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Warum Zweifel den Glauben stärken können
veröffentlicht 02.02.2026
von Rita Haering
Warum lässt Gott Leid zu? Was hilft, wenn der eigene Glaube ins Wanken gerät? Im neuen „Geist.Zeit“-Podcast spricht Kirchenpräsidentin Tietz über Glaubenszweifel und ihre Auseinandersetzung mit Nietzsches Religionskritik. Dabei eröffnet sie überraschend zuversichtliche und tragfähige Perspektiven.
Theodizee
Warum lässt Gott Leid zu? Der Versuch, diese Frage zu beantworten, wird Theodizee genannt (griechisch: „Rechtfertigung Gottes“). Gemeint ist die Suche nach einer Begründung dafür, wie sich der Glaube an einen guten, gerechten und allmächtigen Gott mit dem Leid und dem Bösen in der Welt vereinbaren lässt.
In der Geschichte der Theologie haben sich verschiedene Antworten herausgebildet. Einige verweisen auf den freien Willen des Menschen, der auch zu zerstörerischen Entscheidungen führen kann. Andere betonen einen größeren, für Menschen nicht durchschaubaren göttlichen Plan. In der evangelischen Tradition spielt zunehmend die Vorstellung eine zentrale Rolle, dass Gott an der Seite der Leidenden steht und ihnen in Jesus Christus nahekommt.]
„Wer ist eigentlich Gott, wenn er ein solches Leid zulässt?“ Diese Frage stellen sich viele Menschen angesichts von Krieg, Gewalt und persönlichem Leid. Auch Friedrich Nietzsche rang damit. Denn er musste als kleines Kind erleben, dass sein Vater nach langer Krankheit elend starb. Seine späteren Schriften enthalten eine radikale Kritik an Gott und am christlichen Glauben.
Podcast stellt christlichen Glauben auf den Prüfstand
Prof. Dr. Christiane Tietz, die Kirchenpräsidentin der EKHN, hingegen ermutigt angesichts der Theodizee-Frage: „Das Zulassen von Zweifeln macht den Glauben nicht zwingend kaputt, sondern es macht ihn stärker und tiefer.“ Anlass ihrer Aussage war der Live-Podcast „Mit Nietzsche um den Glauben ringen“ in der Evangelischen Akademie Frankfurt am 19. Januar 2026. Die Folge ist Teil des Podcastes „Geist.Zeit“ von Fokus Theologie, der Fachstelle für Erwachsenenbildung der Deutschschweizer Reformierten Kirchen.
Auseinandersetzung mit Religionskritik als Impuls für einen tragfähigen Glauben
Christiane Tietz erklärt, dass die Auseinandersetzung mit Religionskritik helfe, überholte Gottesbilder hinter sich zu lassen – etwa die Vorstellung, Leid sei eine Strafe Gottes für Sünden. Für ihren eigenen Glauben sei die Vorstellung entscheidend, „dass Gott sich in Jesus Christus an die Seite der Leidenden stellt.“
Den menschenfreundlichen Gott entdecken
Auf der Suche nach einer Antwort zur Frage nach dem Wesen Gottes angesichts des Leides in der Welt habe die Kirchenpräsidentin die Gedanken des evangelischen Theologen Karl Barth als inspirierend erlebt. Laut Karl Barth zeigt sich das Wesen Gottes, indem wir auf Jesus Christus schauen. In Jesus Christus begegnet uns Gott. Nach Karl Barth sei Jesus Christus das große „Ja“ Gottes zum Menschen und das große „Ja“ zu dieser Welt. Im Gegensatz zu der Frömmigkeit, mit der Nietzsche aufgewachsen ist, gehe Karl Barth davon aus, dass es auch Geschehnisse in dieser Welt gebe, die nicht von Gott kommen und zu denen Gott „Nein“ sage und sie ablehne. Die Kirchenpräsidentin fasst zusammen: „Es ist ein menschenfreundlicher Gott, der sich in Jesus Christus zeigt. Es ist der Gott, der viele Dinge in dieser Welt, die nicht menschenfreundlich sind, klar ablehnt.“
Diskussion in der Evangelischen Akademie Frankfurt und Podcast
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Im Rahmen des Podcasts diskutiert Kirchenpräsidentin Tietz mit Thorsten Dietz und Andreas Loos von der Fachstelle Fokus Theologie über weitere Themen wie Nietzsches Vorstellung einer ewigen Wiederkunft des Gleichen, seine Ablehnung von Mitleid und das Selbstbild Nietzsches. Hören lassen sie sich hier:
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