Evangelische Kirche in Hessen und Nassau
Kirchenpräsidentin vor der Kirchenverwaltung, davor die Schrift: Bericht zur Lage in Kirche und Gesellschaft

© Peter Bongard, MDHS

Prof. Dr. Christiane Tietz, Kirchenpräsidentin der EKHN, stellt den Bericht zur Lage in Kirche und Gesellschaft für die Synode der EKHN vor

„Wir brauchen die Kirche, gerade jetzt" – Kirchenpräsidentin Tietz zur Rolle der EKHN in der Demokratie

veröffentlicht 23.04.2026

von Pressestelle der EKHN

Kirchenpräsidentin Christiane Tietz verdeutlichte vor das Synode, dass gerade in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung die Rolle der Kirche wichtiger werde – als Ort der Begegnung, des Vertrauens und des Handelns.

Die Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Christiane Tietz, hat am Donnerstag die Bedeutung der Kirche für die Gesellschaft in einer Zeit politischer Krisen und demokratischer Herausforderungen hervorgehoben. Vor der in Frankfurt am Main tagenden Synode machte Tietz deutlich: Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung werde die Rolle der Kirche wichtiger – als Ort der Begegnung, des Vertrauens und des Handelns.

„Wir brauchen die Kirche, gerade jetzt"

Wer behaupte, die Zeit der Kirche sei vorbei, übersehe, was Kirche täglich leiste, sagte Tietz. „Viel öfter höre ich Sätze wie diese: ‚Wir brauchen die Kirche, gerade jetzt.' – ‚Die Relevanz der Kirche hängt nicht mit ihrer Größe zusammen. Die Relevanz der Kirche hängt daran, was die Gesellschaft heute braucht.'" Diese Stimmen, so Tietz, kämen von Menschen aus Politik und Medien, aus Wirtschaft, Kultur und Sport. Und auch Engagierte in der eigenen Kirche meldeten sich zu Wort: „Gerade in diesen schwierigen Zeiten merke ich, wie es mich stärkt, mich in der Kirche zu engagieren. Dort merke ich: ich bin nicht allein; ich kann mit anderen zusammen etwas zum Besseren bewegen."

Tietz sprach auch offen über das Erstarken extremistischer Kräfte und die Strategie der AfD, gezielt in ländliche Räume vorzudringen. Dieser Tendenz begegne die EKHN mit demokratischem Engagement und einer klaren Position, so Tietz: „Ich bin überzeugt: Unsere gesellschaftliche Relevanz, gerade die Relevanz der EKHN als einer politischen Kirche, ist gegenwärtig besonders groß." Dabei rief sie dazu auf, Menschen, die extremistischen Parteien zugewandt sind, nicht abzuwerten, sondern die gesellschaftlichen Ursachen – Verlusterfahrungen, Überforderung, Misstrauen – ernst zu nehmen. Tietz hatte ihren traditionellen Bericht zur Lage in Kirche und Gesellschaft vor der Synode unter ein Leitwort aus dem zweiten Timotheusbrief gestellt: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“.

Der Geist der Kraft: Kirche als Ort der Selbstwirksamkeit

Besonderes Gewicht legte die hessen-nassauische Kirchenpräsidentin auf das, was Kirche Menschen schenken kann: das Erleben, wirksam zu sein. „Die Kirche ist, recht besehen, Erfahrungsraum von Selbstwirksamkeit. Menschen erleben bei uns, dass das eigene Handeln einen Unterschied macht“, so Tietz.

Als Beispiel nannte sie die Jugendarbeit in Verbänden wie der Evangelischen Jugend in Hessen und Nassau: „Jugendliche leben dort demokratische, an christlichen Werten orientierte Prozesse. Sie erfahren dadurch, dass Demokratie Spaß macht und man in ihr etwas für andere erreichen kann. Sie lernen dort ‚Handlungsmut'."

Der Geist der Liebe: Begegnungen statt Appelle

Kirche könne der gesellschaftlichen Spaltung nicht nur mit moralischen Appellen begegnen – wohl aber mit echter Begegnung: „Durch Zuhören und Erzählen lässt sich stärker entdecken, dass wir alle Menschen sind, mit ganz ähnlichen Sorgen und Nöten."

Tietz berichtete von konkreten Projekten der EKHN: der „Diskutier-Bar" an der Bergstraße, der Demokratie-Küche in Mörfelden-Walldorf – „Einfache Gerichte wie Waffeln oder Suppen werden an öffentlichen Orten zubereitet und man kann dort miteinander reden" –, einem Mobil-Bus für Jugendliche im Dekanat Gießener Land und einem kleinen Laden mit Café in Hirzenhain.

Tietz schilderte auch, was junge Menschen von der Kirche erwarten: „Bei den Jugendlichen in den letzten Jahren nimmt der Wunsch nach Heimat zu, nach einem Ort, an dem sie schlicht so sein können, wie sie sind. Wo sie sich nicht vergleichen müssen mit irgendwelchen Schlanken und Erfolgreichen auf TikTok, sondern sich aus einer christlichen Grundhaltung heraus in ihrem So-Sein angenommen fühlen." Werde ihnen Vertrauen entgegengebracht, lernten sie, ihrerseits zu vertrauen.

Die vielen Geschichten, die Kirche von solchen Begegnungen erzählen könne, seien „von ehrlicher Mitmenschlichkeit geprägt, weil hier jeder Mensch willkommen ist."

Der Geist der Besonnenheit: Hoffnung als Kraft im Dunkeln

Mit dem biblischen Geist der Besonnenheit verbindet Tietz auch das kirchliche Engagement für Erinnerungskultur, für differenziertes Urteilen und für eine lebendige Hoffnung. Christliche Hoffnung sei keine Naivität: „In einer problemlosen, glücklichen, in einer heilen und hellen Welt bräuchte man keine Hoffnung. Hoffnung ist eine Kraft im Dunkeln." Man hoffe am besten zusammen mit anderen Hoffenden: „Wer hofft, verbündet sich mit anderen Hoffenden. Wir können Menschen wieder zum Hoffen verhelfen."

Am Ende stand keine Bilanz, sondern ein Ausblick. Die EKHN, so Tietz, stehe nicht am Rand der gesellschaftlichen Debatten – sie sei mittendrin.

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