
© Indeon Wheel life
Haltung, Reform, Fördertöpfe, Maßnahmen: So kann Inklusion gelingen
veröffentlicht 27.04.2026
von Rita Haering
Lucas Zehnle liebt Volksfeste, ist ein Sport-Ass und Rollstuhlfahrer. Eine Video-Serie von Indeon zeigt, welchen Hürden er noch begegnet. Bestehende Barrieren für Menschen mit Beeinträchtigungen sollen durch die Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes abgebaut werden. Ist das wirklich so? Und welche Fördertöpfe stehen für Kirchengemeinden bereit, die inklusiver werden wollen?
Morgens am Bahnhof: Der Aufzug ist außer Betrieb. Einige Pendlerinnen und Pendler ärgern sich darüber, aber Menschen im Rollstuhl haben dann eine oft unüberwindbare Hürde vor sich. „Es gibt die klassischen Barrieren: Treppen, zu hoher Einstieg im Zug oder schwierige Straßenverhältnisse. Das ist für mich ganz normaler Alltag“, sagt Lucas Zehnle, der seit seiner Kindheit im Rollstuhl sitzt. In der YouTube-Serie „Wheel Life“ des Magazins Indeon zeigt er, wo Inklusion gelingt und wo sie im Alltag an Grenzen stößt.
Indeon-Video: Spaß & Hürden - so erlebt Lucas mit seinem Rollstuhl ein Volksfest
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Die wichtigsten Punkte der Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes:
- Verbindliche Regelungen zur Barrierefreiheit für öffentliche Stellen des Bundes, gerade auch im digitalen Bereich.
- Leichte Sprache, um sprachliche Barrieren abzubauen. Hier wurde Leichte Sprache im BGG und im Sozialgesetzbuch verankert.
- Selbstvertretungsorganisationen von Menschen mit Behinderungserfahrung soll eine aktive Teilhabe an der Gestaltung öffentlicher Angelegenheiten ermöglicht werden. Dadurch wird das Recht zur Durchsetzung von Barrierefreiheit gestärkt, etwa durch Verbandsklagen.
- „Angemessene Vorkehrungen“ von privaten Anbietern, um die Zugänglichkeit zu Angeboten zu gewährleisten.
Reform des Behinderten-gleichstellungs-gesetzes – worum geht es?
Die alltäglichen Hindernisse von Menschen mit Beeinträchtigungen im öffentlichen Nah- und Fernverkehr, beim Zugang zu Gebäuden oder beim Ausfüllen eines Antragsformulars hat auch die Bundesregierung im Blick. Deshalb will sie das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) reformieren. Der Gesetzesentwurf hat zum Ziel, „die Barrierefreiheit im öffentlichen Bereich weiter verbessern und in der Privatwirtschaft auf mehr Barrierefreiheit hinwirken“, heißt es in einer Mitteilung. Dieser Ansatz löst zunächst Zustimmung bei Pfarrerin Christiane Esser-Kapp aus, Referentin für Behindertenseelsorge und Inklusion im Zentrum Seelsorge und Beratung der EKHN: „Die Abschaffung baulicher, kommunikativer und digitaler Barrieren ist auch gut für Familien mit Kindern, beispielsweise wenn sie mit einem Kinderwagen unterwegs sind. Auch ältere, mobilitätseingeschränkte Menschen würden sich darüber freuen.“ Pfarrerin Esser Kapp befürwortet, dass in dem Gesetzesentwurf die Barrierefreiheit stärker als Querschnittsthema verstanden werde, „dass es nicht nur um Rampen geht, sondern um selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe und Teilgabe von Menschen mit Behinderungserfahrung.“
Inklusions-Referentin empfiehlt mehr Verbindlichkeit für die Umsetzung im Gesetzesentwurf
Der Gesetzentwurf sieht auch vor, dass private Anbieter „angemessene Vorkehrungen“ treffen können, also bei Bedarf im Einzelfall durch eine Minimal-Lösung vor Ort den Zugang zu ihren Angeboten sicherstellen. Diesen Aspekt sieht die Inklusions-Referentin kritisch: „Der Gesetzesentwurf reduziert Teilhabe auf rein reaktive individuelle Lösungen vor Ort. Eine Lösung könnte dann im Einzelfall so aussehen: Das Personal soll die Einkaufstüte an die Eingangstür tragen, weil der Eingangsbereich für einen Rolli viel zu eng ist. Das Problem: Das fördert nicht die Teilhabe, sondern die Abhängigkeit.“
Pfarrerin Esser-Kapp fordert deutlich mehr Verbindlichkeit: „Freiwillig reicht nicht. Und es braucht klare Sanktionen bei Verstößen.“ Es sei nicht ausreichend, dass ein Schlichtungsverfahren bei einer Schiedsstelle anstrebt werden könne.
