Evangelische Kirche in Hessen und Nassau
Stadtansicht von Sarajevo mit mehreren Brücken über einen Fluss

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Sarajevo - eine Stadt, die Brücken zwischen Menschen und Religionen baut. Das ist in der Offenheit spürbar, dem entspannten und respektvollen Umgang der Menschen miteinander
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Fragiler Frieden nach Krieg: Was Sarajevo und Srebrenica heute über Versöhnung zeigen

veröffentlicht 09.06.2026

von Online Redaktion der EKHN

Die Menschen in Bosnien-Herzegowina haben Krieg, Hass und Vertreibung erlebt – und ringt bis heute um ein friedliches Miteinander. Eine Delegation um den Auslandsbischof der EKD, Frank Kopania, reiste nach Sarajevo und Srebrenica, um zu sehen, wie Menschen trotz Trauma und politischer Spannungen Wege der Versöhnung suchen. Pfarrer Dr. Andreas Goetze erzählt im Interview, was Mut macht und was weiterhin herausfordert.

Stationen der Reise nach Bosien-Herzegowina

Ein Höhepunkt der Auslandsreise war ein Gespräch mit der höchsten islamischen Autorität des bosnischen Islams, dem Großmufti Hussein Kavazović, dem Oberhaupt der islamischen Gelehrten. Besonders berührend war der Besuch der Gedenkstätte in Srebrenica, die an den Völkermord an den bosnischen Muslimen im Jahr 1995 erinnert. Ein Überlebender des Genozids führte die Gruppe über das Gräberfeld. Weitere Programmpunkte waren u. a. Gespräche in der Synagoge in Sarajevo, in der Islamisch-Theologischen Fakultät, in der Deutschen Botschaft und mit dem Interreligiösen Rat in Sarajevo sowie mit „Progres“, einer NGO, die sich für Dialog, Frieden und die Aufarbeitung der Kriegstraumata einsetzt.

Wie kann Frieden nach einem Krieg entstehen? Und wie finden Menschen nach Gewalt, Verlust und tiefen traumatischen Erfahrungen wieder zu einem Miteinander im Alltag?  Mit diesen und vielen anderen Fragen reiste eine Delegation um den Auslandsbischof der EKD, Frank Kopania, nach Sarajevo und Srebrenica. Vom 13. bis 17. Mai 2026 begleiteten Mitglieder der Konferenz Kirche und Islam der EKD den Auslandsbischof nach Bosnien-Herzegowina. Ziel der Reise war es, die Beziehungen zum europäisch geprägten Islam im Land zu vertiefen und zu verstehen, ob und wie Versöhnung mehr als 25 Jahre nach dem Ende der Jugoslawienkriege wachsen kann.

Zur Delegation gehörte auch Pfarrer Dr. Andreas Goetze, Referent Interreligiöser Dialog im Zentrum Oekumene EKHN/EKKW. Pfarrer Goetze berichtet im Interview von Menschen und Friedensinitiativen, die Hoffnung geben, aber auch von zerbrochenem Vertrauen und zunehmendem religiösen Nationalismus.

Sie waren gerade in Sarajevo – einer Stadt, die vor rund 30 Jahren Krieg, Hass und Vertreibung erlebt hat. Was hat Sie dort am meisten bewegt?

Andreas Goetze: Die Offenheit, der entspannte und respektvolle Umgang der Menschen miteinander. Ich konnte schon einige Male nach Sarajevo reisen. Ich liebe diese Stadt. In Sarajevo wird religiöse Vielfalt sichtbar gelebt und ist nichts Besonderes. Seit Jahrhunderten gibt es dieses Miteinander. Und das ist leider durch den starken ethnisch-religiösen Nationalismus gefährdet. Das merkt man weniger in Sarajevo, aber in anderen Teilen des Landes, besonders in der serbisch dominierten „Republika Srpska“, die ganz nach Russland orientiert ist.

Die Politik lässt die Balkan-Region nicht wirklich zur Ruhe kommen. Christian Schmidt, der Hohe Repräsentant für Bosnien-Herzegowina, hat angekündigt, sein Amt aufzugeben.

