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Gastbeitrag aus der Telefonseelsorge: Auch nachts ist Hoffnung
veröffentlicht 07.04.2026
von Ehrenamtliche Mitarbeiterin der Telefonseelsorge Darmstadt, der Name ist der Redaktion bekannt
Wenn manche Menschen tagelang mit niemandem gesprochen haben oder die Angst sie wachhält, greifen sie auch nachts zum Telefon. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der TelefonSeelsorge erzählt in diesem Gastbeitrag, wie sie in der Nacht zuhört, Schmerz mitträgt und fürsorgliches Miteinander erlebbar macht.
Um drei Uhr morgens ist die Stadt menschenleer. Ein frischer Wind, der so gar nichts mit Frühling zu tun hat, treibt Papierfetzen über die Straßen und bewegt die Zweige der Bäume. Ihr Rauschen kann ich nicht hören; im Radio läuft „Nightshift“ von den Commodores, und ich habe den Sound aufgedreht, um wach zu werden. Zumindest der fetzige Moderator, der den Song angekündigt hat, ist auch schon auf den Beinen. Ich bin also nicht ganz alleine auf meiner Fahrt zur Telefonseelsorge, wo ich die nächsten Stunden verbringen werde, um einsamen, traurigen und gequälten Menschen zur Seite zu stehen.
„Unsere Gespräche sind keine Mühe, sondern ein Zeichen von Hoffnung.“
Anonyme, ehrenamtliche Mitarbeiterin der Telefonseelsorge
Regionalstellen der Telefonseelsorge in Hessen-Nassau
Die Telefonseelsorge ist eine Anlaufstelle für Menschen in seelischen Nöten und ist telefonisch (0800/111 0 111, 0800/111 0 222, 116 123) , per Chat und E-Mail erreichbar. Oberkirchenrat Dr. Dr. Raimar Kremer, Leiter des Zentrums Seelsorge und Beratung der EKHN beschreibt, was die Telefonseelsorge ausmacht: „Rund um die Uhr erreichbar – über 48.000 Gespräche allein 2025. Die TelefonSeelsorge hört zu, wenn niemand sonst da ist. Einsamkeit, Ängste, familiäre Konflikte: Die Themen der Anrufenden zeigen, wie groß der Bedarf an verlässlicher Unterstützung ist.“
Bundesweit gibt es über 100 lokale Telefonseelsorge-Stellen, die in der TelefonSeelsorge Deutschland e.V. organisiert sind. Anrufe unter den Hauptnummern werden oft automatisch an die nächstgelegene regionale Stelle weitergeleitet, um lokale Hilfsangebote vermitteln zu können.
Zur Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau gehören folgende Regionalstellen:
Gießen-Wetzlar:
- 1 hauptamtliche Stelle
- 90 ehrenamtlich Mitarbeitende
- 12.826 Telefonate im Jahr 2025
Darmstadt:
- 1 hauptamtliche Stelle
- 74 ehrenamtlich Mitarbeitende
- 11.237 Telefonate im Jahr 2025
Mainz-Wiesbaden:
- 1 hauptamtliche Stelle
- 81 ehrenamtlich Mitarbeitende
- 12.069 Telefonate im Jahr 2025
Frankfurt am Main:
- 1,75 hauptamtliche Stellen
- 93 ehrenamtlich Mitarbeitende
- 12.450 Telefonate im Jahr 2025
Insgesamt in Hessen-Nassau:
- 4,75 hauptamtliche Stellen
- 338 ehrenamtlich Mitarbeitnde
- 48.582 Telefonate
Die häufigsten Themen der Anrufenden sind:
- Einsamkeit,
- Ängste,
- Körperliche Beschwerden wie Erkrankungen und Behinderungen,
- familiäre Beziehungen,
- depressive Stimmung.