Wie hält es die Kirche mit der Inklusion?
Inklusions-Referentin Esser-Kapp hat allerdings nicht nur die Entwicklungen auf Bundesebene im Blick, sondern auch innerhalb der Kirche. Auch in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau sieht sie Verbesserungsbedarf: „In den evangelischen Gemeinden und Einrichtungen hängt die Umsetzung von Barrierefreiheit meist am Engagement Einzelner.“ Deshalb erachtet sie verpflichtenden Standards für alle Gemeinden und passende Finanzierung für sinnvoll. Der Pfarrerin ist bewusst, dass viele Gemeinden aktuell finanziell herausgefordert und aufgrund des Reformprozesses ekhn2030 stark beansprucht sind. Dennoch möchte sie ihnen eine Haltung zum „inklusiven Dreiklang“ ans Herz legen. Für alle Besucherinnen und Besucher einer Gemeinde solle gelten: „Ankommen, Reinkommen, Klarkommen. Selbstbestimmt und gleichberechtigt. Niemand ist weniger wert und wird auf etwas reduziert - auf seine oder ihre Beeinträchtigung“, erklärt Christiane Esser-Kapp. Wer beginnen möchte, kann gleich mit einem „Barrierechecker“ starten und wahrnehmen, wo die Hindernisse sind.
Wer in seinem kirchlichen Umfeld einen Anstoß für mehr Inklusion geben möchte, erhält auf der Website www.inklusion-ekhn.de vielfältige Informationen für einen Check vor Ort sowie Ideen, beispielsweise für barrierefreie Veranstaltungen.
Best-Practice-Beispiele für Inklusion in Kirchengemeinden
Pionierinnen und Pioniere aus der evangelischen Kirche haben einige Maßnahmen für mehr Barrierefreiheit umgesetzt. Pfarrerin Esser-Kapp kennt gute Beispiele:
- Stufenlose Zugänge und barrierefreie Gemeindehäuser in Kirchengemeinden wie der Erlösergemeinde in Offenbach-Waldheim, der Lydia-Gemeinde in Frankfurt oder das Zentrum Seelsorge und Beratung der EKHN.
- Kirchengemeinden, in denen Menschen mit Behinderung aktiv mitwirken, beispielsweise im Kirchenvorstand oder Gottesdiensten. Dadurch werden die Expert:innen in eigener Sache von Anfang an einbezogen. So entwickelt sich die Evangelische Kirchengemeinde in Oberstedten zusammen mit Menschen mit Behinderung zu einer inklusiven Gemeinde gemacht. Das Projekt Menschen.Leben.Vielfalt der EKHN begleitet sie dabei.
- Gottesdienste in leichter Sprache für Menschen mit und ohne Beeinträchtigung sorgen dafür, dass alle gut verstehen und niemand ausgeschlossen ist. Die Französisch-Reformierte Gemeinde Offenbach bietet sie beispielsweise an.
- Dunkelgottesdienste, bei denen die Besuchenden Schlafmasken tragen, sensibilisieren die Sinne und das Erkennen von Barrieren. Die Evangelische Kirche in Oberstedten hat damit eine hohe Resonanz erfahren.
Inklusion finanziell unterstützen: Anträge bei Förderprogrammen stellen
Ja, eine Rollstuhlrampe oder eine Induktionsanlage kosten Geld. Deshalb empfiehlt Referentin Esser-Kapp, sich Förderprogramme genauer anzuschauen, auch wenn eventuell die ein oder andere bürokratische Hürde genommen werden muss:
Lucas Zehnle & sein Wheel Life
Wer Lucas Zehnle im Rollstuhl beim Sport und im öffentlichen Nahverkehr sieht, erfährt: Inklusion ist keine abstrakte Forderung, sondern eine Frage konkreter Bedingungen und gelebter Haltung. Die Serie „Wheel Life“ des Online-Magazins indeon.de erzählt aus der Perspektive eines Betroffenen.
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