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Anne Frank Themenspecial

Mit Video: Ein Ableger der Anne-Frank-Kastanie in Frankfurt trotzt einem Angriff

Christian F. SchmidtEine Kastanie ist in Nahaufnahme vor der Anne-Frank-Schule im Frankfurter Stadtteil Dornbusch zu sehen.Ableger der Kastanie aus Anne Franks Tagebuch in Frankfurt-Dornbusch

Eine Kastanie spendete Anne Frank in ihrem Versteck Trost. Ein Tochterbaum stand in Frankfurt am Main – bis unbekannte Täter ihn absägten. Aber das Symbol des vor 75 Jahren ermordeten jüdischen Mädchens haben sie nicht zerstören können.

"Fast jeden Morgen gehe ich auf den Dachboden hinauf, um die stickige Luft aus meinen Lungen zu pusten", schrieb Anne Frank in ihr berühmtes Tagebuch. "Vom meinem Lieblingsplatz aus auf dem Boden sehe ich hinauf in den blauen Himmel und in den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen wie Silber glitzern. So lange wie dies existiert, so dachte ich, werde ich leben mögen, um dies zu sehen, diesen Sonnenschein, diesen wolkenlosen Himmel."

Diese Kastanie im Hinterhof eines Nachbarhauses war Anne Franks einzige Verbindung zur Natur in ihrem Versteck in Amsterdam. Ableger jenes Baums, der ihr Trost spendete, stehen überall auf der Welt, auch vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York. Und seit 2008 vor der Anne-Frank-Schule im Frankfurter Stadtteil Dornbusch. Bis eines Nachts im Dezember 2013 Unbekannte kamen, das gut zwei Meter hohe Bäumchen absägten und mitnahmen.

"Ein Symbol der Freiheit"

"Die Schüler haben mit offenem Mund dagestanden", erinnert sich die stellvertretende Schulleiterin Monika Peuser. "Sie haben gefragt: Wer macht so was?" Die Polizei hat nie Hinweise auf die Täter finden können. »Der Fall ist nach wie vor ungeklärt«, sagt der Frankfurter Polizeisprecher Manfred Füllhardt.

Mögliche Täter gibt es nicht nur im rechtsextremen Lager. Schüler oder Nachbarn, die Angst hatten, dass der Baum ihnen das Licht nehmen würde, sind zumindest denkbar. Nichts davon hat sich jedoch bestätigt. "Es liegt schon nahe, dass das Ganze einen antisemitischen Hintergrund hatte", sagt Peuser. Der Baum war durchaus bekannt – bei seiner Pflanzung hatten Medien darüber berichtet.

Denn der Baum habe für ihre Schüler hohe Symbolkraft, ergänzt die Schulleiterin Nicola Gudat: "Ein Symbol für Freiheit, auch für gedankliche Freiheit. In unserer Wahrnehmung war das schon ein Angriff." Anne Frank, deren Gesicht in der Schule von vielen Wänden blickt, sei eine Identifikationsfigur für die Schüler. "Identität und Herkunft waren große Themen für Anne Frank, und das sind sie auch für unsere Schüler", sagt Gudat. Rund 80 Prozent ihrer Realschüler haben mindestens ein Elternteil, das nicht in Deutschland geboren ist.

Vom Mutterbaum ist nur noch ein Stumpf übrig

Zunächst schien es, als sei der Verlust unersetzlich. Denn vom Mutterbaum im Amsterdamer Hinterhof ist nur noch ein Stumpf übrig. Während eines Sturms brach die durch einen Pilz vorgeschädigte Weiße Rosskastanie am 23. August 2010 ab.

Wenn es wirklich die Absicht der Täter in Frankfurt war, ein Symbol des Gedenkens an Anne Frank zu zerstören, haben sie ihr Ziel verfehlt. Wie die Nazis zwar Anne Frank, aber nicht ihr Werk vernichten konnten, so hat das Symbol das rabiate Absägen überstanden. Das Bäumchen hat überlebt und wieder ausgetrieben.

Kastanie wird mit Gitter geschützt

"Es war gar nicht sicher, dass es wieder austreibt", sagt Lothar Kehl, damals Schulhausverwalter. Aber das Grünflächenamt habe sich um die Kastanie bemüht. Mittlerweile hat sie sogar zwei kleine Stämmchen, rund drei Meter hoch.

In diesem Jahr kehrt der Todestag Anne Franks zum 75. Mal wieder. Das genaue Datum ist nicht bekannt, die 15-Jährige und ihre Schwester Margot starben im Februar oder März 1945 im KZ Bergen-Belsen. Neuere Untersuchungen des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam datieren den Tod Anne Franks auf spätestens Mitte Februar. Ihr Vater Otto Frank gab später Anne Franks Tagebuch heraus, das zu den meistgelesenen Büchern der Welt zählt.

Das Jüdische Museum in Frankfurt zeigt in einer Dauerausstellung Gegenstände aus dem Familienbesitz der Familie Frank. Anne Franks Cousin Buddy Elias (1925–2015) hat diese Gegenstände dem Museum als Dauerleihgaben überlassen.

Ein Gitter schützt mittlerweile die Kastanie der Anne-Frank-Schule dagegen, dass noch einmal jemand mit einer Säge vorbeikäme – allerdings nur bis zu einer gewissen Höhe. "Eine 100-prozentige Sicherheit dagegen wird es nie geben", sagt die stellvertretende Schulleiterin Peuser.

Denn nicht nur der Anne-Frank-Baum in Frankfurt besteht weiter. Sondern auch der Hass auf das, wofür er steht.

[Nils Sandrisser]

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.

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