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Corona-„Spaziergänge“

Kirche und Corona-Demos: Verständnis oder klare Kante?

© Andreas Fauth / fundus.ekhn.deAuf den Stufen vor dem Lutherdenkmal stehen brennende Kerzen. Eine evangelische Pfarrerin und ein katholischer Priester sprechen gemeinsam die Menge an.Die Kirchen beteiligen sich an einer Mahnwache am 17. Januar 2022 zum Gedenken der Opfer der Pandemie in Worms (mit Gebet der ev. Dekanin Jutta Herbert und des kath. Dekans Tobias Schäfer)

In Worms haben die beiden großen Kirchen zu einer Mahnwache am Wormser Lutherdenkmal eingeladen. Sie wollte damit auch ein Zeichen gegen die sogenannten Montagsspaziergänge von Coronagegnern setzen. Wie findet die Kirche den richtigen Weg zwischen klarer Kante und Verständnis?

Vor dem Lutherdenkmal in Worms brennen Kerzen für die 115 Corona-Toten, die allein in dieser einen Stadt bislang zu beklagen waren. Rund 300 Menschen haben sich vor dem Monument des Reformators zu einem ökumenischen Gebet versammelt - genau an dem Ort, an dem sonst regelmäßig Gegner der Corona-Politik zu ihren nicht angemeldeten „Spaziergängen“ starten. „Wir nehmen wahr: Unsere Gesellschaft ist tief gespalten“, sagt der katholische Dompropst Tobias Schäfer. Dabei sei das Land gerade jetzt auf Solidarität angewiesen.

Seit Wochen mobilisieren Corona-Gegener  

Seit Wochen mobilisieren die Gegner der Corona-Maßnahmen flächendeckend in ganz Deutschland zu Protesten. Zunehmend formiert sich dagegen auch Widerstand. „Unsere Geduld ist am Ende“, heißt es etwa im Wormser Aufruf von SPD, Linken, Grüner Jugend und Flüchtlingshilfe-Organisationen zum Gegenprotest. Auch die evangelische und die katholische Kirche in der Stadt beschlossen, dass es Zeit sei, ein eigenes Zeichen zu setzen. Auch anderenorts stehen die Kirchengemeinden vor der Frage, ob und wie sie sich in der aktuellen Auseinandersetzung positionieren sollen.

Kirchen sollen klare Kante zeigen  

Eine pauschale Antwort auf die Frage gebe es nicht, sagt Matthias Blöser, Politikwissenschaftler im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau: „Es ist immer die Frage: Wer dominiert die Proteste und wer läuft da mit?“ Kleinere Aktionen in Großstädten ließen sich eher ignorieren als auf dem Dorf. Spätestens, wenn Impfgegner mit Davidsternen Parallelen zwischen NS-Terror und Anti-Corona-Politik zögen, sei es aber an der Zeit für die Kirchen, „klare Kante“ zu zeigen.

Gemeinden müssen Vielfalt aushalten 

„Wir wollen eine Kirche mit klarem Profil sein und gleichzeitig eine Vielfalt von Meinungen aushalten“, benennt Wolfgang Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin das Dilemma. Bei vielen ethischen Fragen ließen sich gegensätzliche Haltungen theologisch begründen, und das gelte auch für die Impfpflicht. Zur Streitkultur im Protestantismus gehöre, dass man trotz aller Meinungsverschiedenheiten letztlich am gemeinsamen Bekenntnis festhalte. Sorgen mache ihm, dass festgefügte Feindbilder bei den Maßnahmengegnern zur Abschottung gegenüber Andersdenkenden führten: „Dann wird es sektenhaft.“

An Corona-Tote und überlastete Krankenhäuser  erinnern

Falsches Verständnis für Verschwörungserzählungen sei nicht angebracht, sagt Matthias Blöser. „Generell machen diese Demos auch etwas mit der Grundstimmung in diesem Land“, warnt er. Aber Kirchengemeinden müssten auch souverän mit legitimer Kritik umgehen. Ihre Vertreter sollten ebenfalls auf ihre Wortwahl achten und in der Auseinandersetzung mit der „Spaziergänger“-Szene auf eine „Übersimplifizierung“ verzichten. Während andere Gegendemonstranten den „Spaziergängern“ zuweilen eher schlichte Parolen wie „Nazis raus“ entgegenrufen, sollten kirchliche Vertreter eigene Positionen klarmachen, etwa an die Corona-Toten und die hoffnungslos überlasteten Pflegekräfte erinnern.

Mit der Presse will aus der Corona-Demo niemand zu tun haben  

In Worms haben sich die evangelische und die katholische Kirche genau für diesen Ansatz entschieden. Zu Beginn des ökumenischen Gebets wird sogar ein einzelner Demonstrant gebeten, sein Plakat mit der Aufschrift „Impfen statt Schimpfen“ zu senken, da politische Losungen jetzt unpassend seien. Kurz nach dem Ende der Mahnwache versammeln sich dann bereits die ersten „Spaziergänger“ am weltgrößten Lutherdenkmal. An diesem Abend werden es wieder rund 400 werden. Keiner der Angesprochenen möchte über seine Beweggründe reden, da die Presse ohnehin nur Lügen verbreite. 

Von Karsten Packeiser (epd)

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