Wobei - die Stadt ist nicht wirklich so leer, wie es scheint. Hier und da leuchtet ein Fenster aus der Dunkelheit, auch bei dem Haus, das meinem „Arbeitsplatz“ gegenüber liegt. Hell, fast gleißend, bohrt sich das Licht in meine müden Augen. Macht sich da jemand fertig für den Job? Im Krankenhaus geht es früh los, und irgendjemand muss die Straßenbahnen ja fahren. Ist ein Kind krank und die Eltern in heller Aufregung? Oder vielleicht wollten die Eltern nur sichergehen, dass Junior die Ostereier nicht schon am Vorabend findet?
Ich weiß es nicht
Es könnte natürlich auch sein, dass da drüben jemand unter der Last der Sorgen und Probleme zusammenbricht. Nie ist der Schleier zwischen Rationalität und nackter Panik dünner als in den frühen Morgenstunden. In diesem Fall kann ich nur hoffen, dass wer auch immer dort drüben wach ist, die Nummer der Telefonseelsorge kennt: 0800-1110111 oder 0800-1110222
Begonnen hat alles Mitte des letzten Jahrhunderts in London, als ein anglikanischer Geistlicher, das erste rund um die Uhr erreichbare Hilfetelefon für Suizidgefährdete ins Leben rief. Schon drei Jahre später, 1956, wurde die erste Telefonseelsorge Stelle in Berlin eingerichtet. Seit 1978 sind alle Stellen unter bundesweit einheitlichen Nummern zu erreichen, und dank der Telekom sind die Gespräche inzwischen kostenlos. Zudem gibt es seit den Neunzigern auch die Möglichkeit, per Chat oder E-Mail mit den Seelsorgern in Kontakt zu treten. Suizid, obwohl weiterhin ein wichtiger Schwerpunkt der Seelsorgearbeit, ist jedoch längst nicht mehr zentrales Thema der Gespräche. Lediglich fünf Prozent der Anrufer haben suizidale Gedanken, nur ein Prozent konkrete Absichten, ihre Existenz zu beenden. Stattdessen spielen Ängste, Stress, Trauer, Verlust, und körperliche Erkrankungen tragende Rollen, wenn nicht Einsamkeit und Isolierung die Anrufer umtreiben, und dies besonders an Feiertagen. Unter den psychischen Erkrankungen steht wiederum die Depression an vorderster Stelle.
Womit davon werde ich wohl bei meiner österlichen Nachtschicht konfrontiert?
Der Tee dampft aromatisch vor sich hin und füllt den Raum mit dem Duft von Orange und Ingwer. Auf dem Schreibtisch sitzt ein Schokoladenosterhase, ein provozierendes Grinsen im Gesicht. Das sollte er besser lassen. Manche Gespräche sind so fordernd, da geht es nicht ohne Kalorien. Pech für den Hasen.
Im Moment schweigt das Telefon jedoch beharrlich; vielleicht sind jetzt alle doch mal ins Bett gegangen, um noch ein, zwei Stunden Schlaf zu erwischen. Würde ich ja auch gerne. Ein Gähnen drückt sich hoch und ich kann, will es nicht unterdrücken. Wieder wandert mein Blick zum erleuchteten Fenster gegenüber. Derselbe grelle Schein, aber keinerlei Bewegung. Vielleicht haben die einfach vergessen, die Lampe auszuschalten. Vielleicht ist es meinem doch sehr anspruchsvollen Ehrenamt geschuldet, dass ich immer gleich das Schlimmste vermute. Aber bei dem, was ich am Telefon mitunter zu hören bekomme, wird die vielzitierte Normalität zu einer Ausnahme, zu einem Geschenk, das ich gar nicht genug wertschätzen kann.
Das Telefon schrillt scharf in meine Gedanken. Sofort bin ich hellwach.
