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Gastbeitrag zum 9. November

Ermutigung, über Verbrechen des Nationalsozialismus zu sprechen

© Hans Georg Vorndran / fundus-medien.deLiberalen Synagoge in DarmstadtDiese Bruchstücke der Liberalen Synagoge in Darmstadt sind Zeugen der Schrecken des Novemberpogroms

Am 9. November wird an die Opfer der Novemberpogrome der Nationalsozialisten gedacht. Anlässlich dieses Tages zeigt sich Pfarrerin Andrea Thiemann in einem Gastbeitrag für ekhn.de bestürzt darüber, dass antisemitische Vorfälle gegenwärtig von Jahr zu Jahr zunehmen. Sie plädiert dafür, die Ignoranz und Sprachlosigkeit zu überwinden und sich zu fragen: "Warum musste unsere Schwester im Glauben, das Judentum, von Christ:innen so abgewertet, diskriminiert und verfolgt werden?"

Statement im Gastbeitrag von Pfarrerin Andrea Thiemann und Vorsitzende von ImDialog, dem evangelischen Arbeitskreis für das christlich-jüdische Gespräch in Hessen und Nassau zum 9. November 2022:

Wir reden zu wenig!

Es ist ein Phänomen unserer Zeit, dass nicht nur die religiöse Erziehung auf Schule und Kirche ausgelagert wird. Nach meiner Erfahrung mit Jugendlichen in unserer Kirchengemeinde sprechen sie zu Hause in der Regel auch nicht über den Nationalsozialismus. In Familien wird selten darüber diskutiert, wie es im Land der Dichter und Denker dazu kommen konnte, dass 6 Millionen Jüdinnen und Juden durch industriell organisierten Massenmord getötet wurden.

Nicht einmal über den Anschlag auf betende Menschen in der Synagoge von Halle am Jom Kippur im Oktober 2019 wurde mit den Jugendlichen aus jenem Konfirmanden-Jahrgang in ihren Familien gesprochen!

Zum Austausch und zur Informationsquelle Nummer eins sind die sozialen Netzwerke und das Netz geworden. Im Zeitalter des Internets, in dem nahezu alles verfügbare Wissen jederzeit für alle zugänglich ist, stellen wir fest, dass dagegen aktives Wissen kaum noch vorhanden ist. Nicht nur von ganz jungen Leuten habe ich den Satz gehört: „Wozu soll ich mir etwas merken, ich kann ja alles googeln“!

Manchmal habe ich den Eindruck, Menschen fehlt es schlicht an Hintergrundwissen, um überhaupt zu bemerken, wenn sie mit antijüdischem oder antisemitischem Gedankengut konfrontiert werden und es selbst reproduzieren. Vergleiche mit Anne Frank oder Sophie Scholl im Corona Lockdown sind nicht nur völlig verfehlt. Vergleiche wie diese sind vor allem peinlich, weil sie mehr über mangelnden Bildungsstand in unserer Gesellschaft und fehlende Empathie Fähigkeit aussagen als über diese verwirrten jungen Frauen.

Unter jungen Leuten wird die Meinungsfreiheit, das Recht auf die eigene Meinung so hoch gehalten, dass sie für die Grenzen dieser Freiheit kaum mehr Gespür zu haben scheinen. Es ist gefährlich, in sozialen Netzwerken zu widersprechen. Zu groß die Gefahr „raus zu fliegen“ oder einem „Shitstorm“ ausgesetzt zu werden.

Ja, Antisemitismus ist kein Phänomen von gestern. Im Gegenteil: antisemitische Vorfälle nehmen nachweislich von Jahr zu Jahr weiter zu. Möglicherweise auch deshalb, weil wir es zulassen, dass die Schwelle des „Man-wird-ja-wohl-noch-sagen-dürfen“ selbst im Bundestag immer weiter herabgesetzt wird. Wir haben es immer noch nicht im Griff, rechtem Gedankengut mit den Mitteln der Demokratie etwas tatsächlich Wirksames entgegen zu setzen.

Der markige Spruch, dass antisemitischen Straftaten mit „der ganzen Härte des Gesetzes“ begegnet werde, ist kein Zeichen gesellschaftlicher Stärke, sondern ein pädagogischer und bildungspolitischer Offenbarungseid, wenn es längst zu spät ist!

In christlichen Kirchen erleben wir heute eine Art von ängstlicher Vergesslichkeit. Wir nennen sie Israel Vergessenheit. Ich gehe davon aus, dass fast alle Pfarrerinnen und Pfarrer inzwischen mehr oder weniger sensibilisiert sind für offenen und versteckten Antijudaismus in traditioneller kirchlicher Auslegungstradition und sogar bei unserem „protestantischen Helden“ Martin Luther.

Es gibt auch genug kirchliche Erklärungen, die zur Umkehr aufrufen und ein theologisches Umdenken befördern wollen. Und dennoch besteht große Unsicherheit darin, wie das Verhältnis zwischen Jüd:innen und Christ:innen theologisch so benannt und gepredigt werden kann, dass beide Zugänge zum Ewigen gleichwertig nebeneinander existieren, ja sogar von Gott gewünscht sind.

Leichter fällt es, in vielen Kirchengemeinden die jüdische Seite der Bibel, Jesu Jude sein, schlicht nicht zu benennen und außen vor ihren Gottesdiensten zu lassen. Ignoranz – das Nicht-Wissen-Wollen – überwiegt gegenüber einem aktiven Ringen um ein neues Verhältnis zwischen christlichen und jüdischen Menschen.

Wenn aber bei den „Schwestern im Glauben“ keine Auseinandersetzung miteinander stattfindet, wie erklären wir unseren Kindern und Jugendlichen dann lobenswerte, richtige und überaus wichtige Sätze wie diese aus dem Statement der EKD zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht 2018?

„Christlicher Glaube und Judenfeindschaft schließen einander aus.
Antisemitismus ist Gotteslästerung.“

Wir kommen weder um eine theologische Neuorientierung herum, noch um die Erinnerung an unsere vor Missachtung und Gewalt gegen Juden nur so strotzende Kirchengeschichte. Diese eigene Gewaltgeschichte generationsübergreifend zu bedenken und uns davon abzukehren, führt zu einem wertschätzenden Zugang zu jüdischem Denken. Und sie führt uns auch zu der Frage: „Warum musste unsere Schwester im Glauben, das Judentum, von Christ*innen so abgewertet, diskriminiert und verfolgt werden? Diese Frage ist heute am 9. November besonders naheliegend. Erinnerung ist Aufruhr auch gegen die eigenen christlichen bis in die Gegenwart wirksamen judenfeindlichen Traditionen.“ (Vgl. Staffa, Kurztext, Christliche Stimme zu Sachor beziehungsweise 9. November, zuletzt abgerufen 18.11.2021)

ImDialog, evangelischer Arbeitskreis für das christlich-jüdische Gespräch in Hessen und Nassau

mehr über den 9. November

Es geht darum, die Menschen zu werden,
die wir in Gottes Augen sind.
Und es geht darum, das zu leben,
was wir in Gottes Augen sind!

(Volker Jung)

Volker Jung

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von Quelle: gettyimages, stockam

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