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Was gibt trotzdem Halt?
veröffentlicht 05.11.2023
von Impulspost-Redaktion
Gerade in schwierigen Zeiten wünschen sich Menschen Halt und Sicherheit, einen festen Grund, der nicht wankt. Generationen von Menschen haben erfahren, dass sie in den Höhen und Tiefen ihres Lebens von Gott gehalten sind – trotz aller Widrigkeiten. Lese hier verschiedene Geschichten über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise Halt finden.
Tröstliches Trotzdem
Der Vers aus dem 73. Psalm als ermutigendes Wort
Von Bernd Nagel, Pfarrer und Studienleiter für Seelsorgeaus-, fort- u. -weiterbildung im Zentrum Seelsorge und Beratung der EKHN
Zu Beginn der 80er Jahre war ich Oberstufenschüler und es war Krisenzeit. 1980 begann der Protest gegen die Startbahn 18 West am Frankfurter Flughafen aus Sorge um die Umwelt und eine Lebensperspektive in zerstörter Natur. Ebenfalls 1980 setzte der Golfkrieg zwischen Iran und Irak ein und verbreitete Schrecken.
Dieses trotzdem sei ein ermutigendes Wort gegen Belastung und Gefährdung
Zuvor bereits, 1979, zwang der Beginn des Krieges in Afghanistan 5 Millionen Menschen zur Flucht aus dem Land. Und 1981 demonstrierten 300.000 Menschen in Bonn gegen den Nato-Doppelbeschluss zur nuklearen Aufrüstung im Sinne der Abschreckungslogik.
In dieser Krisenzeit mit vielen äußeren Konflikten und Spaltungen im Inneren der Gesellschaft erhielt ich als Geschenk zum 19. Geburtstag ein Buch mit Predigten des Theologen Karl Barth.
Die erste Predigt aus dem 73. Psalm spricht von einem kräftigen Trotzdem
Gleich die erste Predigt, die in diesem Buch abgedruckt ist, spricht von einem kräftigen Trotzdem. Karl Barth predigte 1954 in der Baseler Strafanstalt über einen Vers aus dem 73. Psalm. Der Mensch, der den Psalm ursprünglich gebetet hat, sagt zu Gott:
„Trotzdem bleibe ich stets bei dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.“
Barth predigt, dieses trotzdem sei ein ermutigendes Wort gegen Belastung und Gefährdung. Er spricht von dem großen Kummer einer Welt, die nicht in Ordnung ist, die vielmehr eine verworrene, dunkle und gefährliche Welt sei. Es kam mir vor, als predige Barth zu Beginn der 80er Jahre. Und es kam mir vor als predige er zu mir in meiner Angst und Sorge und Wut, als ich weiter las: „Und mag die Welt noch so dunkel aussehen, will ich nicht nachlassen im Widerstand, will ich gegen den Strom schwimmen, nicht verzweifeln, sondern Zuversicht und Hoffnung haben.“
Es hat mich getröstet, weil es mich nicht vertröstet hat auf ein ‚Später‘, weil es mich ruhiger, klarer und freier gemacht hat. Der Trost war spürbar in der Vergewisserung, dass ein Streben nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden in Gottes Sinn ist. Der Trost hatte sein Recht in der Zusage, dass Gott mich hält bei meiner rechten Hand.
Im eigenen Trotzdem steckt das Trotzdem Gottes
Im 73. Psalm spricht einer oder eine vor Gott die Verzweiflung darüber aus, dass der Zustand der Welt mit aller Rücksichtslosigkeit, Herrschsucht und Gewalt an der Existenz Gottes zweifeln lässt. Es wird nicht verschwiegen, dass die fürchterlichen Seiten der Wirklichkeit die Nähe Gottes verschließen können. Und doch folgt das Trotzdem im Psalm, mit dem das Aufbegehren laut wird, das Aufbegehren gegen die krisenhaften Zustände, das Aufbegehren gegen einen zulassenden Gott vielleicht auch und das Aufbegehren gegen den Zweifel ganz sicher.
Dieses Trotzdem kann nur gelingen im Vertrauen darauf, dass Gott Halt gibt. Durchhalten, weil Gott hält. Bleiben, weil Gott bleibt. Im eigenen Trotzdem steckt das Trotzdem Gottes. So kann der Beter oder die Beterin des Psalms weitersprechen: „Wenn Leib und Seele Entbehrung erfahren, dass ich fast zugrunde gehe, so bist du, Gott, doch mein Trost und ein Teil von mir.“
Das Buch mit den Predigten habe ich noch griffbereit und den 73. Psalm sowieso. In den Krisen der 2020er Jahre lese ich darin, wenn ich sorge um oder für meine Seele und die Seele anderer, die mich fragen. Und wir suchen und finden miteinander Trostspuren, die beruhigen und ermutigen, klären und befreien.

