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1968

Das Sein bestimmte das Bewusstsein

P.W.BerneckerBlick auf das PodiumVon Links: Robert Wolff, Hanna-Lena Neuser, Prof. Dr. Meike Baader und Dr. Dieter Dehm diskutierten die Ideen der Studentenbewegung von 1968.

Auf einer Podiumsdiskussion der Evangelischen Akademie Frankfurt am 9. und 10. März reflektierte der Zeitzeuge Diether Dehm die Ursachen der 68er Studentenbewegung. Nicht zuletzt die wirtschaftliche Rezession in den Jahren 1966/1967 sei die materialistische Ursache für die Protestbewegung gewesen.

Dr. Diether Dehm, der die Studentenproteste 1968 an der Frankfurter Universität als Präsidiumsmitglied des Sozialistischen Deutsche Studentenbund (SDS) miterlebte, war der einzige Zeitzeuge auf dem Podium der Evangelischen Akademie der Veranstaltung "Ernesto, sprach die Frau Mama ...". Flankiert wurde seine Rückschau auf die 68er Ereignisse von Meike Baader, Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Hildesheim, und Robert Wolff, Doktorand an der Uni Frankfurt. Dehm machte als Initialzündung für die Studentenproteste vor allem die erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende wirtschaftliche Rezession verantwortlich. Die vorausgehende Phase der Wirtschaftswunderjahre in der Bundesrepublik hätten die Bevölkerung geradezu "militarisiert" - ein autoritäres System in Ökonomie und Bildung habe Arbeitnehmer, Schüler und Studenten im Griff gehabt.

"Das Sein bestimmt das Bewusstsein"

Getreu der Marx'schen These "Das Sein bestimmt das Bewusstsein" habe erst die ökonomische Krise in den Jahren 1966/1967 den revolutionären Ausschlag gegeben. Ein bis dahin "ungebremster Kapitalismus", so Dehm, sei an sein Ende gekommen. Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze und gegen den Krieg in Vietnam habe die Protestbewegung dann richtig in Fahrt gebracht.

Jugend protestiert

Die Erziehungswissenschaftlerin Meike Baader wollte 68er Generation stärker im Zusammenhang mit einer veränderten Jugendkultur verorten. Beatles und Jimi Hendrix, Che Guevara und Uschi Obermaier seien als teilweise sehr unterschiedliche Hoffnungsträger von der Jugend gesehen worden. Eine Generation habe sich emanzipiert von den Vorbildern ihrer Eltern, auf dem Gebiet der Musik, der Politik und dem Umgang mit der Sexualität. Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit der Elterngeneration und die Formulierung antiautoritärer Erziehungsmethoden stehen in engem Zusammenhang. Heutige Jugendliche sähen aber kaum, dass vieles, was heute in Gesellschaft, Politik und hinsichtlich von Geschlechtergerechtigkeit weitestgehend selbstverständlich ist, seine Wurzeln im Jugendprotest vor 50 Jahren habe. "Für heute 20-Jährige sind die 68er Leute, die damals den Kommissar im Fernsehen geguckt haben und noch Zeitungsleser waren", so Baader.

Facebook simuliere Bewegung

Robert Wolff, der in Frankfurt über die 68er forscht, zeigt sich auch skeptisch über das revolutionäre Potential seiner Generation. Der Erfolgsdruck in der universitären Ausbildung lasse den Studierenden kaum noch Zeit, sich ausgiebigen Gesellschaftsanalysen und Theorien zu widmen. Dehm formulierte es so: "Heute simuliert jeder auf Facebook eine Bewegung, anstatt gegen die wirklichen Probleme in der Politik zu protestieren."

Vorbild Niemöller

Auf die Frage aus dem Publikum, ob denn der Studentenprotest von 1968 auch etwas mit dem besonderen Ethos des Protestantismus zu tun habe, antworteten sowohl Baader wie auch Dehm zustimmend. Viele der führenden Köpfe der Protestbewegung hätten eine evangelische Sozialisation durchlaufen. Auch die Evangelischen Akademien seien Plattformen gewesen, auf denen die Ideen der 68er diskutiert wurden. Dehm bekannte, dass ihn Martin Niemöller durchaus positiv geprägt habe.
"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte." (Martin Niemöller)

Und der Gesamtgestus von Rudi Dutschke, der als Wortführer der Studentenbewegung galt, "hatte das Pathos der Bergpredigt", so Dehm. 

 

Weitere Veranstaltungen der Evangelischen Akademie Frankfurt finden Sie im Programmflyer REVOLUTION

 

 

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Lukas 19, 10

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von iStockphoto/Indars Grasbergs

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