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Kirchenpräsidentin: „Künstlicher Intelligenz nicht zu viel zutrauen“
veröffentlicht 31.10.2025
von Peter Bernecker
Beim zentralen Gottesdienst der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) zum Reformationstag am 31. Oktober 2025 hat sich die hessen-nassauische Kirchenpräsidentin Christiane Tietz in Wiesbaden für einen pragmatischen und zugleich wachsamen Umgang mit dem Thema Künstliche Intelligenz ausgesprochen.
Vertrauen auf KI?
„Kaum etwas scheint weiter entfernt von Künstlicher Intelligenz zu sein als die Zehn Gebote des Alten Testaments“, sagte Christiane Tietz in ihrer Predigt in der Wiesbadener Lutherkirche. Sie führte aus, inwieweit sie KI für nützlich, aber auch für problematisch hält, nämlich dann, wenn diese suggeriere, sie sei ein mitfühlendes und vertrauenswürdiges Gegenüber. Erfahrungen mit ChatBots als „Ratgeber“ zeigten, dass die Systeme Empathie vorspielten. Bei einer KI als Gegenüber laufe aber das für das Menschsein so zentrale Vertrauen ins Leere. Im Gegensatz dazu betonte Tietz: „Unser Gott führt uns in die vielleicht anstrengende, aber dem Menschen entsprechende Freiheit, unser Leben selbst zu gestalten. Ganz im Sinne des Ersten Gebotes: ‚Ich bin der Herr dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe‘.“
Abschließend warnte Tietz davor, KI zu vertrauen angesichts dessen, dass sie manipulierend eingesetzt werden kann: „Lassen wir uns nicht vormachen, wir hätten es bei KI mit einer naturgemäß ‚guten‘ oder zumindest ‚neutralen‘ Macht zu tun! Lassen wir uns von KI nicht unsere Urteile und ethischen Entscheidungen abnehmen.“
Der Gottesdienst zum Reformationstag stand unter dem Motto „1-0-1-1 [G-o-t-t]?“ – es ging um Künstliche Intelligenz im Zusammenhang mit dem Ersten Gebot.
Orientierung über den Zeitgeist hinaus bieten
Die Präses der Kirchensynode, Birgit Pfeiffer, hatte die mehr als 400 Gäste begrüßt. „Wir sehen es als unseren Auftrag, in einer komplex gewordenen Weltlage und Gesellschaft Fragen zu stellen und Orientierung über den Zeitgeist hinaus zu bieten. Es geht darum die Schöpfung zu bewahren, die Schwächsten zu schützen, Gemeinschaft zu bieten und miteinander im Gespräch zu sein, um Gräben zu überwinden“, sagte sie zur Bedeutung der Evangelischen Kirche in der heutigen Zeit.
Viele Akteure beim Reformationsgottesdienst
Weitere Mitwirkende des Gottesdienstes waren Hessen-Nassaus Stellvertretende Kirchenpräsidentin Ulrike Scherf, die Präses der Kirchensynode Birgit Pfeiffer, der neue Landesjugendpfarrer Matthias Braun, Reverend Christopher Easthill, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, der katholische Pfarrer Klaus Nebel sowie Pfarrer Johannes Lösch, Vikarin Paula Greb, Lektorin Linn Katharina Döring sowie der Vorsitzende des Kirchenvorstandes Andreas Keller aus der Martin-Luther-Gemeinde Wiesbaden. Für Musik sorgten Manuel Pschorn an der Orgel sowie der Bachchor Wiesbaden unter der Leitung von Kantor Niklas Sikner. Im Anschluss an den Gottesdienst tauschten sich Mitwirkende und Gäste bei einem Empfang aus.
Kollekte für „upstairs“
Die Kollekte des Gottesdienstes war für das Wiesbadener Projekt „upstairs“ bestimmt. Die spendenfinanzierte Anlaufstelle bietet jungen Menschen in Not Hilfe an. Nähere Informationen gibt es hier: www.evim.de/jugendhilfe/upstairs
Hintergrund zur Reformationsfeier
Am 31. Oktober erinnern Protestantinnen und Protestanten in aller Welt an den Beginn der Reformation vor über 500 Jahren und die Entstehung der evangelischen Kirche. Am Tag vor Allerheiligen 1517 brachte der Mönch und Theologieprofessor Martin Luther seine 95 Thesen zu Ablass und Buße in Umlauf. Der Überlieferung nach soll er seine Ideen in lateinischer Sprache an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen haben, um eine akademische Diskussion auszulösen. Mit seinen Thesen leitete Luther die Reformation der Kirche ein. Seit 1994 veranstaltet die EKHN als Gesamtkirche einen Festgottesdienst anlässlich des Reformationstags. Bei ihm wird in der Regel ein aktuelles Thema aus Kirche, Gesellschaft oder Politik besonders beleuchtet.
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