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Amill Gorgis

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Diakon Amill Gorgis von der Syrisch‑Orthodoxen Kirche engagiert sich für ein gutes Miteinander
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„Wir sind nirgendwo sicher“ - wie syrische Christinnen und Christen die Migrationsdebatte erleben

veröffentlicht 29.06.2026

von Online-Redaktion der EKHN

Die Debatte über Migration wird schärfer. Diakon Amill Gorges begleitet geflüchtete syrisch‑orthodoxe Christinnen und Christen aus Syrien und aus dem Irak dabei, in Deutschland ihren Platz zu finden. Im Interview spricht er über Glauben, Integration und darüber, was eine starke Gesellschaft ausmacht – und warum die Hilfe von evangelischen und katholischen Ehrenamtlichen ein Segen war.

Bleibeperspektive oder Rückkehr? Die Situation der Syrerinnen und Syrer, die seit 2015 nach Deutschland geflüchtet sind, wird wieder intensiv diskutiert. In der Syrisch-‑Orthodoxen Kirche in Berlin erlebt Diakon Amill Gorgis, wie sich die Lebenswege der Geflüchteten positiv entwickelt haben. Viele arbeiten heute in sozialversicherungspflichtigen Berufen - und leben ihren christlichen Glauben.

Amill Gorgis hat die Zukunft im Blick: Er hat zahlreiche liturgische Texte aus dem Syrisch-Aramäischen ins Deutsche übersetzt. Damit macht er die Tradition einer der ältesten christlichen Kirchen der Welt im deutschsprachigen Raum zugänglich

Im Juni 2026 besuchte er Frankfurt eine Diskussionsveranstaltung auf Einladung des „Interkulturellen Mediendialogs“, zu dem die EKHN als eine von vier Kooperationspartnern  viermal im Jahr einlädt.  Vorher sprach die Online‑Redaktion der EKHN mit ihm über Integration, die Zukunft des Glaubens und die Frage, wie ein gutes Miteinander in Deutschland gelingen kann. 

Sie sind Diakon der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien und leben in Deutschland. Wie können wir uns Ihre Religionsgemeinschaft vorstellen?

Amill Gorgis: Die Syrisch-Orthodoxe Kirche ist nach der Urgemeinde in Jerusalem die älteste christliche Kirche der Welt, die heute noch sehr lebendig ist. Unsere Mitglieder sprechen aramäisch, also die Sprache, in der Jesus gesprochen hat. Unser großer spiritueller Schatz sind zahlreiche Hymnen, in denen wir die Texte der Heiligen Schrift und ihre Auslegungen singend beten. Sie begleiten uns über das ganze Kirchenjahr. Als Diakon habe ich viele davon ins Deutsche übersetzt, denn viele unserer Gemeindemitglieder leben in Deutschland, ein großer Teil ist 2015 nach Deutschland geflüchtet. Aber ich habe den Eindruck, dass wir in Deutschland fast unerkannt leben.

Wie erleben sie es konkret, dass Sie und Ihre Gemeindemitglieder hier oft nicht als Christinnen und Christen wahrgenommen werden?

Amill Gorgis: Ich lebe seit 1970 in Deutschland, habe hier studiert und in einem großen Technologiekonzern gearbeitet. Wenn in unserer Abteilung Geburtstage gefeiert wurden, fielen manche Termine in unsere Fastenzeit. Das führte oft zu der Frage, ob wir gerade Ramadan hätten. Dann habe ich erklärt, dass ich kein Muslim bin, sondern syrisch‑orthodoxer Christ – und dass wir regelmäßige Fastenzeiten einhalten, in denen wir uns vegan ernähren.

Doch bei der nächsten Gelegenheit gingen viele wieder davon aus, ich sei Muslim. Meine Erklärung war beim ersten Mal nicht wirklich angekommen. Deshalb ist es wichtig, dass wir verständlich über unsere Herkunft, unseren Glauben und unsere Traditionen informieren.

Bleibeperspektive oder Rückführung? Die Debatte um Syrerinnen und Syrer, die 2015 nach Deutschland gekommen sind, flammt derzeit in der Politik auf. Was löst das bei den Mitgliedern der Syrisch-Orthodoxen Kirche aus?

Amill Gorgis: Vorweg möchte ich etwas einordnen: Ein beträchtlicher Teil der geflüchteten Mitglieder unserer Gemeinde zahlt heute in die sozialen Sicherungssysteme ein. Viele arbeiten in Deutschland in Krankenhäusern, Architekturbüros, Kitas, Pflegeeinrichtungen oder als Freiberufler im Catering. Vor allem Syrerinnen und Syrer unter 50 Jahren konnten beruflich hier Fuß fassen. Viele sind erfolgreich in ihrem Beruf, erfahren Anerkennung und berichten von vielfältigen Begegnungen am Arbeitsplatz.

