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Zum Tode von Ernst Klee

Männliche Pfarrfrau und investigativer Journalist

Walter H. Pehle / fischerverlageErnst Klee verstarb Ende Mai 2013.

Der bekannte Journalist, Theologe und Historiker Ernst Klee ist tot. Ein persönlicher Nachruf von Dr. Eberhard Martin Pausch.

Kennengelernt habe ich ihn 1973. Ich war damals zwölf Jahre alt und Konfirmand in einer Frankfurter Kirchengemeinde. Ernst Klee war der Mann unserer jungen Pfarrerin, Elke Klee. Für uns war er ein großer Kumpel und prima Ratgeber. Wir spielten Fußball mit ihm oder Schach, und er begleitete uns als Teamer auf Freizeiten. Sommer 1975 in Kärnten! Ich werde diese Zeit niemals vergessen. Ich habe ihn so erlebt, wie er sich selbst beschrieb: als „männliche Pfarrfrau“ nämlich.

Tore liebte er mehr als Kirchenlieder

Diese männliche Pfarrfrau half aber nicht nur in der Jugendarbeit mit, nein, sie spülte und putzte im Hintergrund, pflegte den Garten und liebte die blühenden Büsche und Sträucher. Vor allem aber spielte das „Ernstchen“, wie seine Frau ihn manchmal verniedlichend nannte, den geliebten Fußball, den er von seinem Vater gelernt hatte. Denn ein schönes Tor erfreute den Ernst mehr als ein schmalziges Kirchenlied. So schrieb er selbst jedenfalls.

Er hielt ironische Distanz zur Bürgerlichkeit

Ernst Klee war Historiker, Pädagoge, Journalist und evangelischer Theologe in einem. Neun Semester lang hatte er nach seinem am Laubach-Kolleg nachgeholten Abitur Theologie studiert, und schon durch seine Frau blieb er mit den theologischen Themen und Fragen immer in Verbindung, auch wenn sein Berufsweg letztlich eine andere Richtung nahm. Dabei hat er Elke Klee in den 35 Jahren ihres Dienstes in einer Frankfurter Kirchengemeinde auf vielfältige Weise unterstützt. Durch Rat und Tat, durch Zuspruch und Mahnung, durch ironische Distanz vom bürgerlichen Gemeindeleben, durch Hilfe im Hintergrund, die kaum jemand sah, die seine Frau aber täglich spürte.

Seine Bücher zählen zu Standardwerken

In den 70er Jahren schrieb er vor allem über Behinderte, und das erste Buch, das ich von ihm las, war ein Kinderbuch und hieß „Der Zappler“. Wir haben es auch im Kindergottesdienst eingesetzt, in den 70er Jahren. Erst in den Achtzigerjahren, als ich selbst Theologie studierte, lernte ich seine Bücher richtig kennen. Vor allem seine Werke über den Nationalsozialismus bewegten mich sehr. Dass es sogar fahrbare Gaskammern gab, habe ich aus seinem Buch über die „Euthanasie“ im NS-Staat gelernt, und es hat mich tief erschüttert. Zu meiner Hochzeit 1989 schenkte er mir sein Buch über „Die SA Jesu Christi“. Sicher kein übliches Hochzeitsgeschenk, aber es öffnete mir die Augen über die Verstrickung der Kirchen in den Nationalsozialismus und die tiefe Schuld, die wir Christenmenschen in der Zeit des Dritten Reiches auf uns geladen haben. Immer mehr verschob sich sein Forschungsschwerpunkt auf das entsetzliche Unrecht, das im Dritten Reich geschehen war, und Klee fand drastische Formulierungen für das Unfassbare.

Klee nannte die Täter der NS-Zeit beim Namen

Dass die Diakonie im Dritten Reich ein eigenes KZ betrieb, ist aus heutiger Sicht unvorstellbar. Dies aber – gut dokumentiert und nachprüfbar – aus den Akten und Archiven zu erheben, macht es möglich, das Vergangene zu erinnern und der Opfer zu gedenken, die allzu oft vergessen und missachtet wurden. Der investigative Journalist hatte freilich nicht nur die Opfer vor Augen, er wollte und bewirkte vielmehr, dass auch die nicht vergessen werden, die das unvergesslich Schreckliche getan haben. Er nannte Opfer und Täter bei den Namen, und so bleibt er uns im Gedächtnis als einer, der die Wahrheit suchte und dabei unbestechlich seinen Weg ging.