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Mehr Trotzkraft für mich
Wie Pipi Langstrumpf, ein brennender Dornbusch und rotziges Beten dabei helfen, Halt im Leben zu finden
Ein Interview mit Buchautorin Christina Brudereck
Nach einem Lockdown mit Kleinkind glaubt man alles aushalten zu können. Ganz nach dem Motto: was mich nicht umbringt, macht mich noch stärker. Das dachte ich zumindest eine Zeit lang, bis mich der Alltag eines Besseren belehrte und das Wort Mental Load auf einmal zum Trend wurde. Hier bin ich nun: eine Mama, die versucht alles zu meistern und dabei manchmal ins Wanken gerät.
Es ist Zeit wieder Halt zu finden, denke ich mir und treffe prompt auf das Buch Trotzkraft. Jackpot! Die Autorin Christina Brudereck gibt in 180 Gedichten, Notizen, Essays und Gebeten Inspiration, wie ich die eigene Resilienz, oder auch Trotzkraft, wiederfinde und stärke. Im Interview gibt sie mir ein paar Vorschläge mit
Brudereck:
Für mich ist Trotzkraft zunächst ein sehr ehrliches Wort. Wenn wir uns anderen Menschen, Gott oder uns selbst anvertrauen, sollten wir uns nicht belügen und ehrlich sein: das Leben ist gerade sehr herausfordernd. Es ist wirklich viel und es zehrt an meinen Nerven. Das ist der erste Schritt.
Frau Brudereck, Sie haben ein Wort für Kraft und Trost finden formuliert und es Ihrem Werk gewidmet. Wie funktioniert Trotzkraft? Wie und wo fange ich an?
Brudereck:
Ja, ich würde sagen das Beten hilft. Aber nicht in dem Sinne, dass ich meine Verantwortung abgebe und denke, dass irgendein:e omnipotente:r Held:in auf Knopfdruck alles richten wird. Das ist Unsinn. Keine Ahnung was Gott genau tut. Gott könnte uns auch genauso gut zurückfragen: ‚Was macht ihr denn gegen Leid und Unrecht?‘ Ich bete dann eher mal rotzig zu Gott. Das hilft.
Sie beschreiben den Prozess zur Trotzkraft in ihrer Textsammlung wie folgt
- dem Unschönen ins Auge blicken, alles raus lassen, ehrlich sein
- sich erden, sich mit anderen und Gott verbinden
- zum Leben sagen: „Ja, ich will!“
Die Schritte klingen einfach und ich bin ehrlich: Helfen Gebete denn wirklich? Ich spüre so viel Leid und Unrecht auf dieser Erde, nicht alles liegt in meiner Hand. Ich bezweifle, dass Gott das Leid mildern kann, wenn ich ihn darum bitte.
Brudereck:
Ja unbedingt! Ich fühle mich dabei immer willkommen. Man braucht nicht höflich zu beten. Ich glaube, dass Gott das locker aushält und sich über ehrliche Gebete freut.
Rotzig beten - darf man das?
Brudereck:
Das sind ja auch meine Rituale. Und Rituale helfen, ob sie mit Gott im Gebet oder anders durchgeführt werden. Ich telefoniere z.B. auch jeden ersten des Monats mit meiner besten Freundin. Das Erden passiert ja meistens auch mit Hilfe von Menschen. Wir sind alle Teil irgendeiner Gemeinschaft. Und da denke ich nicht nur als Christin an meine Gemeinde, sondern vor allem an meine Liebsten oder die Nachbarschaft. Ich würde jedem und jeder in schwachen Momenten raten: Such Dir ein paar Menschen und ei paar Orte,n die Du Kraftorte nennen kannst.
Aber nicht jeder würde beten, um sich zu erden oder die heutige Tageslosung nachlesen.
Brudereck:
Ich habe mir meine 70 zusammengelesen oder erlebt. Da ist eine Astrid Lindgren dabei, sogar eine Pippi Langstrumpf. Wenn ich an sie denke, inspiriert sie mich, mal ein bisschen komisch zu sein und dann mach ich mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt. Oder auch ein Martin Luther King ist dabei. Er erinnert mich daran, dass es schon andere schwere Situationen gab, in denen Einzelne trotzdem aufgestanden sind. Oder meine verstorbene Mutter, die mir mitgegeben hat: ‚Du bist nie allein‘. Obwohl ich sie vermisse, bin ich dankbar für die Erinnerung und ich spüre ihre Botschaft direkt. Da waren andere vor mir, da sind andere neben mir, andere kommen nach mir. In dieser Bande von Menschen und Figuren steckt wahre Kraft und kann Halt geben.