Und ja: Ich schätze, dass etwa 10 Prozent unserer Mitglieder beruflich noch nicht Fuß gefasst haben. Sie haben noch keine dauerhafte Stelle und machen sich große Sorgen um ihre Zukunft.
Von der Politik wünsche ich mir, dass sie sich beim Thema Migration und Integration differenzierter äußert. Gleichzeitig vertraue ich darauf, dass wir in einem Rechtsstaat leben.

Syrerinnen und Syrer in Deutschland haben sehr unterschiedliche Aufenthaltsstatus: Einige besitzen bereits die deutsche Staatsbürgerschaft, andere haben eine Aufenthaltserlaubnis und einige wenige sind geduldet. Eine Aufenthaltserlaubnis lässt sich nicht ohne Weiteres aberkennen – sie ist ein rechtsstaatlich geschützter Aufenthaltstitel.

Haben  Sie von christlichen Syrerinnen und Syrern gehört, dass sie über eine Rückkehr nach Syrien nachdenken?

Amill Gorgis: Darüber denkt niemand nach. Denn in Syrien fühlen sich Christinnen und Christen durch die vorherrschende religiöse Ausrichtung abgelehnt. Das zeigt sich im gesellschaftlichen Miteinander, in der Bildung oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln, in denen Frauen und Männer beispielsweise getrennt sitzen müssen. Über Lautsprecher werden muslimische Predigten verbreitet, bei denen ein aggressiver Unterton gegenüber Minderheiten wahrgenommen wird. Diese islamische Missionierung erzeugt ein Unbehagen. Hinzu kommt die insgesamt prekäre Lage im Land: Für Minderheiten gibt es kaum verlässliche Rechtssicherheit.

Oft werden Abschiebungen in Zusammenhang mit Straftaten diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Amill Gorgis: Es gibt tatsächlich einige wenige Migranten, die ein Verbrechen begangen und ihr Gastrecht missbraucht haben. Da kann man sich schon überlegen, ob sie hier am richtigen Ort zu Hause sind. Allerdings sollte man auch hier differenzieren: Hat jemand einen kleineren Fehler etwa aus jugendlichem Leichtsinn begangen? Dann sollte er meiner Auffassung nach nicht gleich abgeschoben werden. Denn zu uns Menschen gehört, dass wir auch Fehler machen und daraus lernen sollten. 

Der Ton gegenüber Migrantinnen und Migranten ist schärfer geworden. Wie kann in Zukunft wieder ein besseres Miteinander in Deutschland gelingen?

Amill Gorgis: Gerade hier kann der christliche Glaube ein guter Kompass sein: Jeder Mensch ist nach dem Bilde Gottes geschaffen. Deshalb begegne ich in meinem Gegenüber immer auch dem Schöpfer. Aus dieser Überzeugung heraus hat jeder Mensch eine unveräußerliche Würde; so steht es auch im Grundgesetz. Wenn ich mein Gegenüber beleidige, beleidige ich letztlich auch den Schöpfer. Für mich als Christ ist Gott die Liebe. Und wer nicht in der Liebe ist, der kennt Gott nicht. Es ist wichtig, dass wir diesem Glauben treu bleiben.

Darum müssen wir klar unterscheiden zwischen einem Menschen und seiner Ideologie. Wenn wir uns mit radikalen Kräften in unserer Gesellschaft auseinandersetzen, sollten wir genau diesen Unterschied beachten: Wir nehmen die Menschen an, aber wir ordnen ihr Gedankengut kritisch ein.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, nicht zu verallgemeinern. Eine einzelne negative Erfahrung mit einer Person darf nicht auf eine ganze Gruppe übertragen werden. Niemand trägt Verantwortung für das, was ein anderer getan hat.
Ich weiß, dass die Lebensbedingungen in den letzten Jahren schwieriger geworden sind. Viele Deutsche finden keine Wohnung – und für uns ist es ebenfalls sehr schwer. Mit einem fremd klingenden Nachnamen ist es fast unmöglich, eine Wohnung zu bekommen.

Was macht ein gutes Miteinander verschiedener Kulturen, Konfessionen und Religionen aus?

Amill Gorgis: Syrien war lange ein multiethnisches und multireligiöses Land. In den Städten gab es Viertel, in denen armenische, drusische oder alevitische Restaurants nebeneinander lagen – und jede und jeder konnte die Esskultur der anderen genießen. Diese Vielfalt an Sprachen, Speisen und Musik hat mich geprägt.

Schwierig wurde es, als diese kulturelle Vielfalt zunehmend durch die Vorstellung einer einheitlichen arabischen Nation verdrängt werden sollte. Das war einer der Gründe, warum ich als junger Mann Syrien verlassen und in Deutschland studieren wollte.

