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Beate Jung-Henkel geht in Ruhestand

Visionärin der Hospiz-Idee

(c) Dekanat / Eva Giovannini

Die Rüdesheimer Hospiz- und Klinikpfarrerin Beate Jung-Henkel ist nach 24 Jahren Dienst im Rheingau in den Ruhestand gegangen. Ganz still und fast unmerklich. Coronabedingt. Die Pfarrerin hat die Hospizlandschaft über die regionalen Grenzen hinaus deutschlandweit mitgeprägt.

Beate Jung-Henkel war die erste Hospizpfarrerin in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) und die erste Hospizpfarrerin bundesweit, sie richtete mit dem Ökumenischen Hospiz-Dienst Rheingau bundesweit das erste Hospizzimmer in einem Krankenhaus ein.

Sie ist auch weiterhin Mitglied der Ethikkommission in der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz und Referentin in der Ausbildung von Palliativmedizinern in der Hessischen Landesärztekammer.

Durch Corona von 100 auf Null runtergefahren

„Ich habe das mit dem Ruhestand noch nicht begriffen“, gibt Beate Jung-Henkel zu. Das ist auch schwer, ohne offizielle Verabschiedung. Mit den Coronabeschränkungen ist sie fast „von 100 auf Null“ runtergefahren, sagt sie. „Es ist ungewohnt, ohne Gottesdienste, ohne Rufbereitschaft.“. Einige Aufgaben, die nicht an die Pfarrstelle gebunden waren, bleiben. Für ihre Nachfolgerin Pfarrerin Renata Kiworr-Ruppenthal hat sie alles vorbereitet, um ihr einen guten Übergang zu ermöglichen.

Kleine Hospiz-Gruppe wurde landesweite Vorzeigeeinrichtung

1997 war Jung-Henkel zusammen mit dem heutigen Dekan Klaus Schmid Gemeindepfarrerin in Rüdesheim und versorgte die Gemeindeglieder im Rüdesheimer Krankenhaus. Das gehörte damals noch zur katholischen Kirchengemeinde St. Jakobus. Wo zeitgleich mit ihr der heutige Weihbischof, Dr. Thomas Löhr, seinen Dienst in Rüdesheim begann.

Die Ökumene in Rüdesheim war von Anbeginn ein starkes Band und lief gut. So gut, dass man gemeinsam die Idee, eine Hospizgruppe zu gründen, ziemlich schnell in die Tat umsetzte. Was als kleine Gruppe für Rüdesheim gedacht war, wurde schnell zu einer Vorzeigeeinrichtung für Hessen und darüber hinaus.

Die Hospizidee ins Krankenhaus bringen

„Ursprünglich wollten wir nur eine Hospizgruppe für Rüdesheim gründen“, erklärt Pfarrerin Beate Jung-Henkel. Das Interesse überrollte beide förmlich, so dass im September 2000 ein Verein gegründet wurde, der sich rasant entwickelte und in vielen Belangen der Hospizarbeit heute als Vorreiter gilt. Die Hospizbewegung setzte sich für ein gutes Sterben zu Hause ein. „Das reichte uns aber nicht“, betonte Jung-Henkel, „wir wollten die Hospizidee ins Krankenhaus bringen“. So entstand die Idee zu einer Kooperation mit dem Katholischen Krankenhaus St. Josef in Rüdesheim.

Bedenken wurden schnell ausgeräumt

Dass solch eine Kooperation möglich ist, daran hat der damalige Geschäftsführer des Krankenhauses, Ullrich Wehe, einen wesentlichen Anteil. „Wie bei allen Neuerungen und bei allen Veränderungen traf man auf Bedenken und auf die Sorge, dass die Betonung des Sterbens im Rahmen einer Hospiz-Initiative nicht zur gewünschten Assoziation einer Klinik, nämlich der Genesung, passt. Doch diese Bedenken waren schnell ausgeräumt, auch weil viele Sterbende, Patienten und Angehörige dankbar die Hilfe der Hospiz-Initiative annahmen“, sagte er im Jahr 2010.

