Evangelische Kirche in Hessen und Nassau
Gruppenfoto im Treppenhaus

© Peter Meyer / Format mit KI bearbeitet

Delegierte aus 16 Ländern tauschten sich mit anderen Expert*innen für Gottesdienst, Rituale und Kirchenmusik aus.
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Wie begleiten evangelische Kirchen in Europa Menschen an den Wendepunkten ihres Lebens?

veröffentlicht 06.11.2026

Bei einer Konsultation der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) in Frankfurt tauschten sich 42 Delegierte aus 16 Ländern über Traditionen, neue Formen und die Zukunft kirchlicher Rituale aus.

Von OKR Dr. Peter Meyer

Geburt, Hochzeit, Abschied: An den großen Wendepunkten des Lebens suchen Menschen nach Worten, Ritualen und Gemeinschaft. Evangelische Kirchen begleiten solche Momente mit Gesang, Gebet, Segen und Erzählungen – in Gottesdiensten ebenso wie mit kleinen liturgischen Formen mitten im Alltag. Wie sie diese Aufgabe heute verstehen und gestalten, war Thema einer europäischen Konsultation in Frankfurt.

Unter dem Stichwort „Kasualien“ rücken alte und neue Feiern zu besonderen Lebensanlässen in vielen evangelischen Kirchen seit einigen Jahren wieder stärker in den Fokus. Sie finden spürbar Resonanz – innerhalb wie außerhalb der kirchlich verbundenen Gemeinschaften. Zugleich wächst die Vielfalt evangelischer Andachten, Gottesdienste und kleiner Liturgien.

Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) nahm dies zum Anlass, eine Konsultation zum Thema Kasualien einzuberufen. Sie fand auf Einladung der EKHN vom 2. bis 5. November 2026 im Zentrum Verkündigung in Frankfurt statt. 42 Delegierte aus 16 Ländern berichteten über die liturgische Praxis in ihren Kirchen und tauschten sich mit weiteren Expert*innen für Gottesdienst, Rituale und Kirchenmusik aus.

Im Mittelpunkt standen die Einbettung der Kasualien in das kirchliche Selbstverständnis, die Bedeutung gesellschaftlicher Kontexte sowie neue Trends kirchlicher und außerkirchlicher Spiritualität. So ging es etwa um neue Formen der Bestattung, aber auch um die bleibende Überzeugungskraft uralter Riten im Umgang mit Verstorbenen. Das Verhältnis zwischen Traugottesdiensten und standesamtlicher Eheschließung kam ebenso zur Sprache wie das Bemühen, Menschen jenseits des „inner circle“ der Kirchengemeinden zu erreichen. Diskutiert wurde auch der Zusammenhang zwischen alltäglicher Glaubenspraxis und den großen, medial wahrgenommenen Ritualen.

Eine Exkursion zur christlichen Kapelle im Frankfurter Fußballstadion bot Anlass, über kirchliche Präsenz und Praxis im Kontext von Sport, öffentlichen Ereignissen, symbolträchtigen Orten und Gruppenkulturen nachzudenken. Außerdem ging es um Singkulturen und Lieder zu Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Dabei wurde der ganze Reichtum der Musikkulturen evangelischer Kirchen, Regionen und Gemeinden ebenso sichtbar wie ihre unterschiedlichen theologischen Akzente.

Zwischen Tradition, gesellschaftlichem Wandel und neuen Fragen

Die Konsultation vertiefte das gegenseitige Verständnis. Besonders deutlich wurde: Über liturgische Praxis, die Entwicklung von Riten und die Begleitung von Menschen an den Wendepunkten des Lebens lässt sich kaum abstrakt sprechen. All dies ist tief eingebettet in ein umfassendes Verständnis von Gemeinde und Welt, von kirchlichem Dienst und der Nachfolge Jesu.

Kirchen in Minderheitensituationen und ohne volkskirchliche Tradition verorten Kasualien häufig stärker im Leben ihrer Gemeinschaften und in ihrem Dienst am Gemeinwesen vor Ort. Mehrheitskirchen mit ihren eher lockeren Mitgliederstrukturen orientieren sich dagegen stärker an der Außenwirkung und den Bedürfnissen der Menschen. Das zeigt sich beispielsweise beim Segnen in Fußgängerzonen oder bei spontanen Formen einer einfachen kirchlichen Trauung.

Dabei geht es bei Kasualien häufig auch darum, den kirchlichen Auftrag in säkularen und postsäkularen europäischen Gesellschaften wahrzunehmen, stark individualistische Trends aufzugreifen oder ihnen etwas entgegenzusetzen.

Leidenschaftlich diskutiert wurden grundsätzliche Fragen: Ist all dies missionarisches Handeln, eine Form diakonischer Fürsorge oder schlicht die Weitergabe des Segens? Wie lässt sich die starke Konzentration auf Pfarrpersonen und andere Amtsträger*innen aufbrechen? Kann konkret sichtbar werden, dass kirchliche Lebensbegleitung nur in Gemeinschaft gelingt? Und wo liegen die Grenzen „segnender Kirchen“ – etwa angesichts drohender politischer Vereinnahmung oder ethischer Fragen, die bei den Wendepunkten des Lebens immer mitschwingen?

Bei allen Unterschieden bestand Einigkeit darin: Kirchliches Handeln muss sich immer wieder mit Dilemmata auseinandersetzen. In den Kirchen handeln Menschen in der Hoffnung auf Gottes Verheißung. Gerade deshalb sind sie in die Verantwortung gerufen, dem Frieden zu dienen und für Leidende einzustehen. Darauf kommt es besonders an, wenn sie in Krisen beten, singen und reden.

Kirchliche Begleitung im europäischen Horizont

Im europäischen Horizont zeigt sich: Was in einem Kontext selbstverständlich ist und die eigene kirchliche Identität prägt, kann andernorts keine Rolle spielen oder sogar befremdlich wirken – auch wenn es theologisch begründet ist. Diese wechselseitigen Anfragen bieten Anlass, die Vielfalt der Kasualien weiterzuentwickeln. Dabei gilt es, aufmerksam danach zu fragen, ob diese Praxis der Kirche als Leib Christi Ausdruck verleiht. Ebenso wichtig ist es, die Sehnsüchte von Menschen wahrzunehmen, die mehr suchen als eine ökonomisch bestimmte und rationalisierte Wirklichkeit.

Portraifoto

© J.L. Bell

John Lamberton Bell (geboren 1949) ist ein schottischer Kirchenlieddichter und Geistlicher der Church of Scotland. Er ist Mitglied der ökumenischen Gemeinschaft von Iona (Iona Community).

In einem Gespräch am Rande der Konsultation der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) zum Thema Gottesdienst in Frankfurt sprach der schottische Kirchenlieddichter und Liturgiewissenschaftler Rev. John L. Bell über die Beteiligung am Gottesdienst, Gastfreundschaft an den Wendepunkten des Lebens und darüber, was die europäischen Kirchen von Gottesdiensttraditionen aus aller Welt lernen können.
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