Eine Gesellschaft sollte Raum bieten, damit sich unterschiedliche Kulturen gegenseitig bereichern. 

Die aramäische Gemeinschaft war aber auch von einem Völkermord Anfang des 20. Jahrhunderts betroffen. Wie prägt diese Erfahrung heute noch?

Amill Gorgis: Ja, es gibt die Geschichte des Genozids. Während des Ersten Weltkriegs, besonders ab 1915, wurden aramäische, assyrische und chaldäische Christinnen und Christen im Osmanischen Reich systematisch verfolgt. Schätzungen gehen davon aus, dass rund eine halbe Million syrisch‑aramäischer, chaldäischer und assyrischer Christinnen und Christen den Massakern, Vertreibungen und Todesmärschen zum Opfer gefallen sind.

2015 konnten wir auf dem Luisenkirchhof III in Berlin‑Charlottenburg eine Ökumenische Gedenkstätte für die Genozid-Opfer im Osmanischen Reich einweihen. Dort wird gemeinsam der Armenier, Griechen und Aramäer gedacht, die verfolgt und ermordet wurden.

Es ist wichtig, diese Erfahrung gemeinsam sichtbar zu machen. Damit zeigen wir auch, dass wir die Ideologien benennen und kritisch einordnen, die zu diesem Völkermord geführt haben.

2015 war ein entscheidendes Jahr. Wie haben Sie die Ankunft der Geflüchteten erlebt? 

Amill Gorgis: Ja, das war eine bewegende Zeit. Auch unsere eigene syrisch‑orthodoxe Gemeinde hat die Ankunft der vielen Geflüchteten anfangs als Herausforderung erlebt. Viele von ihnen kamen aus überwiegend arabischsprachigen Regionen Syriens, während in unserer Gemeinde, auch im Gottesdienst, Syrisch‑Aramäisch gesprochen wird. Deshalb war ich oft als Übersetzer gefragt, damit die Neuankömmlinge die Liturgie verstehen konnten.

Wir haben die neuen und häufig schwer traumatisierten Gemeindemitglieder unterstützt: beim Beantragen von Aufenthaltstiteln, bei der Suche nach einer Unterkunft, bei Familienzusammenführungen und natürlich auch in der seelsorgerlichen Begleitung.

Auch die evangelischen und katholischen Kirchengemeinden waren aktiv. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Amill Gorgis: Wir waren sehr schnell an einem Punkt, an dem wir uns überfordert fühlten. Deshalb habe ich den evangelischen und katholischen Nachbargemeinden einen Brief geschrieben und um Unterstützung gebeten. Was dann geschah, war überwältigend: In einem bis dahin leerstehenden Haus der katholischen Gemeinde konnten innerhalb von eineinhalb Jahren rund 300 Menschen eine vorläufige Bleibe finden. Die evangelische Gemeinde stellte eine Wohnung zur Verfügung, und eine jüdische Privatstiftung hat uns für eine gewisse Zeit 30 Wohnungen zu sehr günstigen Konditionen überlassen. Auch die Reformierte Gemeinde und ein benachbartes Krankenhaus haben mit Räumlichkeiten ausgeholfen. Für Transporte stellte uns eine freikirchliche Gemeinde einen Bus zur Verfügung. Heute wäre das kaum noch möglich, weil der Wohnraum so knapp geworden ist.

Diese ökumenische und interreligiöse Zusammenarbeit war ein großer Segen. Die Menschen haben erlebt: Wir sind nicht allein. Wir sind einander nähergekommen und haben erfahren, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind. All diese Hilfe wurde von Ehrenamtlichen getragen – und diese Erfahrung war für uns alle außerordentlich segensreich.

Wir alle erleben gerade unsichere Zeiten. Was möchten Sie Syrern und Deutschen ans Herz legen?

Amill Gorgis: Eine Gesellschaft ist dann stark, wenn jeder für jeden eine Verantwortung spürt. Es reicht nicht, Zuschauerin oder Zuschauer zu sein. Einheimische oder Zugereiste sollten sich überlegen: Wie kann ich mich einbringen? Ob das in der Schule ist, im Kindergarten, in der Kirche oder im Kiez ist – es ist wichtig am gesellschaftlichen Zusammenleben teilzunehmen. Wenn jedoch die Denkweise „Wir und die Anderen“ überhandnimmt, schwächt das unser Zusammenleben. Wir können alle gemeinsam anpacken, im Kleinen wie im Großen. Dann habe ich keine Sorge, dass wir uns nicht weiter zu einer starken und solidarischen Gesellschaft entwickeln.

Wir danken Ihnen für das Gespräch!

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