Evangelische Kirche in Hessen und Nassau
Frau spielt vertieft und nachdenklich auf der Geige.

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In den Passionsoratorien wird das Leiden Christi Musik, die Menschen zutiefst berührt.
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Passionsoratorien - ein musikalischer Schatz

veröffentlicht 28.08.2023

von Traudi Schlitt

Die Erzählung hinter den Passionsoratorien ist höchst dramatisch und inspiriert bis heute Komponisten und Komponistinnen sowie Musikschaffende zu Werken über diese Zeit. So darf man sagen, dass die Passionszeit für die Kirchenmusik der Höhepunkt im Jahr ist.

Letzte Tage im Leben Jesu in Töne verwandelt

Worum es inhaltlich in den musikalischen Passionswerken geht, lässt bereits die Wortbedeutung erahnen: „Passio“ bedeutet im Lateinischen „leiden“. Dabei beziehen sich die Werke auf den Leidensweg Jesu: seine Gefangennahme, das Verhör und seine Verurteilung, seine Kreuzigung und Grablegung. Die Versionen der Ereignisse sind in den Evangelien Matthäus, Markus, Lukas und Johannes der Bibel überliefert. Ihre Worte haben Komponistinnen und Komponisten seit Jahrhunderten in Passionen vertont und damit auch musikalische Impulse für die eigene spirituelle Praxis gegeben.

Die Johannespassion von Johann Sebastian Bach mag das bekannteste Passionsoratorium sein, doch die Passionszeit bleibt bis in die Gegenwart ein bestimmendes Element der Kirchenmusik.

Die Passionsgeschichte, also das Leiden Jesu, steht auch in Zusammenhang mit unserem eigenen Leben.

Eugen Eckert

Mann steht mit ausgebreiteten Armen auf einem Berg vorm Himmel.

Nico Smit / Unsplash

Die eigene Spiritualität durch Musik vertiefen.

Ein Thema überdauert die Zeit

Zu allen Zeiten haben Komponierende Werke voller Dramatik geschaffen und damit ihr Publikum in ihren Bann gezogen. Die Erzählung, die sie zum Klingen bringen, ist „höchst dramatisch. Da ist einfach Action in der Geschichte, das haben die Komponierenden genutzt“, so beschreibt Christa Kirschbaum, die Landeskirchenmusikdirektorin der EKHN (LKMDin), einen der Gründe für die immerwährende Faszination an der musikalischen Passion.

Geschichte der musikalischen Passionen

Die Anfänge

Bis ins 5. Jahrhundert n. Chr. geht der Brauch zurück, dass die biblischen Leidensgeschichten während eines Passions-Gottesdienstes vorgetragen wurden. Schließlich wurde die biblische Erzählung vertont und nach und nach kamen weitere Elemente hinzu, wie der Vortrag in verteilten Rollen. Seit dem Mittelalter wurden die Gesänge der Einzelpersonen beispielsweise durch mehrstimmige Ausführungen ergänzt. Diese Figuren und Elemente gehörten meist zur Darstellung: Jesus Christus, ein Evangelist, eine Gruppe wie die Jünger oder Soldaten als Chor (Turbae), Judas sowie eine Frau. Traditionell wurden die musikalischen Passionen in der Karwoche aufgeführt.

Passion in deutscher Sprache durch Einfluss der Reformation

Auch Martin Luther übernahm den Brauch der musikalischen Passion für die evangelischen Gottesdienste. Als Folge der Reformation wurden die Stücke von der lateinischen in die deutsche Sprache übertragen und gestrafft. Im 17. Jahrhundert schafft schließlich der evangelische Komponist Heinrich Schütz drei Passionswerke in eindrucksvoll schlichter Ausführung: die Lukas-Passion, die Matthäus-Passion und die Johannes-Passion. Bei Schütz steht der gesungene biblische Bericht im Mittelunkt. So zeichnet sich seine Johannespassion laut Michael Graf Münster, Kantor an St. Katharinen in Frankfurt, durch eine herausragende sprachliche Virtuosität und szenische Prägnanz aus. Graf Münster hat die Aufführung der Johannespassion von Schütz dirigiert:

Evangelische St. Katharinengemeinde FFM: Johannespassion von Heinrich Schütz zum Hören

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Katholisch geprägte Passionswerke

Während im 16. und 17. Jahrhundert große Passionsstücke für die evangelische Kirchenmusik geschaffen wurden, werden ab dem 18. Jahrhundert wieder mehrere katholisch geprägte Oratorien komponiert, zum Teil auch in deutscher Sprache. Zu diesen Komponisten gehört auch Leopold Mozart, der Vater des berühmten Wolfgang Amadeus. Laut Michael Graf Münster spielt in den katholisch geprägten Werken der Schmerz der Maria, der Mutter Jesu, eine große Rolle. Dabei bezieht er sich auf die Szene unter dem Kreuz, an dem ihr Sohn stirbt. Viele Komponisten haben diese erschütternde Szene aufgegriffen. Zudem haben vor allem katholische Komponisten die sieben letzten Worte Jesu am Kreuz vertont.

