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Flüchtlinge

Deutschland: „Im Land der offenen Herzen“

weerapatkiatdumrong/istockphoto.comMitgefühl und Liebe schenken

Die aktuelle globale Situation verändert Deutschland. Die Medien titeln von einem neuen Deutschlandbild in der Welt. Doch welche Chancen eröffnen sich tatsächlich? Diakonie-Chef Wolfgang Gern spürt dieser Frage nach.

Diakonie HessenVorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen Wolfgang GernVorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen Wolfgang Gern

Das Jahr 2015 wird die Welt und uns mit ihr ungleich mehr verändern als die letzten Jahre zusammen. Und das ist gut so, weil schon jetzt so viele Menschen Herzen, Türen und Portemonaies geöffnet haben. Ja, Flüchtlinge willkommen heißen – das ist das Gebot der Stunde. Mit ihnen teilen, was wir können. Menschenmögliches für sie tun.

Menschlichkeit ist gefragt

In der Tat, das schaffen wir. Einfach so, aus Menschlichkeit. Dabei auch ein Land der Vielfalt immer mehr und noch bewusster werden. Welch ein Gewinn! Damit kein Mensch verlorengeht. Oder gar ertrinkt oder erstickt, weil sie oder er gewissenlosen Schleppern ausgeliefert war. Wir wissen auch: Wir können helfen, weil wir ver-gleichsweise ein überaus reiches Land sind. Und viele unter uns haben nicht vergessen: Ohne Hilfe wäre unser Land nach 1945 nicht weit gekommen.

Wilkommensstruktur ist nötig

Wer nicht geschichtsvergessen ist, der hat auch vor Augen: Auf der Flucht sein heißt, der nackten Not, der mörderischen Gewalt des Krieges und der lähmenden Unfreiheit entfliehen. Der fortwährenden Erniedrigung durch religiöse, sexuelle oder ethnische Diskriminierung entkommen. Wir dürfen nicht verdrängen: Es tut unendlich weh, die angestammte Heimat zu verlassen – mit allem, was dazugehört: Wohnung und Land, Clan und Freundeskreis, Kultur und Sprachraum. Die familiäre Verbundenheit ist ja anderswo häufig größer als in Westeuropa. Die Traumata der Flucht fressen sich tief in die Seele ein. Es geht daher in unserer Hilfe nicht nur um Brot und Wohnung, sondern um umfassende menschliche Zuwendung. Allein mit gutem Willen und Will-kommenskultur werden wir den Menschen nicht gerecht, so lebenswichtig beides jetzt erscheint. Es braucht eine Willkommensstruktur, die kontinuierlich stützt und auch in seelischer Not professionell begleitet.

Unerträgliche Politikerphrasen

Es ist dabei unübersehbar: Auch wir sind seelisch nicht mehr dieselben. Der ertrun-kene syrische Junge, die erdrückenden Nachrichten von brennenden Flüchtlingsunterkünften, fremdenfeindliche und rechtsradikale Propaganda, die von Ohnmacht zeugenden Berichte über den Krieg in Syrien, die wütend machenden Bilder vom Mittelmeer, die unerträglichen Politikerphrasen zwischen Budapest und London, ein rastloses wie ratloses Europa, das nur um sich selbst kreist. Da hat der adventliche Hilfeschrei „O Heiland, reiß die Himmel auf“ heilsame Wirkung. Wenn wir wollen, dass der Himmel auf die Erde kommt, ist fürs Erste ein weites Herz die geeignete Antwort – „in verantwortlicher Tat und in echter Mitleidenschaft“ (Dietrich Bonhoeffer). Man muss nicht Bob Geldof heißen oder finnischer Ministerpräsident sein – so nachahmenswert es ist, eigenen Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Gemeinsam Leben 

Kein helfender Beitrag ist zu klein – und Hauptsache ein weites Herz! Die unzähligen Münchner, Hamburger, Thüringer, Dortmunder, Nienburger, Berliner, Frankfurter… sind mit offenen Armen und liebevoll gepackten Lebensmittelpaketen den Neuankömmlingen entgegen gegangen. Ist das nichts? Wie gesagt, wir schaffen das – alle zusammen. Zivilgesellschaft, Ehrenamtliche, Verbände, Kirchen, Kommunen, Landkreise, Landesregierungen – und hoffentlich mit viel finanziellem Rückenwind vom Bund. Davon haben doch viele geträumt: Ein Land der offenen Herzen mit so Vielen, die mitfühlen und verstanden haben, was nottut. Sie werden andere mitreißen, die zögern, in Vorurteilen gefangen sind oder gar selbst reale Verlustängste haben. Auch sie dürfen wir nicht vernachlässigen und wollen sie stützen. Und wollen sie mit dem weiten Herzen anstecken. Weil wir nur gemeinsam leben können. Und weil wir nicht wollen, dass auch nur einer verlorengeht.