Grimme-Preis für Film über Kleinwüchsige

Eines seiner wichtigsten Bücher, das „Personenlexikon Drittes Reich“, darf heute als Standardwerk in keinem Bücherschrank fehlen, der auf sich hält. Auch der frühere Verwaltungsleiter des Evangelischen Regionalverbandes, Jürgen Telschow, hat es in seinem in diesem Jahr erschienenen Buch über die evangelische Kirche in Frankfurt am Main zwischen 1933 und 1945 selbstverständlich verwendet. Als Mitglied der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte der Evangelischen Kirche in Deutschland (von 2000 bis 2012) begegnete ich immer wieder den Büchern Ernst Klees. Nicht, dass man alles, was er schrieb, kritiklos zustimmungswürdig fand – aber Qualität hatte alles, was er produzierte, und diese Qualität fand Anerkennung. Von den vielen Ehrungen und Würdigungen, die er für sein Werk erhielt, nenne ich hier nur exemplarisch den Adolf-Grimme-Preis (1982, für einen Fernsehfilm über eine Kleinwüchsige), den Geschwister-Scholl-Preis (1997), die Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main (2001) und die Wilhelm-Leuschner-Medaille des Landes Hessen (2007). Eine nicht geringe Auszeichnung ganz anderer Art stellte die Tatsache dar, dass eine Schule für Körperbehinderte in Westfalen seit 2005 den Namen „Ernst-Klee-Schule“ trägt.

Kirchenpräsident würdg Klee als wichtigen Impulsgeber

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Dr. Volker Jung, würdigte Klee zuletzt als einen Menschen, „der durch sein Werk der Erforschung des Nationalsozialismus und der Beziehungen zwischen Kirche und NS-Staat wichtige Impulse gegeben hat“. Vor allem aber habe er zu denen gehört, die „aus christlicher Motivation unermüdlich ihren Mund auftaten für die Schwachen“ – egal, ob es sich dabei um Behinderte, Obdachlose, Strafgefangene, arbeitslose Jugendliche, Sinti und Roma oder all die Opfer des NS-Regimes gehandelt habe.

Personenlexikon zu Auschwitz noch vor dem Tod fertiggestellt

Als Elke Klee mich fragte, ob ich die Trauerfeier für ihren am 18. Mai 2013 verstorbenen Mann, den Hobby-Fußballer, den gelernten Sanitär- und Heizungstechniker, den Laubach-Abiturienten, den studierten Theologen, den freien Journalisten, den vielfachen Preisträger, diese männliche Pfarrfrau, halten könne, war mir dies Pflicht und Ehre zugleich. Im Sommer dieses Jahres wird sein letztes Buch erscheinen, das er trotz schwerster gesundheitlicher Beeinträchtigungen gerade noch fertig stellen konnte. Es wird den Titel tragen: „Auschwitz - Täter, Gehilfen, Opfer. Ein Personenlexikon“. Auch in diesem Buch wird er zweifellos ein letztes Mal den Mund auftun für die Schwachen. Und sein Vermächtnis wird hoffentlich viele andere Menschen in diesem Sinne bewegen und anstecken können.

Der Autor Dr. Eberhard Martin Pausch ist Theologischer Referent im Dezernat 1 der Kirchenverwaltung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Darmstadt. Er war zuletzt von 2000 bis 2012 Referent für Fragen öffentlicher Verantwortung im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland in Hannover.

In der Konzentration auf das, was ist,
kann sich so etwas wie ein Raum öffnen,
ein Gewahrsam schärfen für die Gegenwart Gottes.

(Carsten Tag)

Carsten Tag

Bild: Mit freundlicher Genehmigung von gettyimages / rusm

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