Andreas Goetze: Das heutige politische System in Bosnien und Herzegowina ist ein direktes Resultat des Krieges von 1992-1995. Drei politische Systeme nebeneinander, drei Bildungssysteme, drei verschiedene Narrative, die Geschichte zu verstehen. Der Gesamtstaat ist leider schwach. Wenn Christian Schmidt nun sein UN-Mandat niederlegt, hört auch die Stimme der Vernunft auf, der das Gemeinsame suchte. Die Sorge ist, dass die Lage noch instabiler wird.

Woher kommt diese Unsicherheit?

Andreas Goetze: Nach dem Zerfall des Vielvölkerstaates Jugoslawien wurde Bosnien-Herzegowina 1992 ein unabhängiger Staat. Allerdings die einzige Republik, in der nicht eine nationale Gruppe die absolute Mehrheit stellte. In ihr lebten und leben (orthodoxe) Serben, (katholische) Kroaten und die bosnischen Muslime, die seit 1993 offiziell Bosniaken genannt werden. Der Krieg wurde mit größter Brutalität geführt. Die Politik der „ethischen Säuberung“ vor allem durch die bosno-serbischen und bosbo-kroatischen Nationalisten beinhaltete Zerstörungen, Vertreibungen und Massenmord. Grausamer Höhepunkt war die systematische Ermordung von über 8.300 bosnischen Muslimen, davon vielen Kindern und Frauen, in der UNO-Schutzzone Srebrenica durch bosno-serbische Einheiten, die später von internationalen Gerichten als Völkermord eingestuft wurde. Dem einzigen Genozid nach 1945 auf europäischem Boden. Diese Wunden sind bis heute nicht verheilt.

Was bedeutet das für die Zunft des kleinen Landes?

Andreas Goetze: Der höchste Repräsentant der Bosniaken, der bosnischen Muslime, der Großmufti Kavazović sieht dunkle Wolken am Horizont aufziehen. Die Unsicherheit in schon in allen Teilen der Bevölkerung zu spüren. Mit dem Bürgerkrieg ist viel Vertrauen zerstört worden: Nachbarn, mit denen man über Jahrzehnte so gut zusammengelebt hatte, wandten sich von Jetzt auf Gleich gegeneinander. Der Nationalismus ist ein Gift, der das Zusammenleben gefährdet.

Ohne Bitte um Vergebung kann es keine Heilung geben.

Andreas Goetze

Sarajevo wird auch als „Europäisches Jerusalem“ bezeichnet, denn die Bevölkerung gehört traditionell unterschiedlichen Religionen an. Im Stadtbild stehen Moscheen, Kirchen und Synagogen nicht weit voneinander entfernt. Welche Bedeutung hat diese Geschicht

Andreas Goetze: In Sarajevo ist es anders. Hier wird religiöse Vielfalt seit Jahrhunderten sichtbar gelebt und ist nichts Besonderes. Man hört den Ruf des Muezzins ebenso wie die Kirchenglocken. Jüdische Einrichtungen kommen ohne besonderen Schutz aus und sind selbstverständlicher Teil der Gesellschaft. Diese Vielfalt ist historisch gewachsen. Die in Spanien im 15. Jht. vertriebenen Juden fanden Zuflucht im Osmanischen Reich. Auch christliche Gruppen lebten im Balkan. Der Austausch war normal und alltäglich. Trotz des Bürgerkrieges überwiegt das Gefühl, zusammenzugehören – dafür setzen sich insbesondere die Bosniaken und die Franziskaner ein.

Und wie steht es mit den jüdisch-muslimischen Beziehungen nach dem „7. Oktober“?

Andreas Goetze: Die jüdisch-muslimischen Beziehungen sind weitaus selbstverständlicher als bei uns. Das kommt nicht von ungefähr. So haben Muslime im Jahr 1819 entscheidend zur Rettung der jüdischen Gemeinde in Sarajevo beigetragen, die von einem bösen Gouverneur in den Kerker gesteckt worden sind und durch Intervention beim Sultan in Istanbul gerettet worden sind. Von jüdischer Seite wird seitdem ein eigenes Purimfest am 4. Oktober mit der „Buchrolle (hebräisch: „Megilla“) von Sarajevo“ gefeiert.