Großes Interesse bei den Mitarbeitern

Die Hospiz-Initiative wollte von Anfang an neue Wege in der Hospizarbeit gehen. So war einer ihrer Grundgedanken, dass man nicht nur ehrenamtliche Hospizhelfer – und Helferinnen ausbildet, sondern man wollte gleich zu Beginn Fachkräfte aus den medizinischen Berufen interdisziplinär einbeziehen.

Das Ergebnis: Anstelle der geplanten 12 Teilnehmer für eine erste Gruppe wollten dreimal so viel, nämlich 36 Menschen die Ausbildung machen. Unter ihnen viele Altenpfleger, Krankenschwestern und andere Fachkräfte. „Die Ökumenische Hospiz-Initiative hat zu einer bewussteren Auseinandersetzung der Mitarbeitenden im Krankenhaus mit dem Thema Tod und Sterben geführt“, hob der damalige Geschäftsführer des Krankenhauses Ullrich Wehe hervor.

Die erste Pfarrstelle für Hospizarbeit

Die Arbeit der Hospiz-Initiative um die damalige Gemeindepfarrerin Beate Jung-Henkel zog so weite Kreise, dass die Synode der EKHN, also das oberste Parlament, sich entschied, trotz wirtschaftlich schwerer Zeiten, die erste Pfarrstelle für Hospizarbeit in Deutschland einzurichten.

Dies sollte eine Modellstelle für viele weitere Stellen werden. „Die Stelle zu konzipieren war einer der Höhepunkte in meinem beruflichen Leben“, gibt Jung-Henkel zu. Es sei einfach wunderbar gewesen, neu gestalten zu dürfen und Strukturen aufzubauen. Seelsorge, Gottesdienste, Aus- und Fortbildung, Ethikarbeit und organisatorisches Gestalten waren elementare Bestandteile ihrer Arbeit. Erstmals wurde die Klinikseelsorge mit der Hospizarbeit gemeinsam verortet.

Hospizarbeit ist "per se ökumenisch"

„Das Rüdesheimer  Krankenhaus war meine Gemeinde“, betont die 64-jährige. „Wir haben hier in der Kapelle auch Taufen, Gedenkgottesdienste und Goldene Hochzeiten gefeiert“, erinnert sie sich. Neben den Patienten und ihren Angehörigen hat sie auch die Mitarbeitenden seelsorgerlich begleitet. „Über alle konfessionelle Grenzen hinweg“. Die überkonfessionelle Arbeit gehört zur Klinikseelsorge und zum Hospizgedanken elementar dazu. Genauso wie Hospizarbeit „per se ökumenisch ist“, betont die Pfarrerin.

Hospizidee trotz Gesundheitsreform bewahren

In all‘ den Jahren ging es Beate Jung-Henkel vor allem darum: Die Hospiz-Idee zu leben und in den Mittelpunkt zu stellen. „Der Hospiz-Idee liegt ein urchristliches Weltbild zugrunde. Es geht darum, Menschen beim Übergang in ein anderes Leben zu begleiten. Dazu gehört Demut, Respekt und Achtung vor dem Anderen, unabhängig von Weltanschauung und sozialer Stellung. Bei allen Reformen, auch der Gesundheitsreform 2007, galt es daher für den Hospiz-Dienst stets darauf zu achten, dass diese Hospiz-Idee nicht verloren ging. „Man hat uns deshalb öfter als gallisches Dorf“ beschrieben, was Jung-Henkel als Kompliment auffasste.

In Würde und möglichst schmerzfrei sterben

Der im Jahr 2000 gegründet Verein hat bis heute das Ziel „schwerkranke und sterbende Menschen und ihre Angehörigen zu begleiten, zu unterstützen und ihnen zu ermöglichen, in Würde und möglichst schmerzfrei in ihrer vertrauten Umgebung zu sterben.“

Viele wollen das Krankenhaus nicht verlassen

Und so war es nur konsequent, dass 2005 die Hospiz-Initiative das erste ambulante Hospizzimmer in einem Krankenhaus eröffnete. Auch hier unterstützte das Krankenhaus die Initiative und die Idee, eine Einrichtung für Sterbende in einer Einrichtung der Gesundheitserhaltung zu platzieren. Eine bis dahin fast unmögliche Vorstellung. „Das ist eine hervorragende Ergänzung.

