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Kirchenpräsidentin Tietz: „Als Christin bin ich zutiefst erschüttert“
veröffentlicht 07.09.2026
von Christiane Tietz, Kirchenpräsidentin der EKHN
Zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September hat sich auch die Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Christiane Tietz, wie folgt geäußert und ihrer Erschütterung Ausdruck verliehen:
„Die hohe Wahlbeteiligung bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeigt, dass viele Menschen von ihrem demokratischen Recht zu wählen Gebrauch gemacht haben. Das verdient Respekt. Das Wahlergebnis ist dennoch eine tiefgreifende politische Zäsur. Damit kann zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Landespartei die Regierung übernehmen, eine Partei, die Menschengruppen aufgrund ihrer ethnischen oder religiösen Identität abwertet und unsere demokratischen Institutionen verächtlich macht.
Als Christin bin ich zutiefst erschüttert. Wir sind als evangelische Kirche davon überzeugt:
- Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild. Dem entspricht die Menschenwürde-Garantie unseres deutschen Grundgesetzes.
- Jesus hat sich besonders den Schwachen zugewandt. Dem entspricht in unserem Grundgesetz der Schutz von Minderheiten, der verhindert, dass die Mehrheit die Rechte von Minderheiten beschneidet.
- Menschen sind fehlbar und neigen zum Machtmissbrauch. Dieser Einsicht entspricht die im Grundgesetz festgelegte Rechtsstaatlichkeit und die Gewaltenteilung.
Deshalb setzen wir uns als evangelische Kirche für unsere Menschenwürde-Demokratie ein und schweigen nicht, wenn wir sie bedroht sehen.
Es muss klar sein: Eine Mehrheit ist kein Freibrief. Die Würde jedes Menschen, der Schutz von Minderheiten und die Grenzen des Rechtsstaates gelten unabhängig von politischen Mehrheiten. Wer Regierungsverantwortung übernimmt, trägt Verantwortung für das Wohl aller Menschen – auch derjenigen, die anders denken, anders glauben, anders leben oder woanders herkommen.
Gleichzeitig sind die verbliebenen demokratischen Parteien gefordert. Sie müssen noch besser zuhören, Sorgen ernster nehmen, Probleme lösen – und zugleich klar widersprechen, wenn Menschen abgewertet und aus konkreten Ängsten pauschale Feindbilder werden.
Und wir alle sind gefordert, uns für unsere Menschenwürde-Demokratie einzusetzen, jeden Tag. Als Christin gehört für mich auch das Gebet dazu: für diese Demokratie, für die Menschen, die Verantwortung tragen, und für die Kraft, selbst besonnen und mutig für unsere Demokratie zu arbeiten.
Als evangelische Kirche wollen wir weiter Räume offen halten, in denen Menschen zusammenkommen, einander zuhören und miteinander reden. Unser Land braucht solche Orte. Und es braucht zugleich eine klare Position: Menschenwürde, der Schutz von Minderheiten und der Rechtsstaat stehen nicht zur Wahl. Auch dafür stehen die Kirchen ein.
Dass beides zusammengeht, habe ich kurz vor der Wahl beim Hoffnungskulturfest der evangelischen Kirche Anhalts in Dessau erlebt. 2.500 Menschen kamen dort zusammen und zeigten, wie viel Zuversicht und Bereitschaft zum Miteinander es gibt. Es sind auch solche Begegnungen, die mir Mut für die Zukunft machen.“