Die Terrorattacke der Hamas und der sich anschließende brutale Vergeltungskrieg im Gaza-Streifen hat natürlich auch zu Reaktionen geführt. Bemerkenswert ist, so erfahren wir in der Synagoge, dass die Demonstrationen zur Palästina-Solidarität bewusst nicht an jüdischen Einrichtungen in der Stadt vorbeiziehen und mehrheitlich ohne antisemitische Anklänge auskommen. Nicht nur die bosnischen Muslime können sehr wohl zwischen den Juden im eigenen Land und der Kritik an der Politik des Staates Israel unterscheiden.

Man kann nicht über Frieden sprechen, wenn man nicht über die erlittenen Traumata spricht.

Verein „Progres“

Welche offenen Wunden sind heute noch sichtbar und spürbar?

Andreas Goetze: Srebrenica steht für die offenen Wunden, für die fehlende Bereitschaft, sich für die Erinnerung an die Kriegsverbrechen und damit für Versöhnung einzusetzen. Doch ohne Schuld-Eingeständnis ist Versöhnung nicht möglich. Ohne Bitte um Vergebung kann es keine Heilung geben. Leider ist vor allem die serbisch-orthodoxe Kirche bis auf wenige Ausnahmen nicht an einem wirklichen Dialog und an Aussöhnung interessiert.

Konnte dennoch Vertrauen geschaffen werden, wenn Nachbarn sich Schreckliches angetan haben?

Andreas Goetze: Vor Ort gibt es im ganzen Land kleine Friedeninitiativen. Es gibt ja keine Religionsgemeinschaft, die nicht Opfer zu beklagen hätte. Doch vielfach sind die Täter bis heute unbehelligt geblieben. Trotz aller Schwierigkeiten setzen sich vor allem die Frauen sowie die jungen Leute für die Aufarbeitung ein, organisieren gemeinsame Treffen, in denen jede und jeder die eigene Geschichte erzählen kann. Nur so, ihre Überzeugung, kann ihre reichhaltige gemeinsame Geschichte, die religiöse und kulturelle Vielfalt erhalten bleiben. Ihr größter Gegner dabei: die nationalistische Rhetorik.

Wie gehen die Bosniaken, die bosnischen Muslime mit den Ereignissen von Srebrenica um?

Andreas Goetze: Die traumatischen Erlebnisse sind in allen Familien präsent. Auch bei den Bosniaken in Deutschland. Sie erhoffen sich, dass auch bei uns den 11. Juli als Gedenktag für den Genozid stärker Beachtung findet. Der bosnische Islam ist mystisch geprägt, auf Versöhnung ausgerichtet. „Als Muslime sind wir sehr stolz darauf, dass es von muslimischer Seite zu keinen Vergeltungsmaßnahmen gekommen ist“, erzählt uns der Imam von Srebrenica, Damir Peštalić. „Auch wenn viele Mütter 4-5 Söhne und Töchter verloren haben“. Wir waren ausgesprochen berührt vom Besuch bei den „Müttern von Srebrenica“. Ihre Warmherzigkeit, ihr werbender Aufruf, für den Frieden zu arbeiten und sich nicht vom Hass überwinden zu lassen, war beeindruckend. Denn was geschehen ist, soll nicht wieder geschehen. Und zugleich fordern sie klar und deutlich Gerechtigkeit ein, die Anerkennung des Völkermordes durch die Serben, die bis heute aussteht.

Der bosnische Islam steht für Jahrhunderte Erfahrungen mit dem Zusammenleben mit anderen Religionen und für einen offenen und toleranten Islam.

Andreas Goetze

Welche Rolle hat dabei der Zivile Friedensdienst (ZFD) gespielt?

Andreas Goetze: Der Zivile Friedensdienst (ZFD) spielt in Bosnien-Herzegowina eine zentrale Rolle bei der Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit. Die Wunden des Krieges sind noch immer spürbar. Ungelöste Grenzfragen und ein zunehmend religiös geprägter Nationalismus besonders unter den Serben und Kroaten vertiefen die ethnischen Spannungen. Umso wichtiger ist es, über bestehende Konfliktlinien hinweg Friedensprojekte zu fördern, z. B. durch die Unterstützung von Kriegsveteranen aus allen drei ethnisch-religiös geprägten Gruppen, die gemeinsam in Schulen gehen und sich für Frieden engagieren.

Welche Rolle nehmen die Religionen ein, um wieder ein friedliches Miteinander zu ermöglichen?

