
© Volker Rahn / fundus-medien.de, Indeon
Carillon: Mit Glocken über den Dächern der Stadt musizieren
veröffentlicht 08.10.2026
von Online-Redaktion der EKHN, Indeon
Plötzlich schwebt Musik über den Marktplatz. Viele bleiben stehen und schauen nach oben. Hinter den Klängen steckt kein Lautsprecher, sondern ein Carillon: ein außergewöhnliches Glockenspiel, das in Wiesbaden und Frankfurt von Hand gespielt wird. Die Menschen an den Tasten hoch oben im Kirchturm verbinden dabei musikalisches Können mit erstaunlichem körperlichem Einsatz.
Wer in Wiesbaden oder Frankfurt am Main unterwegs ist, hört sie manchmal über den Dächern der Stadt: Plötzlich schwebt eine Melodie durch die Straßenzüge. Dabei dringen die Töne nicht aus einem Lautsprecher, sondern von einem besonderen Instrument hoch oben aus dem Kirchturm der Alten Nikolaikirche in Frankfurt am Main und der Wiesbadener Marktkirche. Den Namen für das Instrument kennen die wenigsten: Ein Carillon, eine Art Glockenspiel, ist ein Musikinstrument aus gestimmten, rund 50 Glocken. Die musizierende Person, die Carillonistin oder der Carillonneur, spielt mit Händen und Füßen die Hebelklaviatur, also die mechanische Tastatur eines Carillons. Das bringt die Glocken zum Klingen und dadurch können auch komplexe Musikstücke gespielt werden.
Hörgenuss bereichert Aufenthalt in der Stadt
Die Töne erreichen die Menschen, viele bleiben stehen, hören zu oder machen Videos. „Ich finde es toll, dass das hier täglich zu hören ist. Wenn man hier entlang geht, hat das etwas Beruhigendes, etwas Spirituelles, auch etwas Erheiterndes. Gerne mehr davon“, so beschreibt eine Wiesbadener Passantin ihren Eindruck gegenüber dem Magazin Indeon. Positive Rückmeldungen erlebt Thomas Jörg Frank, Carillon-Spieler der Wiesbadener Marktkirche immer wieder: „Man sieht: Du wirst gehört. Das treibt mich an und motiviert mich.“
Musikalische Erhabenheit und sportlichen Einsatz verbinden
An seinem rund 90 Meter hohen Arbeitsplatz im Kirchturm erlebt Thomas Jörg Frank „ein Gefühl von Erhabenheit. Einfach wunderschön.“ Gleichzeitig fordert das Carillon-Spielen viel Kraft. „Es ist so wie Sport“, erklärt der Carillonneur gegenüber Indeon. Der Klöppel der größten Glocke wiege rund 100 Kilogramm. „Das ist schwieriger, als eine Orgeltaste zu drücken“, betont er. Dabei trainiert schon der Weg zu seinem Arbeitsplatz mit 280 Stufen seine Kondition. Wie virtuos sein Spiel aber klingt, zeigt das Indeon-Video „Musik im Kirchturm“.
Indeon-Video: Musik im Kirchturm: Thomas Jörg Frank spielt Carillon
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Carillon auf einen Blick
- Musikinstrument aus gestimmten Glocken
- Gespielt über eine Stockklaviatur mit Händen und Füßen
- Entstand in den Niederlanden und Belgien
- Spielerinnen und Spieler werden Carillonistinnen oder Carillonneure genannt
- In der EKHN unter anderem an der Marktkirche Wiesbaden und der Alten Nikolaikirche Frankfurt zu hören
Was ist ein Carillon?
Ein Carillon ist ein Musikinstrument aus gestimmten 23 bis über 70 Glocken und damit eine besondere Form des Glockenspiels. Anders als einzelne Kirchenglocken können die Glocken eines Carillons gezielt angespielt werden. Dabei unterscheiden sich die Glocken in ihrer Größe, um unterschiedliche Klänge zu erzeugen, die größte Glocke des Wiesbadener Carillons wiegt 2,2 Tonnen. Dabei ist das gesamte Glockenspiel in Halbtonschritten gestimmt, deshalb lassen sich ganze Melodien und selbst komplexe, musikalische Werke spielen.
Die Glocken befinden sich meist in einem Kirchturm. Gespielt werden sie über eine besondere Klaviatur, die mit den Glocken mechanisch verbunden ist. Der Musiker oder die Musikerin sitzt dabei vor einem Carillon-Spieltisch an einer sogenannten Hebelklaviatur. Viele Carillons besitzen zusätzlich auch automatische Spieleinrichtungen, die zu bestimmten Tageszeiten kleinere Melodien spielen, ausgelöst durch die Turmuhr. Allerdings können nur durch eine Carillonistin oder einen Carillonneur feinste Spielnuancen zum Klingen gebracht werden.