Viele Patienten haben, wenn sie dem Tod nahe kommen, den Wunsch, das Krankenhaus nicht verlassen zu müssen“, sagte der damalige Geschäftsführer Ullrich Wehe anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Vereins. „Es war so wohltuend den Patienten und Angehörigen sagen zu können, dass sie sich um nichts kümmern müssen und es sie nichts kostet. Sie konnten in den letzten Tage und Wochen gut begleitet und versorgt mit ihren Angehörigen in diesem Zimmer leben“, ergänzt Jung-Henkel. Das Hospiz-Zimmer wurde organisiert und getragen vom Verein.

Bis 2016 über 150 Menschen begleitet

In den letzten 20 Jahren wurden vom Hospizdienst 1642 Patienten betreut. Über 150 Menschen wurden im Hospizzimmer bis zum Jahr 2016 begleitet, bis die Palliativstation im Krankenhaus eingerichtet wurde. Heute gibt es 18 ehrenamtliche Hospizhelfer- und Helferinnen und sechs hauptamtliche Hospizschwestern (Palliativpflege-Fachkräfte).

Ein weiterer Höhepunkt im Berufsleben von Beate Jung-Henkel war schließlich das berufsbegleitende Studium „Palliative Care und Organisationsethik“ an der Universität in Wien. Beate Jung-Henkel war über die Jahre stets eine gefragte Ansprechpartnerin für Hospizgruppen, Schulen, Ärzte, Kolleginnen und Kollegen sowie verschiedene Institutionen. „Mir war klar, dass ich noch etwas brauche, um den Anforderungen gerecht zu werden“, sagt sie.

2020 schwerstes Berufsjahr

Man merkt Beate Jung-Henkel an, wie sie für ihren Beruf, und für den Ökumenischen Hospiz-Dienst Rheingau, ja für die Hospiz-Idee brennt. Das letzte Berufsjahr war geprägt durch harte Einschnitte und Veränderungen durch die Corona-Pandemie. Niemals zuvor hatte sie so viele Aussegnungen wie im Jahr 2020.

„Eine so schwierige Zeit habe ich noch nicht erlebt“, stellt sie fest. Dennoch ist sie im Rückblick auch sehr dankbar. „Die Seelsorge stand im Krankenhaus nie in Frage, im Gegenteil“, betont sie. Zum Beginn der Corona-Pandemie hatte sie sich bereits mit dem Ethikkomitee des Krankenhauses auf die gefürchtete Triagesituation vorbereitet, die bis heute zum Glück noch nicht umgesetzt werden musste.

Visionärin und Führungspersönlichkeit

Auch der neue Geschäftsführer, Jens Gabriel, unterstützt den Hospiz-Dienst und die Klinikseelsorge sehr stark. Er selbst bezeichnet Jung-Henkel in der Jubiläumsschrift des Hospiz-Dienstes als „Visionärin und weitsichtige Führungspersönlichkeit.“

„Es war einfach eine wunderbare Stelle“, sagt Beate Jung-Henkel mit einer großen Portion Wehmut. „Die Vielfältigkeit der Stelle war großartig!“ Der große Abschiedsgottesdienst indes, der fehlt. Es ist fast paradox, dass es bei dieser Stelle nur zu kleinen Abschieden hier und da kommen konnte. Irgendwann, soll der Gottesdienst nachgeholt werden, in einem dann passenden Rahmen, so Beate Jung-Henkel.

Wir sind alle darin verbunden,
dass wir von Gott beschenkte Menschen sind –
mit dem großartigen Geschenk des Lebens.

(Volker Jung)

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