Herz und Einsicht gefragt 

Auf dieses „Pünktle“ kommt es an – auf das weite Herz und die Einsicht, dass wir nicht ausgrenzend oder gegeneinander leben können. Dann beginnt die eigentliche Arbeit der Integration: Wohnung und Sprachkurse, Ausbildung und Arbeit, Schule und Nachbarschaft, nicht zu vergessen die medizinische Versorgung.

Kluft zwischen Ländern überwinden

Wenn wir ein wenig weiter sind, müssen wir uns über die Fluchtgründe verständigen – und dürfen dabei ruhig auch selbstkritisch werden. Was haben Deutschland und Europa zu tun mit den Zuständen in den Herkunftsländern? Wie sieht es aus mit den Armutslöhnen und den verweigerten Lebenschancen zwischen Nordafrika und Südostasien? Warum scheitern Demokratien und aus welchen Gründen liegen Menschenrechte brach? Was ist uns eine Entwicklungspolitik wert, die diesen Namen verdient? Weit über fünf Jahrzehnte hat auch Deutschland in der Entwicklungspolitik zu einer gerechteren und friedlicheren Welt beitragen wollen, die den Kolonialismus ablösen sollte. Das war übrigens der Sinn der Bandung-Konferenz im Jahre 1955: die Unabhängigkeit und Souveränität der Dritten Welt stärken und die Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern Schritt für Schritt überwinden.

Über Gerechtigkeit streiten

Was ist aus dieser berechtigten Hoffnung geworden – dass Menschen genug zum Leben haben und ihre Heimat als gerecht und gewaltfrei erleben? Dass sie den Auf-bau demokratischer Strukturen spüren – und ihn nicht nur als Sprechblase der je-weils herrschenden Klasse erleben! Ja, was muss geschehen, damit Menschen ger-ne in den Ländern bleiben, in denen sie geboren und aufgewachsen sind? Darüber müssen wir sprechen, wenn nötig auch streiten: über weltweite Gerechtigkeit, und was aus diesem Ziel geworden ist. Über Rüstungsabbau, Abrüstung und eine Welt des Friedens, und was daraus geworden ist.

Humanität strahlt aus

Wer teilt, mehrt das Leben. Das war ein Grundsatz der weltweiten ökumenischen Christenheit. Ein gutes Ziel, das wir nun bei uns in der Flüchtlingsarbeit praktizieren können und müssen. Aber es war weit mehr damit gemeint. Etwa das, was der Kirchenvater Ambrosius im 4. Jahrhundert gesagt hat: Was du den Armen gibst, ist nicht dein Gut. Du gibst ihnen vielmehr einen Teil von dem zurück, was du ihnen einmal genommen hast. Ein Schlüsselsatz, hochaktuell, doch in der postkolonialen Neuzeit unbeachtet. Sonst wären wir nicht da, wo wir weltgeschichtlich gelandet sind. Nun könnte der rechte Zeitpunkt gekommen sein, umzukehren. Jetzt können wir es praktizieren – mit weiten Herzen und offenen Händen. Zu wünschen bleibt, dass diese wunderbare Humanität Ausstrahlung hat auf eine neue Weltinnenpolitik. Denn die steht noch aus.

Welt ist Gottes Geschenk

Dann würde 2015 ein wirklich hoffnungsvolles Jahr werden, das uns alle wachrüttelt und die Menschheit in ihrer Verantwortung füreinander zusammenführt. Ein sehn-süchtiger Traum, der schnell und endlich auf die Erde muss. Damit nicht immer mehr Menschen durch Armut, Terror, Krieg und Flucht ihr Leben als Trauma erfahren. Ja, die Eine Welt ist Gottes Geschenk an uns. Sie für alle menschenwürdig und bewohnbar zu machen ist unsere gemeinsame Aufgabe. Nicht mehr und nicht weniger.

Hintergründe und Aktuelles zu Flüchtlingen

In der Konzentration auf das, was ist,
kann sich so etwas wie ein Raum öffnen,
ein Gewahrsam schärfen für die Gegenwart Gottes.

(Carsten Tag)

Carsten Tag

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages / rusm

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