Mir gefällt Text 70 in Ihrem Buch gut: Siebzig Älteste für mich: „Wir fühlen uns oft erschöpft. Alles ist zu viel. Leichtigkeit fehlt.“ So ging es auch Mose in der Wüste. Er heulte sich bei Gott aus und der organisierte dann 70 Älteste, die Mose zur Seite standen. Sie schreiben, Sie hätten ebenfalls 70 Älteste. Wofür stehen sie?
„Ich bin da, weil ich da bin.“
Exodus 3, Vers 14
„Ich bin da. Ich bin der, der ich bin. Ich werde sein, der ich sein werde.“
Trotzkraft, Brudereck, Text 90
Brudereck:
Ich mag den Text total, weil die Deutung offenbleibt. Manche finden JHWE zu kryptisch. Aber Du kannst dich entscheiden: Gott ist entweder deine große Freiheit, die sagt ‚geh einfach los‘ oder dein enger Begleiter. Für manche ist Gott väterlich, mütterlich oder gar elterlich. Manche sagen Gott ist die schönste Idee überhaupt. Es ist die Kraft die mich schützt vor Überheblichkeit oder Überforderung. Ich sage zum Beispiel gerne „die Ewige“. Trotzkraft ist auch ein schöner Name für Gott. Es ist die trotzige Kraft, die immer wieder sagt: „ich glaub an dich“.
Die Impulspost lautet "Ich bin da Trotzdem" Ich liebe den Satz „Ich bin da.“ Ich sage ihn oft zu meinem Sohn, wenn er mal schlecht einschlafen kann. In Exodus 3 kommt er ja auch vor: Gott sprach zu Mose am brennenden Dornbusch „JHWE“.
Gehen Sie mit Ihrem Kind ein Eis essen. Und geben Sie die Trotzkraft damit weiter.
Nach dem Ehrlichsein und dem Erden ist es nun Zeit für Schritt 3: ‚Ja‘ zum Leben zu sagen. Was schlagen Sie vor, sollte ich heute dafür tun?
Persönliche Trotzdem-Geschichten
5 Menschen in Kurzporträts über Halt und Trotz
Wie aus einer aussichtslosen Situation Kraft und Hoffnung schöpfen? Wie Wiederständen begegnen? Wie das Trotzdem in einem selbst wecken? Fünf Menschen erzählen von Lebenssituationen, in denen sie Halt und Trotz verspürt haben.
Annika, 14 Jahre, Hockeyspielerin
Aufgeben keine Option

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„Am Ende ist noch kein Licht, aber ich habe einen Seitenausgang gefunden. Der Krebs ist nicht weg, aber dennoch geht es mir gut.“
Annika, 14, Hockeyspielerin
„Man ist wie in einem Tunnel und will sich nur noch durch die ganzen Chemos, Bestrahlungen und Operationen durcharbeiten, um zum Licht zu kommen. Am Ende ist noch kein Licht, aber ich habe einen Seitenausgang gefunden. Der Krebs ist nicht weg, aber dennoch geht es mir gut. Ich lebe und ich habe Spaß. Aufgeben geht nicht. Ich will auch nicht herumliegen und mich verwöhnen lassen. Das ist voll langweilig, ich will mich bewegen. Ich möchte den Krebs überwinden oder ihn wenigstens nicht mehr spüren.“
Anna-Nicole, 27 J., Präses der Evangelischen Kirche Deutschland
Engagement trotz allem Widerstand macht Anna-Nicole hoffnungsvoll

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„Wir haben einen Gott, der unsere Welt nicht statisch geschaffen hat, der selbst dynamisch ist, der uns trotz allem „Mut zur Veränderung“ macht, der uns begleitet und Hoffnung schenkt.“
Anna-Nicole, 27, Präses der Evangelischen Kirche Deutschland
"... Und wir sind umgeben von so vielen Menschen, die sich engagieren, die sich trotz allem für wichtige Themen einsetzen, das macht Hoffnung. Immer wieder darüber ins Gespräch zu kommen, multipliziert die Hoffnung.“
Roman H., 24, Geschichtsstudent
Roman studiert entgegen aller Erwartungen das, was ihm Spaß macht

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„Trotzdem macht mir das Studium Spaß und das Urteil ist nicht entscheidend für mich.“
Roman H., 24, Geschichtsstudent
