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Konflikt im Irak

Eziden warnen vor Völkermord

Patrick WurmbachKerzen für Eziden im IrakKerzen für Eziden im Irak

Die hessischen Eziden fürchten einen Genozid an ihren Glaubensbrüdern im Irak. Radikal-islamische Kämpfer haben die Stadt Sinjar eingenommen, tausende Zivilisten sitzen bei sengender Hitze ohne Nahrung in den Bergen fest. Aus Solidarität fastet und trauert die hessische Gemeinde.

Patrick WurmbachIrfan Ortac telefoniert mit Eziden im IrakIrfan Ortac telefoniert mit Eziden im Irak

Die hessischen Eziden rufen zur Unterstützung für ihre Glaubensbrüder im Nordirak auf. Mit einem Tag der Trauer haben rund 200 Mitglieder der Gemeinde in Lollar am Mittwoch an die verfolgten Eziden gedacht und wie die Flüchtlinge auf Essen und Trinken verzichtet.

Hunderttausende sind geflohen

Nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks UNHCR befinden sich 20.000 bis 30.000 Menschen in den unwirtlichen Bergen nördlich der Stadt Sinjar, wo es weder Wasser oder Lebensmittel gibt. Insgesamt sollen 200.000 bis 390.000 Menschen geflohen sein, viele davon in das vom Bürgerkrieg zerrüttete Syrien. „Die Situation ist sehr katastrophal. Die Menschen haben weiterhin Durst, keine Nahrung und pure Angst davor, abgeschlachtet zu werden“, erklärt Irfan Ortac aus dem Gemeindevorstand der Eziden in Lollar. Seine Gemeinde versuche, täglich mit Glaubensbrüdern und Glaubensschwestern im Irak zu telefonieren, was sich jedoch schwierig gestaltet.

Radikale Sunniten verfolgen andere Glaubensrichtungen

Die Eziden fliehen vor der heranrückenden Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS), die am 29. Juni das Kalifat „Islamischer Staat im Irak und in der Levante“ ausgerufen hat. Die sunnitischen Kämpfer gehen gegen die Angehörigen anderer Glaubensrichtungen vor. „Alles, was nicht sunnitisch ist, wird verfolgt“, erklärt Ortac. „Auch Christen, Mandäer, Sabäer und Kakai.“

Radikale Muslime halten Eziden für Teufelsanbeter

Allerdings haben die Christen einen Vorteil, der ihnen das Leben retten kann: Die Bibel. „Alle nicht-sunnitischen Religionen haben die Wahl bekommen zu gehen, zu konvertieren oder – das betrifft die Christen und die Schiiten – eine hohe Steuer zahlen“, erläutert Susanna Faust-Kallenberg, Beauftragte für interreligiöse Fragen im Zentrum Ökumene der EKHN. Der Koran fordere seine Gläubigen zum Respekt gegenüber Schriftreligionen auf. Die ezidische Religion aber werde mündlich weitergegeben. „Und dann haben Eziden nach Ansicht der Muslime so häretische Ansätze wie die Teufelsanbetung. Damit haben sie überhaupt keine Chance“, so Faust-Kallenberg. Die Eziden sind Monotheisten und glauben an einen Gott, der allmächtig ist. Zudem verehren sie einen obersten Engel Tausi-Melek, den sie als Pfau darstellen. Den sehen Muslime laut Faust-Kallenberg als gefallenen Engel – und damit als Teufel.

Mord und Massenvergewaltigungen in Sinjar

Nach Angaben der hessischen Eziden haben die IS-Truppen am 2. August die Stadt Sinjar eingenommen. „Die Verfolgung ist erbarmungslos“, berichtet Ortac. „Sie greifen die Dörfer an, verschleppen junge Mädchen, töten alte Menschen, Kinder und junge Männer.“ Mindestens 100 ezidische Mädchen seien allein aus Sinjar für Massenvergewaltigungen entführt worden. „Die internationale Weltgemeinschaft muss sofort handeln und diese Menschen beschützen“, fordert Ortac. 

Bundeswirtschaftsminister verspricht finanzielle Hilfen

Nach einem Gespräch mit Ortac und anderen Mitgliedern der ezidischen Gemeinden in Deutschland habe sich Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) am Dienstag in Berlin bewegt gezeigt und 4,5 Millionen Euro für Hilfsmaßnahmen zugesagt. An finanziellen Mitteln solle es nicht scheitern: „Was immer die internationale Gemeinschaft an humanitären Hilfsmitteln und Materialien für notwendig hält - Deutschland wird seine Hilfe leisten", erklärt Gabriel auf seiner Website. Waffenlieferungen oder einen Bundeswehreinsatz lehnt er allerdings ab. 

Die Eziden (auch: Jesiden, Yeziden)

Die Eziden, auch Jesiden oder Yeziden geschrieben, bilden eine eigenständige Religion, deren Wurzeln bis in vorchristliche Zeiten reichen. 

Im Glauben der Eziden findet sich eine Mischung verschiedenster Einflüsse aus der persischen Region. Diese reichen vom antiken Mithras-Kult über den Islam, das Christentum und den Zoroastrismus bis hin zum Hinduismus und Buddhismus.

Eziden sind Monotheisten

Eziden glauben an einen Gott, sind also Monotheisten. Dieser Gott gilt als allmächtig und wird von sieben Engeln unterstützt. Am bekanntesten ist der oberste Engel Tausi-Melek, der oft als Pfau dargestellt wird. Eine Hölle oder das Böse als Gegenspieler Gottes aber gibt es nicht. Dies wäre nicht mit der Allmacht Gottes vereinbar. Eziden glauben an die Seelenwanderung: Jeder kann durch sein Handeln beeinflussen, in welcher Gestalt er das nächste Leben bestreitet. Sie praktizieren eine Art Taufe, männliche Eziden werden beschnitten.

Eziden leben im Kastensystem

Ezide kann man nur durch Geburt werden. Ihre Gesellschaft ist in Kasten gegliedert: Die der Laien („Murid“) und die der Geistlichen, die wiederum aus zwei Kasten, den „Sheikh“ und den „Pir“ besteht. Eziden missionieren nicht und heiraten nur untereinander. Dabei müssen sie ihre Partner innerhalb der eigenen Kaste finden. Jeder Familie der geistlichen Kasten sind von Geburt an Murids zugeordnet, der Kontakt zwischen den Kasten ist also anders als im Hinduismus erwünscht, bzw. gefordert.

Eziden sind Kurden

Ethnisch gesehen sind die Eziden Kurden und sprechen das nordkurdische Kumanji. Sie hatten nie einen eigenen Staat, lebten aber meist in Gebieten, die heutzutage in Teilen zu Irak, Syrien, Iran und der Türkei sowie zu Armenien und Georgien gehören. Ihr Hauptpilgerort ist Lalesch im Norden des Iraks. Wie viele Eziden es gibt, ist unklar. Die Gesellschaft für bedrohte Völker schätzt ihre Zahl auf 800.000 weltweit, 600.000 davon im nördlichen Irak. 45.000 bis 60.000 sollen in Deutschland leben, viele sind bereits in den 1960er Jahren als Gastarbeiter eingewandert. Die hessische Gemeinde in Lollar hat rund 700 Mitglieder.

Ich merke, der weite Raum
entsteht nicht in mir und durch mich.
Er entsteht, weil andere da sind,
die mir Räume eröffnen,
gnädig umgehen mit meinen Schwächen,
sich einsetzen für einen menschenwürdigen Umgang
mit allen Menschen.

(Melanie Beiner zu Psalm 31,9)

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