
© epd-bild/Peter Jülich
Erste Begräbniskirche Hessens wird in Frankfurt eröffnet
veröffentlicht 16.07.2026
von Jens Bayer-Gimm (epd)
Immer mehr Menschen wollen nach dem Tod eingeäschert und in Urnen bestattet werden. Diesem Wunsch kommt in Frankfurt am Main eine nicht mehr benötigte Gemeindekirche nach.
Schon der Türknauf stimmt auf das Kommende ein: Wer die Holztür öffnen möchte, drückt die Schwanzfedern einer Pfauenfigur nach unten, Symbol der Auferstehung. Der Blick fällt in einen hohen, hellen Raum mit elliptischem Grundriss. Die Wände sind weiß verputzt, die Decke bläulich. Der Blick bleibt auf den Raum konzentriert, ein Band von Oberlichtern unter der Decke füllt ihn mit Licht. Die alten Sitzbänke gibt es nicht mehr, an ihrer Stelle stehen zwölf runde Wände mit Urnen-Fächern im Kirchenschiff. Die katholische ehemalige Gemeindekirche St. Michael in Frankfurt am Main ist als erste in Hessen zur Begräbniskirche umgestaltet worden. Seit Mitte Juli werden hier Urnen beigesetzt. Offizielle Eröffnung ist Ende September 2026.
Millionen für Umbau investiert
Die 1953 bis 1954 durch den Architekten Rudolf Schwarz (1897-1961) errichtete Kirche ist auf Beschluss des Bistums Limburg 2025 bis 2026 für 3,1 Millionen Euro umgebaut worden. "Die Trauerkultur hat sich verändert", sagt die Leiterin des angeschlossenen Fachzentrums Trauerseelsorge des Bistums, Verena Maria Kitz. Immer mehr Menschen wollten, dass sie nach dem Tod eingeäschert werden und dass die Nachkommen kein Grab pflegen müssen. Die neue Begräbniskirche biete einen würdigen Platz für 2.500 Urnen. Ein Platz koste in Anlehnung an die Gebührensatzung der Stadt Frankfurt 2.900 Euro, Trauergespräche, Trauerfeier und Beisetzung eingeschlossen.
Urnenwände als "offener Ring"
Die außen und innen belegbaren Urnenwände bilden die Form eines "offenen Rings". Kirchenarchitekt Schwarz habe so die um den Altar versammelte Gemeinde genannt, die offen für andere und für Gott ist, erläutert Kitz. Die offenen Ringe der Urnenwände sind unterschiedlich groß. Sie tragen die Namen der Tugenden, besonders beliebt unter den Interessenten seien "Liebe" und "Eintracht" - wie letztere nennt sich auch der große Sport- und Fußballverein der Stadt. Die beleuchteten Fächer sind mit einer grünlich schimmernden Milchglasscheibe verschlossen, vor der der Name des Verstorbenen mit seinen Lebensdaten angebracht wird.
Altar und Ständer der Osterkerze an einem Ende sowie ein Mosaik des Auferstandenen am anderen Ende begrenzen den Raum. Auch künftig sollen hier mit Trauernden schlichte Gottesdienste gefeiert werden, wie die Pastoralreferentin und Trauerbegleiterin erläutert. Ausdrücklich sei die Begräbniskirche aber als Beisetzungsort offen für jeden, der das wünscht, gleich welchen Glaubens. Die drei Seelsorgerinnen des Trauerzentrums führen ein Gespräch mit Interessenten und bieten darüber hinaus eine Trauerbegleitung an. Mehr als 200 Menschen hätten bereits Interesse bekundet.
Ort für Veranstaltungen
Die Interessenten fänden den Raum architektonisch toll, der auch immer wieder Gruppen von Architekten anziehe, berichtet Kitz. Interessenten schätzten auch, dass hier viele Menschen in der Vergangenheit gebetet haben und auch in Zukunft beten werden. Manche hätten in der Gemeindekirche prägende Familienfeiern erlebt. Zudem biete die Begräbniskirche die Möglichkeit, mit anderen Besucherinnen und Besuchern in Kontakt zu kommen oder Gespräche mit Ehrenamtlichen zu führen, von denen sich bisher 25 gemeldet hätten und für einen Dienst vorbereitet worden seien.
Begegnungen sind Kitz wichtig: "Es soll Bewegung zwischen innen und außen geben." Die Trauerseelsorge St. Michael bietet Bildungsveranstaltungen zum Abschiednehmen an, holt eine Kunstausstellung in die Kirche, lässt die Uraufführung eines Requiems erklingen oder macht Veranstaltungen im Rahmen des Jahres World Design Capital 2026 Frankfurt RheinMain. In Deutschland gebe es zwar schon andere Begräbniskirchen, aber St. Michael sei in seiner Form und Art einzigartig, sagt Kitz. Die Begräbniskirche solle auch ein Ort des Lebens sein.
Zentrum für Abschied, Trauer und Hoffnung
Letzteres ist auch für den Kulturbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johann Hinrich Claussen, ein wichtiges Kriterium. Andere Kirchen wie die katholische Maria Schutz in Kaiserslautern oder die evangelische St. Pauli in Soest hätten Kolumbarien in den Kirchraum integriert, in dem weiterhin die Gemeinde zum Gottesdienst zusammenkommt. "So hat man die Toten wieder in die Gemeinde zurückgeholt." Mit diesem Konzept ersetze eine Begräbniskirche keine Gemeindekirche, sondern vertiefe deren Arbeit, lobt er.
Das katholische Bistum Limburg verfolge bewusst "einen weitergehenden Ansatz", erläutert dessen Sprecher Stephan Schnelle. "Der gesamte Kirchenraum ist auf die Themen Abschied, Erinnerung, Trauer und christliche Hoffnung ausgerichtet. Dadurch entsteht ein besonderer Ort, an dem Beisetzung, Gedenken, Gottesdienst und Trauerbegleitung eine Einheit bilden." Die offizielle Eröffnung findet am Tag des Erzengels Michaels, am 29. September, statt.
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