„Bis ich 18 Jahre alt war konnte ich mir nichts Anderes vorstellen, als Medizin zu studieren. Ich habe dann einen Test für medizinische Studiengänge abgelegt und mein FSJ im Rettungsdienst absolviert. Aber dann habe ich gemerkt, dass mir eigentlich das Fach Geschichte schon immer viel Spaß gemacht hat und die Medizin nur durch die therapeutischen Berufe in meiner Familie als Idee aufkam. Seitdem ich mich für meine eigene Leidenschaft entschieden habe, muss ich mich im außerfamiliären Rahmen häufig für die ‚brotlose Kunst‘, die ich studiere, rechtfertigen. Trotzdem macht mir das Studium Spaß und das Urteil ist nicht entscheidend für mich.“
Petra, 57, Verwaltungsangestellte
Chor, Verein, Jugendfreizeiten: Es sind die Menschen, um sie herum

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„Das Singen hat mir auch über eine Lebenskrise hinweggeholfen.“
Petra, 57, Verwaltungsangestellte
„Halt im Leben geben mir die Menschen um mich herum. Nach meiner Konfirmation war ich als Jugendbetreuerin in unserer Kirchengemeinde aktiv. Seit ich mich erinnern kann, war ich immer in irgendwelchen Vereinen und Gruppen unterwegs. Heute singe ich in einem gemischten Rock- und Pop-Chor. Das Singen hat mir auch über eine Lebenskrise hinweggeholfen. Wenn ich zurückblicke, bin ich sehr vielen Menschen begegnet die mir auf irgendeine Weise in unterschiedlichen Lebensphasen Halt gegeben haben und denen ich hoffentlich etwas zurückgeben konnte. Die Gemeinschaft und das Miteinander sind für mich wichtig. Heute erkenne ich: Ich habe das große Glück, für mich selbst zu sorgen, das gibt mir ein Stück Sicherheit. Ich genieße jeden Tag, auch wenn es den Anschein hat, kein Tag zu sein, an dem alles gut läuft und dennoch versuche positiv mit mir und meinem Gegenüber zu sein. Psalm 119, Vers 105 ist mein Konfirmationsspruch: Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. Ich mag ihn. Er erinnert mich daran, dass ich meinen Weg nicht alleine gehen muss.“
Stephan, 65, Pfarrer und Journalist
Stephans Motto: Hoffnung gegen den Augenschein

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„Das letzte Worte werden nicht die haben, die mit Ignoranz, Dummheit und Lieblosigkeit diese Welt und das Leben in ihr massiv gefährden, sondern der liebende Gott.“
Stephan, 65, Pfarrer und Journalist
„Im Alltag finde ich Halt im Rhythmus von Schlafen und Wachen, der drei Mahlzeiten, die den Tag einteilen. Sozialen Halt geben mir Familie und Freundeskreis. Zum Halt meiner Identität gehört, dass ich evangelisch bin, Mitglied der evangelischen Kirche, der großen Suchbewegung nach Sinn mit Gott.
Halt in meiner großen Sorge um die Welt gibt mir der Glaube, dass Gott mit seiner Schöpfung etwas vorhat. Das bringt mich immer wieder zu dieser Hoffnung zurück: Das letzte Worte werden nicht die haben, die mit Ignoranz, Dummheit und Lieblosigkeit diese Welt und das Leben in ihr massiv gefährden, sondern der liebende Gott. Es ist eine verzweifelte Hoffnung – eine Trotzdem-Hoffnung, die sich gegen viele Indizien stemmt. Aber ich kann nicht anders als darauf hoffen – und darin Halt finden.“
Im Video-Interview:
Liedermacher Arne Kopfermann spricht über den Verlust der Tochter
Liedermacher Arne Kopfermann hat seine 10-jährige Tochter durch einen Autounfall verloren. Im Gespräch mit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) erzählt er seine Geschichte, die unter die Haut geht. Er spricht über den Verlust, wer und was ihn und seine Familie in dieser schweren Zeit getragen und wie er am Glaubn festgehalten hat. Das Gespräch wurde im Rahmen einer Aktion der EKHN im Herbst 2023 zum Thema "Ich bin da – Trotzdem" geführt.
Video: Trotzdem, auch wenn Gott nicht immer aufpasst – Interview mit Arne Kopfermann
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Die Impulspost unter dem Motto: „Ich bin da – trotzdem“ stellt den starken Zuspruch Gottes im „JAHWE“ in den Mittelpunkt und will Halt in stürmischen Zeiten geben. Generationen von Menschen haben erfahren, dass sie in den Höhen und Tiefen ihres Lebens von Gott gehalten sind – trotz aller Widrigkeiten.


