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Menschen sehen, Nähe schaffen: Was Kirchengemeinden gegen Einsamkeit unternehmen können
veröffentlicht 14.05.2026
von Online-Redaktion der EKHN
Einsamkeit betrifft Menschen jeden Alters. Gerade Kirchengemeinden haben viele Möglichkeiten, Nähe, Begegnung und Verbundenheit zu ermöglichen. Altenseelsorger Christian Wiener zeigt, wie schon niedrigschwellige Aktionen, offene Räume und eine achtsame Haltung einen großen Unterschied machen können
In den sozialen Medien berichten Menschen immer wieder von Erfahrungen mit Einsamkeit. Viele beschreiben das Gefühl, „nicht wirklich dazuzugehören“ oder mit ihrer Meinung abgelehnt zu werden. Damit sind sie nicht allein: Laut Statista fühlt sich rund ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland zumindest teilweise einsam, knapp 20 Prozent sogar sehr einsam.
Was ist Einsamkeit?
Einsamkeit ist das belastende Gefühl, dass die eigenen sozialen Beziehungen nicht ausreichen: entweder, weil es zu wenige Kontakte gibt oder weil diese nicht so nah, vertrauensvoll oder unterstützend sind, wie man es sich wünscht. Sie entsteht also in der Lücke zwischen dem, was Menschen an Nähe, Austausch und Verbundenheit erwarten, und dem, was sie tatsächlich erleben.
Wichtig ist: Einsamkeit ist immer subjektiv. Man kann viele Menschen um sich haben und sich trotzdem einsam fühlen. Im Kontrast dazu kann man auch allein leben und sich gut eingebunden fühlen. Entscheidend ist nicht die Anzahl der Kontakte, sondern wie zufrieden jemand persönlich mit seinen Beziehungen ist.
Auswirkungen von Einsamkeit: Heftige Gefühle und gesundheitliche Folgen
Einsamkeit ist mehr als ein unangenehmes Gefühl. Studien zeigen Zusammenhänge mit gesundheitlichen Problemen wie Herzerkrankungen, Depressionen, dem Abbau kognitiver Fähigkeiten im Alter, Essstörungen oder problematischem Konsumverhalten. Auch Christian Wiener, Altenseelsorger der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), erlebt in seiner Arbeit, dass sich Menschen zunehmend einsam fühlen. Gegenüber dem Magazin aus.sicht sagt er: „Das Problem der Einsamkeit wurde in der Corona-Zeit akut.“ In Gesprächen begegnen ihm häufig ähnliche Reaktionen: „Die Menschen schämen sich. Oft spüren sie Ärger und Wut. Warum haben die anderen etwas, was ich nicht habe?“
Wiener weiß, wie ernst die gesundheitlichen Folgen sein können – und wie wichtig es ist, dass Kirchengemeinden aufmerksam bleiben.
So können Kirchengemeinden bei Einsamkeit helfen
In dem aus.sicht-Artikel „Kirchengemeinden können bei Einsamkeit helfen“ ermutigt Christian Wiener Gemeinden und kirchliche Einrichtungen „Räume für Begegnungen zu öffnen“ und den Blick über feste, binnenkirchliche Gruppen hinweg zu weiten. Er empfiehlt, sich ökumenisch und kommunal zu vernetzen und offene, unverbindliche Angebote zu gestalten, die allen Menschen offenstehen, unabhängig davon, ob sie einsam sind oder nicht. Zu solchen niedrigschwelligen Aktionen können gehören:
- gemeinsames Verschönern des Pfarrgartens,
- kirchliche Beteiligung an Straßen- oder Stadtteilfesten,
- das Aufstellen einer Plauderbank als Einladung zum Gespräch.
Solche Angebote können Kontaktmöglichkeiten schaffen, ohne Menschen zu stigmatisieren oder zu überfordern.
Achtsam sein für die Lebensumstände der Mitmenschen
Besonders entscheidend ist laut Seelsorger Wiener die Haltung jedes einzelnen Kirchenmitgliedes, jedes Menschen sowie der ehren- und hauptamtlich Mitarbeitenden. Achtsamkeit bedeutet, wahrzunehmen:
- Gibt es jemanden in der Nachbarschaft, der alleine ist?
- Wer braucht besonders Hilfe?
- Wer kommt nicht mehr in den Gottesdienst?
- Wer hat einen Todesfall zu beklagen?
Gerade für die Ehrenamtlichen der Besuchsdienste haben hier die Chance, besonders aufmerksam zu sein. Hauptamtliche sollten sie bei dieser Aufgabe unterstützen.
Mehr über die Ursachen von Einsamkeit erfahren Sie hier:
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