Opernähnliche Passionen von Johann Sebastian Bach

Im 18. Jahrhundert hatte Johann Sebastian Bach für die evangelische Kirchenmusik seine Passions-Oratorien geschaffen. Von ihm wurden die Johannes- sowie die Matthäus-Passion vollständig überliefert. „Bach konnte seine Zuhörerinnen und Zuhörer packen“, berichtet LKMDin Kirschbaum. Denn er habe es verstanden, den dramatischen Stoff so zu vermitteln, dass die Aufführungen an Opernszenen erinnern. Neben Gesangssolisten und einem Chor sorgt auch ein Orchester für eindrucksvolle Hörerlebnisse. Zudem wurden sprachliche Erweiterungen ergänzt, denn zusätzlich zum Bibeltext hat Bach auch Kirchenlieder und zeitgenössische Dichtung als Kommentare vertont.

WDR: Johannespassion von Johann Sebastian Bach zum Hören

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Heute: Rock-, Pop, und Jazz-Elemente in zeitgenössischen Werken

Bis heute inspiriert die Passionsgeschichte Komponistinnen und Komponisten. Unter den zeitgenössischen Passions-Oratorien greifen einige weiterhin die Tradition klassischer Musik auf. Zu den wichtigsten gehören laut LKMDin Christa Kirschbaum: Krzysztof Penderecki: Lukas-Passion (1962-1965), Sofia Gubaidulina: Johannespassion (2000) und Wolfgang Rihm: Deus passus (2000). Michael Graf Münster weist hier auf Gunter Martin Göttsches Passionsoratorium „Jerusalem“ aus dem Jahr 2016 hin. 

Andere Werke binden rockige Elemente ein. Beispiel dafür ist die Rockoper „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber aus dem Jahr 1971. Die Matthäuspassion „Christi Kreuz vor Augen“ von 2020 verbindet klassische mit jazzig-poppigen Elementen. Das Werk schlägt zudem die Brücke zwischen den Konfessionen: Der katholische Kirchenmusiker Thomas Gabriel hat es komponiert und der evangelische Pfarrer und Musiker Eugen Eckert hat das Libretto auf der Grundlage des Matthäus-Evangeliums geschrieben und dabei textliche Aktualisierungen und Kommentierungen vorgenommen. Dazu hat auch eine intensive exegetische Vorarbeit und poetische Gestaltung gehört.  

Mit der Fernsehshow "Die Passion" hat 2022 der Fernsehsender RTL die Passionsgeschichte einmal mehr zeitgenössisch und publikumstauglich verarbeitet.

Aspekte der Gegenwart

Aktuelle theologische Forschung spiegelt sich in zeitgenössischen Werken

Auch die neuen Werke orientieren sich am Bibeltext, in die gesungenen Kommentare fließen aber auch die Ergebnisse aktueller theologische Forschung und Diskussion ein. Beispielsweise hat das Werk „Christi Kreuz vor Augen“ die Gedanken der Befreiungstheologie aufgegriffen, die benachteiligten Menschen eine Stimme geben will. So rezitiert in diesem Stück kein Mann den biblischen Stoff, sondern eine Evangelistin. Der Texter Eugen Eckert hat damit Forschungen der evangelischen Theologin Luise Schottroff berücksichtigt, nach denen das Matthäus-Evangelium von mehreren Personen verfasst wurde. Unter ihnen sollen sich auch Frauen befunden haben. Eugen Eckert erklärt: „In der Kirchengeschichte wurden Frauen oft verdrängt, jetzt sollen sie zu Wort kommen.“

Rolle der Jüdinnen und Juden wird reflektiert

Ältere Passions-Oratorien haben teilweise unreflektiert den biblischen Text übernommen, wodurch den damaligen Juden eine falsche, schuldbeladene Rolle zugewiesen wurde. Pfarrer Eckert erklärt, dass in dem zeitgenössischen Werk „Christi Kreuz vor Augen“ durch die „Theologie nach Ausschwitz“ die biblischen Urtexte anders in Szene gesetzt und kommentiert werden. Die Forschungen hätten klar gezeigt: „Damals haben die Römer geherrscht und nur sie haben gekreuzigt.“ Deshalb setzt dieses zeitgenössische Werk zur problematischen Tradition neue Gegenbilder. Neu verfasste Kommentare interpretieren den biblischen Text aus einer zeitgemäßen Perspektive.

Falls ältere Stücke aufgeführt werden, rät LKMDin Kirschbaum dazu, sich im Vorfeld der Aufführung auch mit den schwierigen Aspekten des  christlich geprägten Antijudaismus auseinanderzusetzen, um zu vermeiden, dass eine überholte Theologie ungefiltert an weitere Generationen vermittelt werde. Sie empfiehlt den Veranstaltenden die alten Werke durchaus aufzuführen, dabei aber Musizierende sowie Konzertbesucherinnen und –besucher zur Auseinandersetzung anzuregen. Das könne beispielsweise durch begleitende Texte im Programmheft, Vorträge, Ausstellungen oder durch Projekte umgesetzt werden.

Quellen

Rita Haering

Online-Redaktion der EKHN

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