. Wer auf die Zustände in Tadschikistan schaut, kann zu dem Schluss kommen: Weit wird es bis dahin wohl nicht mehr sein.

Tu, was zu tun kannst.
Und dann ist gut, denn mehr geht nicht.
Alles weitere kann ich in die Hände Gottes legen
und darauf vertrauen, dass er es wohl gut mit mir meint.
(Carsten Tag zu Prediger 9,10)

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