„Für einen kleinen Moment sind wir, die Anrufer und ich, in unserer Menschlichkeit verbunden – in einer zunehmend unmenschlichen und kalten Welt. “
Anonyme, ehrenamtliche Mitarbeiterin der Telefonseelsorge
Ein schwieriges Thema – sowohl für uns Seelsorger als auch für die Anrufenden – ist die Erreichbarkeit. Die lokalen Seelsorge Stellen sind alle rund um die Uhr besetzt, ganzjährig, das heißt auch an Weihnachten, Silvester – oder eben Ostern. Zu den Stoßzeiten, zwischen 17.00 und 22.00 Uhr organisieren viele Stellen oftmals Doppelschichten. Trotzdem ist es in Zeiten multipler Krisen und mobiler Kommunikation schwierig, der ständig steigenden Menge von Anrufen gerecht zu werden. Viele Anrufer beklagen sich – zu Recht – über die Wartezeiten. Aber die sind nun mal auch ein Ausdruck dafür, dass die TelefonSeelsorge mit ihrem anonymen, niederschwelligen Angebot, der Offenheit für (fast) alle Themen, und der Verschwiegenheit der Mitarbeiter essentielle psychosoziale Bedürfnisse abdeckt. Und diese Bedürfnisse – und damit die Anzahl der Anrufer - werden, so ist es zu vermuten, weiter ansteigen.
Der perlmuttfarbene Glanz des neuen Morgens vertreibt die Schatten der Nacht. Eine Tür knallt; dann startet unten auf der Straße ein Auto. Meine Tasse ist schon lange leer, aber der Osterhase grinst immer noch. Vier Gespräche waren es bislang, mit Menschen, die nicht schlafen konnten, weil sich der kommende Tag wie eine bedrohliche Welle aufbäumte. Mit Menschen, deren Stimme rauh erschien, weil sie seit Tagen mit niemandem reden konnten. Mit Menschen, die sich entschuldigen, weil sie mir „Mühe machen“.
Unsere Gespräche sind keine Mühe, sondern ein Zeichen von Hoffnung. Hoffnung, dass sich die nötige Kraft finden lässt, den Tag zu bestehen. Hoffnung, dass es vielleicht irgendwann anders, besser weitergehen kann.
Für einen kleinen Moment sind wir, die Anrufer und ich, in unserer Menschlichkeit verbunden – in einer zunehmend unmenschlichen und kalten Welt. Selten bringen die Gespräche wirkliche Lösungen oder gar welterschütternde Einsichten. Sehr oft können wir nur das tun, was unser Ausbilder so bildlich als „gemeinsam aushalten“ bezeichnet hat. Aber das ist schon viel. Wie oft werden Menschen nicht gesehen und nicht gehört. Keiner hat Zeit. Zeit ist Geld. Die Telefon Seelsorger und Seelsorgerinnen arbeiten ehrenamtlich. Da geht es nicht um Profit, sondern ums Füreinander Dasein, um Trost und Teilen – und um die Hoffnung, einen kleinen Beitrag zu einem fürsorglicheren Miteinander geleistet zu haben.
Und das nicht nur am Ostersonntag.
Das Fenster gegenüber ist nun dunkel. In der glatten Scheibe spiegelt sich der wolkige Morgenhimmel, grau, kühl und teilnahmslos. Warum das Licht die ganze Nacht an war werde ich nie erfahren. Sicher ist aber eins – wer des Nächstens durch die leere Stadt fährt, wird im Raum der Telefonseelsorge immer ein Licht leuchten sehen.
Hinweis: Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt. Da Anonymität bei der Telefonseelsorge ein zentraler Aspekt ist, wir ihr Name hier nicht angegeben.
Wir berichten nur über Suizid / Selbsttötungen, um mit den entsprechenden Informationen vorbeugend wirken zu können. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Telefon-Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beraterinnen und Beratern rund um die Uhr, an jedem Tag im Jahr. Die Beratenden konnten schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen. Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist kostenfrei. Zusätzlich bietet die Telefonseelsorge eine E-Mail- sowie eine Chat-Beratung an.
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