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Menschen, die über einen Zebrastreifen gehen

© gettyimages, dmytro varavin

Ein Großteil der Menschen wünscht sich, dass sich die Politik mehr um die Belange der Bevölkerung kümmern soll
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Deutschland ist nicht einfach gespalten: Neue Studie zeigt vier Grundhaltungen

veröffentlicht 11.09.2026

von Presse der Diakonie, Online-Redaktion der EKHN

Nach den jüngsten Wahlen warnen viele gesellschaftliche Gruppen vor einer Spaltung Deutschlands. Eine neue Analyse der evangelischen Arbeitsstelle midi zeigt jedoch: Die deutsche Gesellschaft zerfällt nicht einfach in zwei Hälften. Die Untersuchung identifiziert vier unterschiedliche Grundhaltungen und eine gemeinsame Erfahrung, die sich durch alle Gruppen zieht.

Rechtsextremistisch eingestufte Ausrichtungen bekommen zunehmend Zulauf, viele Menschen befürchten eine tiefe gesellschaftliche Spaltung. Doch die repräsentative Untersuchung „Was uns trennt. Was uns ins Gespräch bringt.“ zeigt ein differenzierteres Bild: Deutschland teilt sich nicht einfach entlang der Linien „links oder rechts“ oder „pro oder contra Demokratie“. Die Analyse der evangelischen Arbeitsstelle midi und der Diakonie Deutschland beschreibt vier annähernd gleich große Gruppen, die sich in Sorgen, politischen Erwartungen und ihrem Vertrauen in demokratische Institutionen unterscheiden.

Vor dem Hintergrund des Wahlergebnisses in Sachsen‑Anhalt, wo die AfD am 6. September stärkste Fraktion wurde, liefert die Studie “Was uns trennt. Was uns ins Gespräch bringt.”  wichtige Hinweise darauf, wie gesellschaftliche Polarisierung entsteht – und warum einfache Erklärungen nicht ausreichen.

Gemeinsamkeit: Politik sollte sich mehr um die Belange der Bevölkerung kümmern

Trotz aller Unterschiede zeigt sich eine deutliche Gemeinsamkeit: Viele Menschen haben das Gefühl, dass ihre Anliegen politisch nicht wahrgenommen werden. In den demokratieskeptischen Gruppen sind weniger als vier Prozent der Ansicht, Politikerinnen und Politiker kümmerten sich um die Sorgen der Bevölkerung. Doch selbst in den demokratiebefürwortenden Gruppen teilt nur knapp ein Fünftel diesen Eindruck. Diakonie‑Präsident Rüdiger Schuch betont: „Wir müssen anerkennen, dass viele Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, von der Politik übersehen zu werden.“ Er beschreibt die Lage: „Wenn Menschen auf dem Land monatelang auf Arzttermine warten, Züge unzuverlässig fahren oder die Mieten und Energiekosten das Budget sprengen, muss die Bundesregierung das ernst nehmen.“  Er fordert eine Sozialpolitik, die konkrete Lösungen für den Alltag bietet. 

Die vier Grundhaltungen im Überblick

Enttäuschte Ungehörte — 24,1 Prozent, Rundum Verunsicherte — 23,9 Prozent, Progressive Gerechtigkeitskritiker — 24,2 Prozent, Vertrauensvoll Wachsame — 27,9 Prozent

© Forsa, midi

Die vier Grundhaltungen im Überblick
  • Enttäuschte Ungehörte — 24,1 Prozent: Kritisch gegenüber Demokratie, Migration und Islamismus; geringe Bedrohungswahrnehmung durch Rechtsradikalismus; Klimafolgen werden als gering eingestuft. Überrepräsentiert in Ostdeutschland, tendenziell männlich, starke Nähe zur AfD.
  • Rundum Verunsicherte — 23,9 Prozent: Ebenfalls skeptisch gegenüber der Demokratie, aber politisch ungebunden. Große Sorgen über gesellschaftliche Fehlentwicklungen, eher weiblich, nur geringe AfD‑Sympathie.
  • Progressive Gerechtigkeitskritiker — 24,2 Prozent: Vertrauen demokratischen Institutionen, kritisieren jedoch soziale Ungleichheit. Hauptsorgen: Rechtsextremismus und Klimakrise. Nähe zu Grünen und SPD.
  • Vertrauensvoll Wachsame — 27,9 Prozent: Hohe Zufriedenheit mit Demokratie und eigenem Leben. Soziale Ungleichheit wird überwiegend als leistungsgerecht bewertet, Mehrheit gegen staatliche Umverteilung. Tendenz zu CDU/CSU.

Wo die Kluft am größten ist: Meinungsfreiheit

Besonders deutlich unterscheiden sich die Gruppen bei der Frage, ob man in Deutschland frei seine Meinung äußern kann. Während 79,5 Prozent der „Enttäuschten Ungehörten“ angeben, man könne seine Position nicht mehr ohne Sanktionen äußern, stimmen dem bei den „Progressiven Gerechtigkeitskritikern“ nur 15,1 Prozent zu. Studienleiter Daniel Hörsch erklärt: „Wer schon vor einem Gespräch befürchtet, die eigene Position nicht offen aussprechen zu können, wird Dialogangebote kaum als aufrichtig wahrnehmen.“ Eine breite Mehrheit knüpfe gelingende Gespräche an Vertrauen, faire Regeln und neutrale Moderation.

Warum Verständigungsorte jetzt besonders wichtig 

Genau hier setzen kirchliche und diakonische Initiativen an – etwa die Verständigungsorte, die geschützte Räume für Austausch schaffen. Hörsch betont: „Ein konstruktives Gespräch beginnt nicht mit einem Konsens, sondern mit dem Vertrauen darauf, dass man ausreden darf und ernst genommen wird.“ Räume für diesen Austausch offenzuhalten, sei in diesen Zeiten wichtiger denn je.

Hintergrund zur Studie

Die Untersuchung „Was uns trennt. Was uns ins Gespräch bringt“ stützt sich auf eine Forsa-Befragung unter 2.014 Personen ab 18 Jahren aus dem Jahr 2024. Auf Basis von 29 Einstellungsitems wurden drei Dimensionen gebildet, aus denen die vier Grundhaltungen hervorgehen. Diese beschreiben Werthaltungen und Dynamiken, keine starren Milieugrenzen.

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