Wie funktioniert ein Carillon?
Das Herzstück des Instruments ist die Hebelklaviatur, die aus zwei Reihen kleiner, abgerundeter Holzhebel (Tasten) und einer Pedalklaviatur besteht. Mit geschlossenen Händen drückt der Carillonneur die Manualtasten und mit seinen Füßen die Pedaltasten für die großen Glocken hinunter.
Jeder Anschlag setzt über Drahtzüge und Hebel einen Klöppel in Bewegung, der gegen die entsprechende Glocke schlägt. Anders als bei elektronisch gesteuerten Glockenspielen entsteht die Musik dadurch unmittelbar und ohne technische Verstärkung.
Erfahrene Carillonneure können die Lautstärke einzelner Töne beeinflussen und auf diese Weise musikalisch gestalten. Das macht das Instrument besonders ausdrucksstark.
Wo kann man Carillons in der EKHN hören?
Marktkirche Wiesbaden
Das bekannteste Carillon im Gebiet der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau befindet sich in der Wiesbadener Marktkirche. Von ihrem Turm aus erklingen regelmäßig Konzerte und musikalische Beiträge, die weit über die Innenstadt zu hören sind. Für viele Wiesbadenerinnen und Wiesbadener gehört der Klang des Glockenspiels fest zum Stadtbild.
Alte Nikolaikirche Frankfurt
Auch die Alte Nikolaikirche auf dem Frankfurter Römerberg verfügt über ein Carillon. Mitten im Herzen der Altstadt verbindet das Instrument kirchliche Tradition mit urbanem Leben. Die Klänge begleiten Einheimische ebenso wie die zahlreichen Gäste der Stadt.
Wie wird man Carillonistin oder Carillonneur?
Carillonspiel ist eine seltene Kunst, derzeit gibt es 50 Carillons in Deutschland. Entsprechend überschaubar ist auch die Zahl der Menschen, die dieses Instrument beherrschen.
Um Carillonistin oder Carillonneur zu werden, ist eine solide musikalische Ausbildung hilfreich. Darüber hinaus müssen spezielle Spieltechniken erlernt werden. Zudem sollte man sich trauen, ein lautes und öffentlich hörbares Instrument spielen zu wollen. Deshalb empfiehlt es sich mit der vor Ort tätigen Carillonistin oder dem Carillonneur Kontakt aufzunehmen, wie beispielsweise an der Marktkirche Wiesbaden. Diese Person kann einen ersten Eindruck vermitteln.
Da jedes Instrument anders gebaut ist und die Spielerinnen und Spieler mit Händen und Füßen gleichzeitig arbeiten, erfordert das Erlernen des Carillonspiels viel Übung und Ausdauer.
Geschichte des Carillons: von Kirchenglocken zum Konzertinstrument
Kirchenglocken haben sich seit der Spätantike in den christlichen Kirchen Europas verbreitet. Glocken haben Menschen zum Gottesdienst gerufen, Tageszeiten markiert, vor Gefahren gewarnt oder wichtige Ereignisse im Leben einer Gemeinschaft begleitet. Über Jahrhunderte waren sie damit ein zentrales Kommunikationsmittel.
Aus diesen einzelnen Signalen entwickelte sich nach und nach in den Niederlanden und im heutigen Belgien die Idee, Glocken nicht nur erklingen zu lassen, sondern sie musikalisch einzusetzen. Dort begann man am Ende des 15. Jahrhunderts die Anzahl der Glocken zu erhöhen und die Seile von den Glockenklöppeln am anderen Ende mit kurzen Holzstäben zu versehen. Damit war der Vorläufer der heutigen Hebelklaviatur erfunden. Im 17. Jahrhundert erklangen bereits 50 hervorragende Glockenspiele. Im 19. Jahrhundert geriet die Glockenspielkunst in Vergessenheit und wurde weitestgehend durch das automatische Spiel ersetzt – meist mit einer immer gleichen Melodie. Ausschließlich in Flandern wurde das Carillonspiel weiter gepflegt und trotz der beiden Weltkriege wird es heute nicht nur in den Niederlanden und Belgien gepflegt, sondern auch in weiteren europäischen Ländern und Nordamerika. Das Repertoire ist nahezu unbegrenzt: von geistlicher Musik, über Werke von Händel und Vivaldi bis zu Popmusik.
Quellen:
Isabella Terán: Marktkirche Wiesbaden - der Mann hinter dem Glockenspiel, 29.09.2026, in: www.indeon.de
Über das Glockenspiel, in: https://glockenspiel-wiesbaden.de
Deutsche Glockenspielvereinigung e.V. https://glockenspieler.de
Dieser Beitrag ist im Rahmen einer redaktionellen Kooperation mit dem Magazin Indeon entstanden. Die Originalfassung finden Sie hier: Marktkirche Wiesbaden: Der Mann hinter dem Glockenspiel
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