Andreas Goetze: Im Tiefsten geht es nicht um Religion, sondern um Ideologie. Wenn Religion zum bloßen äußerlichen Identitätsmarker degradiert wird, kann sie leicht für nationalistische Ideen missbraucht werden. „Die ethnischen Differenzen bestimmen die theologischen Diskussionen der Religionen“, sagt uns Ahmet Alibašić von der Islamisch-Theologischen Fakultät in Sarajevo. „Als Muslime haben wir eine islamische Theologie entwickelt, die sich in Übereinstimmung mit den Menschenrechts-Konventionen der Vereinten Nationen versteht“.

Neben der Bildungsarbeit ist die Arbeit des interreligiösen Rates sehr wichtig. Er wurde 1997 aufgrund der Erfahrung des Missbrauchs von Religion gegründet und ist in den fast 40 Jahren seines Bestehens zu einer festen Institution geworden. Es gibt dabei nicht nur einen Austausch der führenden Geistlichen, sondern zahlreiche lokale „runde Tische der Religionen“, die stets gemeinsam auftreten und so ein Zeichen setzen für ein Miteinander und für Versöhnung. Sie machen nicht nur nette Worte, sondern gestalten Aktionen vor Ort.

Unterstützung der Hilfe für traumatisierte Menschen

In Bosnien und Herzegowina unterstützt die Partnerorganisation "Progres" der "Stiftung Wings of Hope Deutschland Unterstützung"  Menschen mit traumatischen Erfahrungen. Dazu gehört beispielsweise die Fortbildung von Lehrkräften in Traumapädagogik und die Ausbildung junger Menschen als Dialogbegleiter:innen für Frieden und Dialog.
Information und Spendenmöglichkeit der Initiative für Traumabearbeitung

Was wird getan, um tiefe, traumatische Erfahrungen aus dem Krieg zu verarbeiten?

Andreas Goetze: Die tiefsitzenden Traumata, der Hass und die nationalistischen Ideologien, die durch diese Geschichte entstanden sind, wirken bis heute nach. Besonders die mediale Propaganda macht den Leuten Angst. Gewalterfahrungen aus dem Krieg wirken in den nächsten Generationen nach. Vorbildlich engagiert sich im ganzen Land der Verein „Progres“ in der multi-ethnischen Bildungsarbeit und traumazentrierten Fort- und Weiterbildung. „Progres“ trägt die Überzeugung, dass man nicht über Frieden sprechen kann, wenn man nicht über die erlittenen Traumata spricht. Eine überzeugende Arbeit, die aber durch die neue Bundesregierung erhebliche Mittelkürzungen hat hinnehmen müssen – leider.

In dem europäischen Land Bosnien-Herzegowina leben rund 50 Prozent Muslime. Könnten Sie beschreiben, wie dieser „europäische Islam“ sich hier entwickelt hat und wie er gelebt wird?

Andreas Goetze: In Bosnien-Herzegowina ist der Islam seit Jahrhunderten Teil Europas. Die Bosniaken haben ihre eigenen geschichtlichen und kulturellen Wurzeln. Sie haben stets nach Wegen gesucht, Muslimen ein Leben in verschiedenen säkularen Staatssystemen ohne Aufgabe der eigenen religiösen Identität zu ermöglichen. Verfasst wie die evangelische Landeskirche haben sie klare Strukturen und eine weltoffene Ausprägung entwickelt, die bemerkenswert deutlich auf dem Boden von Menschen- und Völkerrecht steht. Der bosnische Islam steht für Jahrhunderte Erfahrungen mit dem Zusammenleben mit anderen Religionen und für einen offenen und toleranten Islam. In Bosnien ist man stolz, Muslim und Europäer zu sein.

Welche Perspektiven sehen Sie für das Land?

Andreas Goetze: Was mir Hoffnung gibt? Nicht die Politik, aber die Menschen, die wir getroffen haben, die zeigen, dass es möglich ist, zusammenzuleben. Beispielhaft haben wir das erlebt im „Interreligiösen Rat“, bei „Progres“ und vor allem bei den „Mütter von Srebrenica“. Bosnien-Herzegowina ist so ein schönes vielfältiges Land. Es wäre schade, wenn es durch den religiösen Nationalismus zerstört würde.

Vielen Dank für das Gespräch!

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